Start des Ski-Weltcups Warum die Skistars in der Klimakrise stecken
Der Alpine Weltcup-Zirkus startet am Wochenende in Sölden – die Skiszene dürfte ein Problem mit dem Klimaschutz bekommen, nicht nur, weil die Gletscher schmelzen.
Der Alpine Weltcup-Zirkus startet am Wochenende in Sölden – die Skiszene dürfte ein Problem mit dem Klimaschutz bekommen, nicht nur, weil die Gletscher schmelzen.
Stuttgart/Sölden - „Es muss ein Testverbot geben wie in der Formel 1, es darf nicht mehr erlaubt sein, von Juni bis September auf Gletschern zu trainieren.“ Felix Neureuther war nie um eine Aussage verlegen, das ehrte ihn schon früher, als er im Slalom und Riesenslalom 13 Weltcup-Siege feierte und er im Slalom einmal Vizeweltmeister sowie zweimal WM-Dritter war. Im März 2019 wurde aus dem Berufssportler ein Hobby-Skifahrer, der den Alpinen Weltcup interessiert verfolgt und als TV-Experte sein Wissen verbreitet – der sich aber auch einen kritischen Blick auf die Szene angeeignet hat.
Dieses Wochenende beginnt die Weltcup-Saison auf dem Gletscher in Sölden mit dem Riesenslalom der Frauen (Samstag/13.15 Uhr) und dem der Männer (Sonntag/13.30 Uhr/beide ARD). Neureuther äußerte sich recht kritisch über das gesamte Spektakel, mit dem er einst sein Geld verdiente. Aus Sicht des 37 Jahre alten Familienvaters sei es höchste Zeit, „am Rennkalender was zu ändern. Man weiß aus der Erfahrung der vergangenen 20 Jahre, dass das im Oktober auf einem Gletscher zäh umzusetzen ist“. Er plädiert für eine Verschiebung in den November. „Der Termin Ende Oktober ist für mich aus der Zeit gefallen“, befand Neureuther.
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Nun hat der Bayer nichts gegen Tradition im Skizirkus, doch wenn sie in Konjunktion zur Klimaentwicklung steht, setzt die Frohnatur ein ernstes Gesicht auf. „Wie willst du glaubwürdig sein, wenn du im Sommer auf Gletschern Ski fährst, die es bald nicht mehr gibt?“, fragte der Ex-Rennläufer, „es ist nicht mehr zeitgemäß.“ Dass sich die Alpengletscher in höhere Gefilde zurückziehen, ist unbestritten; zudem werden die Zeiten kürzer, während denen ausreichend Naturschnee fällt, um Pisten gut zu präparieren. Experten sind sich einig, dass sich die Jahresmitteltemperatur bis 2100 im Vergleich zu heute um mindestens zwei Grad erhöhen wird. Nur durch Maßnahmen wie im Pariser Klimaschutzabkommen vorgesehen, könnte der Wert unterboten werden.
Die für den Sport nötige natürliche Schneedecke wird sonst zurückgehen. Dabei verkürzt sich die Dauer der weißen Pracht um Wochen, weil sich Anzahl und Dauer der potenziellen Schneefallzeiten verringern – nur noch im Januar und Februar fällt oder liegt genug Schnee. Die Folgen der Erwärmung sind längst erkennbar, man muss keine naturwissenschaftlichen Abhandlungen verstehen. „Am Stilfser Joch gibt es immer größere Gletscherspalten“, sagt der deutsche Rennläufer Sebastian Holzmann, „es können ganze Abschnitte nicht mehr genutzt werden. Jahre zuvor war alles noch weiß.“
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Laut Studien halbiert sich die Zahl der 5000 Alpengletscher in den nächsten Jahren. Sie schmelzen, doch im Grunde stören sie sich nicht daran, dass Menschen sie nutzen. „Durch Skifahren wird ein Gletscher nicht geschädigt“, sagt der Grazer Glaziologe Gerhard Lieb, „und die Tatsache, dass sie künstlich beschneit werden, verändert ihren Haushalt nicht wesentlich, obwohl Schnee eingebracht wird.“ Der Leiter des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenvereins hat die Eisströme mit und ohne Skibetrieb untersucht und kein signifikantes abweichendes Verhalten festgestellt. Nicht Training und Wettkampf auf dem Gletscher sind das Problem, es sind die Begleiterscheinungen des Weltcup-Zirkus. Sie halten einer Nachhaltigkeitsbetrachtung nicht stand.
Skistars müssen im Sommer fleißig üben, um im Oktober auf dem Stockerl zu stehen – und zwar nicht im Sportstudio. „Alpine müssen auf Schnee“, postulierte Wolfgang Maier vor Jahren. Weil Gletscher schmelzen, schrumpft die Übungsfläche, weshalb der Alpinchef des Deutsches Ski-Verbandes (DSV) die Nationalteams gerne nach Südamerika verfrachtet, was Klimaschützer wiederum als Sünde betrachten. 2021 war der DSV-Tross zwar nicht in den Anden, aber nur, weil es Probleme wegen der Einreise gab. Daher schlug der Verband die Lager in Berchtesgaden, Bad Wiessee, Oberstdorf und Garmisch auf. „In Südamerika fährst du auf Winterschnee“, betont Maier, „das eine ist Winterschnee, das andere ist Gletscherschnee.“
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Im Weltcup bestehen die Strecken nicht mehr aus Naturschnee, da „das Spektakel nur auf Kunstschnee geht“, wie Maier einmal erklärte. Etwa 50 000 Schneekanonen sorgen in den Alpen bei Profi- und Hobbyläufern für die nötige Unterlage. Ihr Betrieb ist nicht immer unbedenklich. In der Schweiz wird auch ein bakterielles Protein zur Schneebildung eingesetzt, das in Deutschland und Österreich verboten ist. Am Dachstein wird Schnee auf Vorrat produziert, um ihn bei Bedarf zu liefern (Snow-Farming), dumm nur: Die Athleten schätzen die Qualität nicht. „Das Skigefühl ist schlechter, der Schnee ist unterschiedlich“, sagt Holzmann, „mal ist er eisig, mal bricht er.“ Aber besser als nichts. Nach den Kosten und vor allem nach der Energie- und CO2-Bilanz der Kanonen und des Snow-Farming fragt man besser nicht – und beheizte Sessellifte dürften wohl kaum klimaneutral für einen warmen Po sorgen.
Leonie Bremer war oft in Österreich zum Snowboarden. Vor drei Jahren hat die 22-Jährige ihr Brett weggegeben. „Ich habe das gern gemacht“, sagt die deutsche Sprecherin von Fridays for Future, „aus Klimaschutzgründen habe ich aufgehört.“ Das mag für Hobbyläufer eine Option sein, für die Profis aus dem Weltcup eher nicht. Der Internationale Ski-Weltverband und der DSV müssen sich etwas einfallen lassen – eine Terminverschiebung dürfte da nicht ausreichen.