Start-up Solarbakery Stuttgarter Sonne backt erstmals Brötchen

Ein Blickfang: Die gelbe Containerbäckerei steht derzeit auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Jungunternehmer Simon Zimmermann aus Gerlingen hat die weltweit erste energieautarke Containerbäckerei geschaffen. Sie steht derzeit auf dem Schlossplatz.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Er fällt auf, der gelbe Container, unweigerlich. Und zwar jedem, der dieser Tage auf der Königstraße in Stuttgart unterwegs ist. Wer dem rund 14 Meter langen Klotz näherkommt, sieht, dass er mehr ist als bloß ein Container: Er ist eine Bäckerei. Keine gewöhnliche, sondern die erste energieautarke Containerbäckerei der Welt. Alles, was sie braucht, um zu funktionieren, ist die Kraft der Sonne. Produkte wie Kuchen, Focaccia und Brezeln entstehen ausschließlich mit Solarstrom. Noch mehr: Die Macher hinter dem Start-up Solarbakery backen auf dem Schlossplatz erstmals für die Öffentlichkeit in Deutschland.

 

Viele Passanten stutzen, bleiben stehen. „Dann muss man die Leute abholen und sie informieren“, sagt Simon Zimmermann. Der 35-Jährige aus Gerlingen ist der Gründer und Geschäftsführer der Solarbakery, die es seit dem Jahr 2020 gibt. Das Start-up präsentiert sich anlässlich der Urban Future Conference, Europas größter Nachhaltigkeitskonferenz, in Stuttgart. Am Abend sind die meisten Backwaren verkauft.

Start-up dank Stromproblem

Was hier für viele neu sein dürfte, schafft in der Demokratischen Republik Kongo seit Jahren Bildung und Arbeitsplätze. In der Millionenhauptstadt Kinshasa finanziert der Verkauf von Backwaren – täglich werden allein mehr als 3000 Baguettes hergestellt – im Rahmen des Projekts Centre Ya Bana („Zentrum für Kinder“) eine kostenlose Schule. Sie öffnete im Jahr 2021 und wächst stetig. Die Containerbäckerei hierfür wurde anno 2014 in Gerlingen gebaut. Heute beschäftigt sie mehr als 100 Mitarbeitende. Sechs sind in der Produktion, im Verkauf und an der Kasse tätig. Zudem verkaufen mehr als 100 Frauen die Waren in der Stadt. Die so anders schmecken würden als das verbreitete „industrielle Brot von mangelnder Qualität“.

Batterien speichern die Energie

Das Stromproblem führt schließlich zur Gründung des Start-ups Solarbakery. Die ständigen Ausfälle des lokalen Stromnetzes und der Einsatz teurer Dieselgeneratoren bringen Simon Zimmerman nämlich auf die Idee, Sonnenenergie zu nutzen. Mit dem Africa-Green-Tec-Gründer Torsten Schreiber, der schon viele Dörfer in Afrika mit Strom versorgte, dabei auf nachhaltige Energielösungen setzt, und dem internationalen Bäckermeister Daniel Petruccelli – der zurzeit auf dem Schlossplatz unermüdlich Teig knetet und in den Ofen schiebt – gründet er die Solarbakery und entwickelt eine neue Containerbäckerei mit Solarpaneelen auf dem Dach.

„Uns war möglich, aus der Backstube im Kongo sehr viel mehr herauszuholen“, sagt Simon Zimmermann. Die im Jahr 2021 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zum Patent angemeldete Solarbakery wird im vergangenen Jahr auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt.

„Die Batterie ist fast immer voll“

Die ausklappbare Backstube hat unter anderem einen Raum, in dem spezielle Batterien den produzierten Strom speichern, sodass der Ofen auch dann läuft, wenn es Nacht ist oder am Tag wenig Sonne scheint. Der Ingenieur Marius Wisser beschreibt das System – das „Herz der Bäckerei“ – als eine Art internes Stromnetz. Viel Herzblut, technisches Know-how und komplexe Entwicklung würden in die solarbetriebenen Container fließen. Eine große Herausforderung war, erzählt Marius Wisser, die Stromversorgung „auf kleinen Raum zu pressen“.

Die mobile Backstube, die bis Samstag auf dem Schlossplatz steht, produziert laut Zimmermann selbst in Stuttgart mehr Strom, als sie am Tag braucht. „Die Batterie ist fast immer voll“, sagt der 35-Jährige. Die mobile Backstube ist auch der Prototyp, an dem er und sein sechsköpfiges Team normalerweise am Firmensitz auf dem Wizemann-Areal in Stuttgart herumtüfteln. Die Produktionsstätte selbst ist in Dakar im Senegal.

Brotbedarf steigt und steigt

Ende des Jahres will Simon Zimmermann die ersten sieben Backstuben ausliefern. Der Senegal liege wegen des Hafens strategisch günstig, sagt der Jungunternehmer. „Außerdem ist der Bedarf an Brot dort riesig.“ Wie generell in der Subsahara-Region, Tendenz steigend. Insgesamt herrsche im Senegal ein gutes Investitionsklima und in allen Bereichen Aufbruchstimmung. Simon Zimmermann ist wichtig, Zeit vor Ort zu verbringen, Land, Leute und Gegebenheiten zu kennen. „Die Menschen denken langfristig, das ist stark zu spüren“, sagt der 35-Jährige. Er ist zuversichtlich, dass er eines Tages zunehmend auf Getreide aus lokalem und regionalem Anbau setzen kann statt auf Importe.

Dank der vielen Reisen hat Simon Zimmermann auch einen Bäckermeister gefunden, der als Direktor für die Kette zuständig sein wird. Der gebürtige Malier hat in seiner Heimat bereits ein Restaurant geführt und in Frankreich Bäckereien geleitet. Angestellte ohne Erfahrung werden ausgebildet.

Aus dem Bestreben, im Kongo Gutes zu tun, ist ein florierendes, gefragtes Unternehmen geworden. Simon Zimmermann berichtet von Anfragen aus mehr als 30 Ländern weltweit. „Das freut uns natürlich“, sagt der Gerlinger – bevor er ein „Aber“ hinterherschiebt. „Wir wollen auf gesunde Art und Weise wachsen“, sagt er dann. Ein Franchise-Konzept sei zwar geplant.

Das nächste Ziel sei es aber, erst einmal die Bäckereikette im Senegal so zu optimieren, dass sie „ein Fundament für alle weiteren Phasen“ ist. Es gehe darum, fundierte Daten und Erfahrungen zu sammeln sowie Rezepte und Prozesse zu standardisieren. Bis zum Jahr 2025 will Simon Zimmermann im Senegal 30 Backstuben errichtet haben. Standorte sind immer „kleinere bis mittelgroße Orte ab 15 000 Einwohner, an denen die Stromversorgung nicht ideal ist“. Und an denen keine anderen Bäckereien verdrängt werden.

Ohne Investoren keine Bäckereien

Die pfiffige Erfindung hat jedoch ihren Preis. Eine Solarbakery zu bauen und aufzustellen, kostet insgesamt rund eine Viertel Million Euro. Eine Menge Geld, weshalb das Start-up im März die zweite Crowd-Investment-Kampagne startete. Mehr als 260 Investoren sorgen dafür, dass momentan besagte sieben einfache Container zu Containerbäckereien umgebaut werden können. Die Umsätze im Kongo zeigen, dass sich die Investition nach fünf Jahren amortisiert, sagt Simon Zimmermann. Obendrein würden sich jedes Jahr Stromkosten von 15 000 Euro sparen lassen. So bald wie möglich soll auch der Erstling im Kongo ersetzt werden.

Termin und Infos

Die Solarbakery öffnet bis 24. Juni von 10 bis 18 Uhr. www.solarbakery.com . Zur Crowd-Investment-Plattform geht es hier: www.conda.de/startup/solarbakery.

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