Start-up mit AR Die Gründer-Vision braucht die USA

Diese Murmel, die Marble den englischen Namen gegeben hat und die in der App auf dem Smartphone-Bildschirm auftaucht, kann man anklicken und Erinnerungen darin speichern oder welche wieder sichtbar machen – mit der  realen Welt im Hintergrund. Foto: Marble/Brückner

Der Karlsruher Tom Brückner will mit einer App, die in der so genannten Augmented Reality (AR) reale und digitale Welt verbindet, die nächste Revolution des Internets mit vorantreiben. Doch die Ermutigung dazu fand er nur in den Vereinigten Staaten.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Karlsruhe - Irgendwo tief drin steckt in Tom Brückner ein echter Amerikaner. Der Computerwissenschaftler und gebürtige Karlsruher hat keinerlei Scheu vor großen Visionen. In Baden-Württemberg arbeiten Gründer gerne an handfesten Dingen, sehr oft für Geschäftskunden. Da sind eher Perfektion und Liebe zum Detail gefragt. Brückner hingegen ist eher der Typ mit Ideen für die bunte, weite Welt des Internets – also etwas, was man hier eher mit der Berliner Szene assoziiert.

 

Realität und Virtuelles verschmelzen

So glaubt er fest an eine Zukunft, in der Realität und Virtuelles immer enger miteinander verschmelzen. „Marble“ ist so ein Konzept, das es jedem ermöglichen soll, an realen Orten virtuelle Erinnerungen zu hinterlegen. Wer die App herunterlädt, kann virtuelle Marker hinterlegen. Ruft man sie auf, prüft sie die genauen Ortsdaten: Und dann tauchen auf dem Fotobildschirm auf einmal virtuelle Objekte auf, die sich mit diesem realen Ort verbinden.

Das kann ein persönliches Erinnerungsfoto oder ein Video sein, das man vor Jahren beim Besuch an dieser Stelle aufgenommen hat. Das können aber auch Informationen und Links sein, die zu diesem Ort passen.

Das Geschäftsmodell ist offen

Was ist das Geschäftsmodell? So würde eine deutsche Start-up-Jury sofort fragen. „Haben wir derzeit keines“, sagt Brückner trocken. Es ist jedenfalls sicher, dass man wie bei allen erfolgreichen und massentauglichen Internetanwendungen die App gratis anbieten wird. Geschäfte machen will man dann durch bezahlte Werbung. Es gebe in den Vereinigten Staaten das Bonmot: Wenn man ein Geschäftsmodell hat, ist man kein Start-up mehr, so Brückner.

„Das mögen Schwaben und insbesondere die schwäbischen Investoren nicht.“ Hier gelte es vielmehr als Tugend, wenn sich Gründer erst einmal aus eigener Tasche finanzieren. „Die hiesigen Investoren wollen kein wirkliches Risiko eingehen. Auch das ist ein Grund, warum ich in den Staaten unterwegs bin“, sagt Brückner.

US-Investoren sehen Chancen

Seine Investoren sehen dagegen die enormen Chancen. Zwei wichtige – ein Risikokapitalfonds aus New York und die in Colorado gegründete Start-up-Plattform Techstars – stammen aus den USA, ein weiterer aus Barcelona. Aber auch immerhin drei sogenannte Business Angels hat Brückner in Deutschland gefunden, als Investoren, die gleichzeitig das Produkt weiterentwickeln helfen. Doch das machten vor allem persönliche Beziehungen möglich.

Und obwohl Marble bisher noch kein Geld verdient, sind sie dabei, weil sie glauben, dass Brückners Konzept Teil der nächsten Weiterentwicklung des Internets sein wird, in der die digitale Welt nahtlos mit der realen verschmilzt. „Sie sehen, dass Marble das erste praktische Nutzungsbeispiel auf diesem Weg ist“, sagt Brückner, „und sie wollen da mitspielen.“

Die Ursprungsidee war anders

Das Verrückteste: Entstanden ist das Projekt aus einem völlig anderen Konzept, das sich erst aus den Kontakten in den USA zu dem weiterentwickeln konnte, was es heute ist. Ursprünglich wollte Brückner eine Anwendung entwickeln, die es ermöglicht, in ein Livekonzert virtuelle Elemente zu integrieren. Schon heute zücken viele Konzertbesucher ihre Smartphones, so war Brückners Ursprungsgedanke. Bei Brückners Technologie sollte man sein Smartphone in den Konzertsaal richten – und auf dem Bildschirm atemberaubende optische Effekte erleben, die Realität und Simulation verbinden.

Mit dem Konzept, das letztlich darauf setzte, dass Konzertbesucher statt mit dem Smartphone in der Hand das Ganze mit der Datenbrille erleben, gewann er 2017 einen Ideenwettbewerb auf der Kreativmesse SXSW im texanischen Austin, die zu den bedeutendsten der Welt zählt. Dass aus der Idee letztlich nichts wurde, schmerzt Brückner nicht. Denn dank des Techstars Start-up-Wettbewerbes in den USA fand er Menschen, welche seine Idee erst zur richtig großen Vision machten. „Wir waren damals eines von acht Start-ups, die weltweit aus mehr als 600 ausgewählt wurden. Und wir waren die einzigen mit deutschen Wurzeln.“

Nicht nur die Nische sehen

Die Idee, sich auf das Einbetten von Augmented Reality im Rahmen von Konzerten zu beschränken, sei den Mentoren, davon einige aus den höchsten Zirkeln der US-Musikindustrie, viel zu „nischig“ gewesen, sagt Brückner. „Bei den Amerikanern heißt es immer gleich: Think big – denke in großen Dimensionen.“ Er ist davon überzeugt, dass es für große Visionen eine gewisse naive Begeisterungsfähigkeit braucht, wie sie die amerikanische Kultur auszeichnet.

„Wenn ich in Deutschland etwas vorstelle, was neu und ungewohnt ist, dann erklären mir die Menschen zuallererst, warum wir es nicht brauchen. Wenn ich in den USA darüber mit dem Uber-Taxifahrer rede, dann sagt er sofort: Wie geil ist das denn? Kann ich das irgendwo herunterladen?“ Er sei ja vom Typ her urdeutsch und heimatverbunden. „Aber ich habe schnell begriffen, dass ich das hierzulande nie zum Fliegen bringe.“

Die richtige Mischung

Und gleichzeitig hat er verstanden, dass es für einen Gründer die richtige Mischung macht. Denn sich als Deutscher ganz zu amerikanisieren sei letztlich unmöglich. Er plädiert dafür, viel von der amerikanischen Innovationskultur zu lernen, sie aber nicht einfach zu imitieren.

Dass die massentauglichen und unseren Alltag prägenden Internetinnovationen weitgehend aus den USA kommen, das hat nach seiner Erfahrung mit einer völlig anderen Prioritätensetzung zu tun. Während deutsche Gründer ihre technologische Kompetenz und ihr Know-how in den Mittelpunkt stellen, ist das Marketing dort vom allerersten Moment an Kern der Kommunikation.

Mehr Begeisterung als Technik

Start-up-Präsentationen amerikanischer Art, so hat Brückner gelernt, sind eher Begeisterungsfestivals als technische Erläuterungen. Dick auftragen, übertreiben – was das Publikum wissend und ein bisschen augenzwinkernd goutiert – sei der Schlüssel. Kulturell sehr geprägte Badener und Württemberger tun sich damit schwer. Selbst Brückner, aus südwestdeutscher Sicht eher ein visionärer, bunter Vogel, hat längst kapiert, dass er nie an den Punkt kommen wird, wo er das genau so auf die (Show-)Rampe bringen kann wie ein Amerikaner, der die Selbstinszenierung von Kindesbeinen an lernt.

Der Vorteil für Projekte wie Brückners, die auf schnelle und enthusiastische Verbreitung unter vielen Nutzern angelegt sind, ist die Tatsache, dass dafür die Vision und das aggressive Marketing der absolute Schlüssel sind. Klein denken geht bei einer App, die in einem heftig umkämpften Umfeld möglichst auf jedes Smartphone soll, einfach nicht.

Der US-Gründerstil hat Risiken

Die amerikanische Herangehensweise birgt aber auch Risiken. Blender, die nichts können, außer sich gut zu verkaufen, können dort relativ weit kommen. Die Gründerin und der Gründer der angeblichen Bluttestentwickler Theranos und des Büroanbieters We Work flogen hoch – und stürzten mangels Substanz steil ab. Bei Theranos endete es sogar in einem Gerichtsverfahren wegen Betrugs.

Brückners Rat: „Einfach rüberfliegen, sich die Dinge anschauen, dann das Beste aus beiden Welten kombinieren.“ Deutscher Ingenieur und amerikanischer Verkäufer, das sei die beste Kombination. „Und am Ende musst du einfach den Mut haben, auch ins große Haifischbecken zu springen.“

Biografie Tom Brückner (50) wurde in Oberfranken geboren, ist aber inzwischen mit seiner Frau und vier Kindern in Karlsruhe tief verwurzelt. Am Karlsruher Institut für Technologie hat er Ende der neunziger Jahre Computerwissenschaften studiert. Gleich nach dem Studium packte ihn der Gründergeist und er programmierte Software für soziale Netzwerke in Unternehmen, „bevor der Begriff soziale Netzwerke überhaupt geschaffen wurde“, wie er sagt. Dann wechselte er 2002 für mehr als zehn Jahre ins Angestelltendasein bei einer Heidelberger Firma für Lernsoftware. Seit 2015 arbeitete er freiberuflich als Softwareentwickler und betrieb nebenher Projekte wie Guzz, eine soziale Plattform für Nachbarschaftshilfe. 2019 lancierte er Marble. Brückners Leidenschaft ist neben dem Radfahren die Musik – die auch im Hintergrund seiner aktuellen Gründung stand.

Start-up 2017 gewann Brückner den Best Music Grand Prize bei einem Wettbewerb auf dem SXSW Kreativfestival in Austin. Die Idee war, Konzerte mit Elementen eines virtuellen Erlebnisses anzureichern. Ein Jahr später gewann er den von der Landeskreativagentur MFG veranstalteten Wettbewerb BW Goes Mobile in der Kategorie Augmented Reality (AR). Im selben Jahr gab es in Freiburg ein erstes Konzert mit dieser Anwendung. Die Wende kam 2019: Brückner wurde beim Musikwettbewerb des Start-up-Programms Techstars in Los Angeles ausgewählt. Die Mentoren ermutigten Brückner zum heutigen Konzept von Marble als App, mit deren Hilfe virtuelle Informationen an realen Orten hinterlassen werden können. Damals stieß sein Mitgründer Julius Piwik dazu, der dafür spontan einen neuen Job bei einem Konkurrenten von Google Analytics sausen ließ. Ausgerechnet zum Ausbruch der Coronakrise ging im April 2020 die App an den Start. Von Mai bis Oktober war Marble als eines von acht Start-ups unter 650 Bewerbungen Teil des unter anderem von der Deutschen Telekom unterstützten Global 5G Entertainment Programms. Und wie schon bei Techstars war Marble das einzige Start-up mit deutschen Wurzeln, dem das gelang. Auch einen Preis des Elektronikherstellers Huawei konnte man Ende 2020 gewinnen. Jetzt im Juni wurde die Version 2.0 der App lanciert. Aktuell besteht das Team aus zwei Gründern und sechs Teammitgliedern in Deutschland, den Niederlanden und den USA. Ende des Jahres ist eine weitere Investitionsrunde für den Start der Expansion geplant.

App Marble Moments ist in den App Stores für Android und iOS kostenlos verfügbar. Voraussetzung ist ein Gerät, das ARKit (iOS) oder ARCore (Google) unterstützt. Bei Apple sind das alle Geräte ab dem iPhone 6s, Google prüft das vor dem Download im Play Store, es gibt auch eine Liste im Netz. Zahlen über die genauen Downloads hat Marble nicht. Der Google Play Store gibt bereits mehr als 500 000 an. Schwerpunkt sind die USA und Deutschland. Wer die App herunterlädt, findet etwa in der Stuttgarter Innenstadt aktuell ein Dutzend klickbare „Murmeln“.

age

Tom Brückner und sein Start-up Marble

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