Start-up Sol Motors E-Motorrad made in Böblingen

Die beiden Gründer Manuel Messmer (li.) und Silvan Senner am Prototyp: Der Akku lässt sich einfach herausnehmen Foto: Stefanie Schlecht

In Böblingen entwickelt das Start-up Sol Motors ein elektrisches „Noped“ für Städter und Pendler, das bis zu 80 Kilometer weit kommen soll. Im AI xpress fanden die Gründer ideale Bedingungen vor.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Ehemaliges Eisenmann-Areal im Röhrer Weg in Böblingen, Schulungszentrum. In der luftigen Halle ging es einst um Fließbänder und Lackieranlagen. Doch nach der Insolvenz des Anlagenbauers wurde daraus das Gründerzentrum AI xpress. Jetzt steht dort auf einer roten Hebebühne ein neuartiges Gefährt aufgebockt: Das Design so futuristisch wie minimalistisch, das Konzept radikal anders. „Es ist weder E-Bike noch Motorrad und auch kein E-Moped“, sagt Gründer Manuel Messmer. Schnell wird klar: Dieses Rohr auf Rädern passt in keine Schublade.

 

Stattdessen will das Zweirad aus Böblingen einen Markt erobern, den es noch gar nicht gibt. „Wir haben vor allem Pendler und Städter im Visier, die zwar aufs Auto verzichten, aber schneller unterwegs sein wollen als mit dem Fahrrad“, sagt er. Vor fünf Jahren gründete Messmer in Stuttgart die Sol Motors GmbH. Deren Produkt hört auf den Namen Pocket Rocket, eine Rakete für die Tasche. „Diese Idee wollten wir in eine ästhetisch zeitgemäße Sprache übersetzen“, sagt der Produkt- und Industriedesigner Messmer. Dafür heimste er schon Designpreise ein.

Sofort ins Auge sticht der markante, V-förmige Rahmen. Komplett aus Aluminium gefertigt, bildet ein breites, horizontales Rohr oben das Herzstück der Konstruktion. Es ist so dick, damit der Akku darin Platz findet. Der Clou: Er lässt sich mit einem Handgriff herausziehen und an einer beliebigen Steckdose aufladen. „Das ist ja der Nachteil bei vielen E-Bikes, für die man in der Stadt vielleicht keine geschickte Lademöglichkeit hat“, sagt Messmer. Den Stromspeicher der Pocket Rocket könne man in der Wohnung oder im Büro laden, während das Rad auf der Straße parkt.

Saft für bis zu 80 Kilometer

Vollgeladen hat der zylinderförmige und rund 13 Kilogramm schwere Akku Saft für bis zu 80 Kilometer Reichweite. „Die Lithium-Ionen liefern 2500 Wattstunden“, sagt Messmer. Zum Vergleich: Die meisten E-Bike-Akkus haben eine Kapazität zwischen 400 und 750 Wattstunden. Da die Pocket Rocket aber 68 Kilogramm auf die Waage bringt und der Fahrer nicht in die Pedale tritt, muss die Batterie mehr Kraft liefern. Die Taschenrakete gibt es in zwei Leistungsstufen: mit vier oder sechs Kilowatt, womit sie entweder bis 45 oder 80 Kilometer pro Stunde schnell ist. Für die kleine Variante reicht der Auto- oder Mopedführerschein, die große benötigt die Klasse B 196. Doch noch düst keine von beiden über den Asphalt.

Der Weg von der Idee zur Marktreife sei kein leichter gewesen, sagt Messmer. Bevor er Sol Motors gründete, war er als Designer aktiv, hat Fahrradbeleuchtung entworfen, Möbel für Vitra oder Ladenbaukonzepte. Sol ist wahlweise die Abkürzung für Speed of light – englisch für Lichtgeschwindigkeit – oder lateinisch für Sonne. Beides passt zum Produkt, das sich Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat. Doch so ambitioniert die Idee ist, so viele Hürden musste das junge Unternehmen bei der Umsetzung meisten.

Beschaffung der Teile schwierig

„Bevor wir eine Straßenzulassung bekamen, mussten wir zwei fahrbare Prototypen bauen“, sagt Kompagnon Silvan Senner, der den technischen Hintergrund beisteuert. „Erst Corona und dann der Ukraine-Krieg haben für uns einen massiven Cut bedeutet“, sagt Messmer. Da das Start-up noch keine großen Mengen auf dem Markt einkaufen konnte, war es schwierig, an die benötigten Teile zu gelangen. „Manch ein Hersteller wollte erst ab Stückzahlen von 10 000 und aufwärts überhaupt mit uns reden. Dabei brauchten wir zunächst nur 100“, sagt er. Zugute kommt ihm allerdings der E-Antrieb: „Anders als beim Verbrenner benötigen wir viel weniger Teile.“ Der Nabenantrieb sitzt direkt am Hinterrad und verwandelt den Strom in Vortrieb. Der tiefe Schwerpunkt in Verbindung mit den Aluminiumrädern sollen die Pocket Rocket wendig machen, die Beschleunigung soll „atemberaubend“ sein.

Doch wie hat es ihn und seine beiden Mitarbeiter aus der Landeshauptstadt nach Böblingen verschlagen? „Wir saßen vorher in Stuttgart in der Rotebühlstraße, doch das wurde uns bald räumlich zu eng“, sagt Messmer. Über den Böblinger Wirtschaftsförderer Dominic Schaudt sei der Kontakt zum AI xpress entstanden, ein Ableger des Böblinger Softwarezentrums, das um junge und aufstrebende Technik-Unternehmen buhlt. „Die Gründerszene hier ist sehr aktiv, das kommt uns zugute“, sagt der Zweirad-Enthusiast. Einmalig sei außerdem die Verbindung von Büro- und Fertigungsflächen direkt beinander.

Zahl der Start-ups wächst

„Wir konnten unsere vermietete Fläche innerhalb eines Jahres verdoppeln“, sagt Harald Grumser, langjähriger Vorsitzender der Compart AG und einer der Köpfe hinter dem AI xpress. Bald soll im Röhrer Weg ein Unternehmen einziehen, das sich auf Akkutechnik für Segelflugzeuge spezialisiert hat – womit sich anverwandte Technologie ansiedelt, was eventuelle Synergien bedeuten kann. Doch erst mal haben Manuel Messmer und Silvan Senner den Marktstart vor Augen, der für Mai geplant ist.

Den Preis von 5980 Euro für die „kleine“ Variante und 6980 für die „große“ hält Messmer für „abbildbar“. Die ersten 50 Exemplare seien schon an Privatkunden verkauft. Die Pocket Rocket soll schon bald in Böblingen vom Band rollen.

Die Böblinger Talentschmiede AI xpress

Entstehung
 Das AI xpress wurde im Oktober 2021 als Ableger des Böblinger Softwarezentrums im ehemaligen Schulungszentrum von Eisenmann gegründet.

Künstliche Intelligenz
 bildet den Schwerpunkt, daher der Name: Artificial Intelligence (AI) ist englisch für Künstliche Intelligenz.

Bereiche
 Das Zentrum gliedert sich in die Bereiche Start-up xpress, Fab xpress, Maker xpress, Inno xpress und Coworking xpress. Es bietet Raum für Gründer, Studenten, Freischaffende oder Schüler. 

Aktionen
 Mit Wettbewerben und Aktionstagen spricht das Zentrum aufstrebende Talente aus dem Technikbereich an, etwa dem Vorentscheid der „World Robot Olympiad“, auf dem junge Tüftler ihre Roboter gegeneinander antreten lassen.

Start-ups
 Junge Firmen können Vorträge und Workshops besuchen, die dann den Weg zum Erfolg ebnen sollen.

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