Start-up-Gipfel in Stuttgart Sattheit als größtes Risiko

Im Südwesten nutzen viele Startup-Unternehmen ihre Bühne. Foto: dpa
Im Südwesten nutzen viele Startup-Unternehmen ihre Bühne. Foto: dpa

Das Land hat zum Start-up-Gipfel auf dem Messegelände Stuttgart geladen – ein gutes Zeichen. Doch noch fehlt der Mut, auch Innovationen ernst zu nehmen, die nicht auf vorhandenen Stärken aufbauen, schreibt Andreas Geldner.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)
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Stuttgart - Die Selbstdarstellung des Startup-Standorts Baden-Württemberg erinnert an das Bonmot des einstigen Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel: „Der Schwabe tut so, als ob er arm sei, aber er ist beleidigt, wenn andere ihm das glauben.“ Bei der Frage, ob das Land Nachholbedarf beim Thema Gründerkultur hat, überschlagen sich zurzeit Initiativen, Programme und Ideen, wie man sich im globalen Wettbewerb der Ideen und Innovationen attraktiver machen will. Am Freitag setzte die Landesregierung beim bisher größten Treffen Landestreffen rund um Startups, ein sichtbares Zeichen.

Selbstlob unter dem Deckmantel der Selbstkritik

Doch wer die Debatte verfolgt, erlebt auf vielen Veranstaltungen im Land ein Ritual. Auf der Einladung stehen dramatische Fragezeichen zur Zukunft des baden-württembergischen Erfolgsmodells. Doch am meisten Beifall gibt es immer für die Redner, die betonen, wie eigentlich ganz großartig doch alles sei. Und fast beleidigt schieben diese oft hinterher, dass man doch den eigenen Standort nicht herunterreden solle! Kreative Unruhe hört sich anders an.

Die Stärke des Südwestens ist die Vielfalt des Mittelstands oder auch das Netzwerk, das Großkonzerne sowie kleine und mittlere Betriebe etwa im Bereich Automobil miteinander verbindet. Innovation war hier schon immer in der DNA. Dazu kommt die gewachsene Bereitschaft, auch Startups die Tür zu öffnen. Ein Ingenieur oder Uniabsolvent, der etwa eine Startup-Idee im Bereich Industrie 4.0 hat, findet Förderer und Partner. Das darf man auf jeder Werbetour für den Standort zu Recht betonen. Doch genau diese Abhängigkeit von bestehenden Branchen, die vor gewaltigen Umbrüchen stehen, ist andererseits die Crux der Landes-Wirtschaftspolitik.

Nicht nur auf dem Bestehenden aufbauen

Ein lebendige Gründer-Kultur, die der Startup-Gipfel BW propagieren will, darf nicht einfach komplementär zum Bestehenden sein. Zu ihr gehört im Gegenteil die nagende Unzufriedenheit mit dem Vorhandenen. Sie lebt vom Wunsch nach Aufbruch, nach radikal neuen Ideen, nach dem „Denken außerhalb der Box.“ Wirklich ambitionierte Gründer sind unzufrieden mit dem Status quo. Sie träumen nicht davon, von einem Branchenführer „adoptiert“ zu werden oder sich in die Innovationsstrategie eines Großkonzerns einzufügen.

Der größte Feind einer Weiterentwicklung des Startup-Standortes Baden-Württemberg ist die Sattheit. Es gibt im Land seit vielen Jahren eine reichhaltige Gründerförderung. Man kennt sich. Und wenn das Land eine neue Idee zur Förderung des Startup-Wesens hat, dann landet die Umsetzung meist bei bekannten Partnern – natürlich säuberlich regional differenziert. Auf dem Startup-Gipfel, der doch der gemeinsamen Außendarstellung des Landes dienen soll, präsentiert man gleich neun regionale „Ökosysteme“.

Bloß eine App - da rümpft man die Nase

Aus der Betonung der eigenen Stärken wird schnell das Naserümpfen über die windigen Gestalten, die Berlin immerhin zu einem Anlaufpunkt für internationale Startup Investoren gemacht habe. Oder über die Amis, die Autos zwar programmieren, aber niemals solide bauen können. Oder über die Spinner, die mit Apps auf dem Markt gehen, hinter denen doch keine neue Technologie steckt, sondern „nur“ ein kreatives Geschäftskonzept. Es schwäbelt bei vielen Startup-Events – selbst wenn die Tagungssprache Englisch ist. Eine vitale Startup-Kultur steht aber auch für Internationalität und das Unkonventionelle.

Das Lernen von anderen ist die Essenz der Innovation. Israel beispielsweise will von der Industrie 4.0 im Land profitieren. Berliner Investoren erkennen, dass bei den Technologie-Startups im Land Schätze zu heben sind. Nie würde man das dort als Infragestellung der eigenen Stärken verstehen. Die Devise im Land muss sein: Es gibt keine bewährten Modell, sondern nur Modelle, die sich immer neu bewähren müssen. Das ist Startup-Denken.

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