Möhringen - Als freier Softwareentwickler für einen großen Autokonzern stellte sich Markus Kohlhase eines Tages die Sinnfrage. Ehrenamtlich engagierte er sich für Nachhaltigkeit, doch sein Beruf fühlte sich an wie Arbeit für das Gegenteil. 2016 gründete er deshalb seine eigene Firma Slowtec. „Ich möchte Geld verdienen mit der Arbeit, die ich für sinnvoll erachte“, sagt Kohlhase heute. Anfangs waren auch noch Agraringenieure mit an Bord, nach einem internen Kurswechsel arbeiten für Slowtec in Stuttgart-Möhringen nun vier Festangestellte und um die zehn Freiberufler an Softwareprojekten, die die Welt besser machen sollen – bei möglichst geringem Technikeinsatz.
Bei einigen der Projekte ist die Nachhaltigkeit sofort ersichtlich, zum Beispiel bei einer Software, die die Spiegel eines Solarturmkraftwerks anhand der Wetterlage und des Sonnenstands optimal ausrichten soll. Die hat Slowtec für ein Stuttgarter Ingenieurbüro entworfen. Auch ein Programm für eine intelligente Bewässerungsanlage, die Pflanzen nur nach Bedarf versorgt und so Wasser spart, stammt aus dem Hause Slowtec.
Besonders stolz ist Kohlhase außerdem auf ein Projekt für die Energiebranche, bei der Slowtec-Software im Zusammenspiel mit vielen anderen Zulieferern dabei hilft, Unregelmäßigkeiten in der Stromversorgung zu erkennen und auszugleichen. „Für dieses spezielle Problem haben wir es geschafft, eine sehr smarte, zuverlässige und kleine Lösung zu entwickeln“, erzählt er begeistert.
Nachhaltige Software statt hohe Gehälter
Abgesehen von Beiträgen zur Energiewende geht es Kohlhase auch darum, die IT selbst nachhaltiger zu machen. „Wenn ich es schaffe, Software langlebig zu gestalten, spare ich auch damit Ressourcen“, erklärt er. „Durch offene Schnittstellen und offenen Quellcode garantieren wir, dass die Software lange genutzt und erweitert werden kann, selbst wenn wir als Firma nicht mehr existieren.“ Industriebetriebe riskierten sonst zum Beispiel, große und teuer angeschaffte Maschinen unnötig verschrotten zu müssen, nur weil die damit verbundene Software veraltet sei oder der Hersteller sie nicht mehr warte. Dagegen könne auch sogenanntes „Retrofitting“ helfen, also das Wiederflottmachen alter Systeme mit aktueller Software.
Für Slowtec, das bisher für kleine und mittlere Unternehmen arbeitet, bedeutet die konsequente Firmenphilosophie aber auch, auf steiles Wachstum zu verzichten. Kohlhase rät potenziellen Kunden teils davon ab, überhaupt neue Software bei seiner Firma zu bestellen, wenn sich das Problem einfacher oder günstiger lösen lässt. „Ich setze auf Sinnmaximierung und nicht auf Gewinnmaximierung“, sagt Kohlhase dazu. Hohe branchenübliche Gehälter sind deshalb kaum möglich, für ihn arbeiten Idealisten.
Ökobilanz beschäftigt auch die Großen der IT-Branche
„Nachhaltigkeit ist einer der großen Trends in der IT“, bestätigt auch Steffen Becker, Professor für Softwaretechnik an der Uni Stuttgart – obwohl Firmen wie Slowtec mit einem solchen Fokus auf Nachhaltigkeit noch ungewöhnlich seien. „Heutzutage legen Unternehmen viel mehr Wert darauf, dass ihre Software noch in zwanzig Jahren läuft.“ Beispiele dafür seien Autos oder Industrieanlagen, in denen immer mehr Computerchips stecken.
Kohlhase, der selbst in Stuttgart studiert hat, plädiert dafür, diese Vernetzung im „Internet der Dinge“ auf nützliche und nötige Anwendungen zu beschränken. Becker betont, dass IT-Systeme durch kluge Automatisierung oft mehr Ressourcen einsparten, als sie selbst verbrauchen. Sein Kollege Marco Aiello, Informatikprofessor und Experte für smarte Energiesysteme, sieht großes Sparpotenzial darin, in intelligenten Häusern und Städten die Strom- und Heizversorgung zu optimieren, ohne dass ein Mensch selbst steuern muss. Aber auch der zunehmende ökologische Fußabdruck der IT selbst beschäftigt ihn, beispielsweise bei stromhungrigen Anwendungen von Künstlicher Intelligenz: „In Zukunft wird fast alles eine CO2-Bilanz brauchen, und darin muss auch die Software mit einberechnet werden.“