Start-up Tour in Stuttgart Schnupperkurs zum Thema Innovation

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In Stuttgart hat die bisher größte, offene Start-up-Tour stattgefunden. Sie ist ein weiteres Beispiel dafür, wie neue Wege zur Innovation in der Region auch immer mehr zum Veranstaltungsgeschäft werden.

Eine der zahlreichen Start-up-Präsentationen im Rahmen der Innolution Night. Foto: Innolution Valley
Eine der zahlreichen Start-up-Präsentationen im Rahmen der Innolution Night. Foto: Innolution Valley

Stuttgart - Ein bisschen dicke Luft gehört dazu. Im Ambiente der Kreativagentur Urban Office in der Stuttgarter Stadtmitte drängen sich mehr als hundert Vertreter von Start-ups, Investoren und etablierten Unternehmen und wollen eigentlich nur eines: Wissen, was das Gegenüber macht. Netzwerken heißt das im Jargon - und Markus Elsässer, einer der Organisatoren der Innolution Valley Start-up-Events, hat angesichts des allgemeinen Redeflusses ein bisschen Mühe, die Kandidaten für die Präsentationen an den Start zu bringen oder das Publikum in den Vortragssaal eine Treppe höher zu lotsen. Rund zwei Dutzend Start-ups präsentieren sich, die meisten aus Baden-Württemberg. Inspirierende Technologische Ideen waren das Auswahlkriterium - sie reicht von Datenanalysen für Unternehmen über einen Scheibenwischer für Motorradhelme bis zu einem Energydrink der im Vergleich zum Marktführer halbwegs natürlich schmecken soll.

Wie kommt man in Kontakt mit kreativen Köpfen?

Die Veranstalter sind selbst ein Start-up. Sie haben entdeckt, dass die Frage: „Wie komme ich in Kontakt mit kreativen Köpfen?“ die Wirtschaft in der Region immer stärker umtreibt. Im vergangenen November hat man bereits eine Veranstaltung für Mittelständler und Start-ups in Ludwigsburg organisiert. Nun will man das Thema mitten nach Stuttgart bringen. Denn nach dem Treffen in der Stadtmitte konnten die Teilnehmer zu Dutzenden von Veranstaltungsorten in Stuttgart und Ludwigsburg ausschwärmen und Start-ups ihrer Wahl oder andere innovative Firmen besichtigen. „Da reicht es aber nicht, dass sich die Unternehmen nur selber präsentieren“, sagt Gunnar Groß . Mitgründer und Geschäftsführer von Innolution Valley: „Sie müssen auch ein übergreifendes Thema anbieten.“ Das ganze endete in einer großen Party, dem inzwischen zur Tradition gewordenen „Gründergrillen.“

Immer mehr Anbieter entdecken den Markt

Immer mehr werden solche Events in der Region etabliert, auch mit dem Ziel, sie sozusagen zu einer innovativen Variante des Beratungsgeschäfts zu machen. Wie begehrt dieser sich entwickelnde Markt ist, zeigt die Tatsache, dass erst Ende April Wochen mit einer so genannten „Start-up-Safari“ eine Innovationstour mit fast identischem Konzept in Stuttgart stattgefunden hat. Und auch in dieser Woche konkurrierte am selben Abend im Kreativzentrum Wizemann Space in Stuttgart eine Eventreihe namens „12min.me“, wo ebenfalls Start-up-Gründer und andere innovative Köpfe in einem zwölfminütigen Vortrag ihre Erfahrungen teilen.

Innolution Valley will aber noch ein größeres Rad drehen. Für die Start-up-Nacht und das anschließende Gründergrillen gab es 1200 Anmeldungen - angesichts kostenloser Tickets für Start-ups dürften die aber nicht alle eingelöst worden sein. Schon im Herbst will man in einer zweiten Runde in Ludwigsburg seinen Innovationskongress veranstalten. Und der wird nur wenige Wochen nach einer Großveranstaltung rund um das Thema Technologie und Innovation Anfang Oktober in Stuttgart stattfinden. Die aus dem IT-Dienstleister GFT Technologies hervorgegangene und inzwischen selbstständige Start-up-Plattform Code_n will gleich mit einer fünfstelligen Zahl an Gästen die Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart füllen.

Noch ist Platz für neue Veranstaltungsformate

Zu viel Konkurrenz? Gunnar Groß verneint das energisch: „Jeder macht das ein bisschen anders.“ Der Markt sei noch lange nicht gesättigt. Im Gegenteil: Baden-Württemberg und Region stünden beim Thema Innovation vor einem gewaltigen Umbruch, der erst am Anfang stehe. Traditionelle Messe- und Veranstaltungskonzepte hingegen, in riesigen Hallen weitab der Stadtgrenze wie am Stuttgarter Flughafen oder gerade auf der Cebit in Hannover zu besichtigen, stoßen immer mehr an ihre Grenzen.

Einer der Anlaufpunkte, die in dieser Woche ihre Türen geöffnet haben ist die Innovationsplattform Pioniergeist, die ihre Büroräume zurzeit gegenüber des Einkaufszentrums Gerber in Stuttgart hat. Seit dem Frühjahr 2016 verfolgt man hier ein Konzept, bei dem man gemischte Teams aus Start-up-Erfahrenen Gründern und Mitarbeiter aus etablierten Firmen in einem strukturierten Programm zusammenbringt mit dem Ziel am Ende ein Start-up zu gründen. Man sei ein „Firmenbauer“ sagt Mitgründer und Geschäftsführer Winfried Richter. Unternehmen wie Bosch, EnBW, die LBBW oder Stihl haben bereits mitgemacht.

Konkrete Lernerfahrungen sind gefragt

Den Teilnehmern der Start-up-Tour stellt man als Lernerfahrung eine so genannte „Innovations-Herausforderung“. Sie sollen sich in einem strukturierten, kreativen Prozess neue Wege ausdenken, wie sich das Stuttgarter Feinstaub-Problem und die Verkehrsprobleme der Stadt insgesamt lösen lassen. Die Teams sind bunt zusammengewürfelt. Einige Teilnehmer sind aus etablierten Firmen, andere haben Start-up-Erfahrung, weitere studieren noch. Interviews mit Passanten direkt vor dem Gebäude gehören dazu. Braucht es vielleicht eine App, die über alle Verkehrsmittel und Verbundgrenzen das beste Mobilitätsangebot zum optimalen Preis zusammenstellt?

Solche Begegnungen und Erfahrungen mit Zusammenarbeit seien die Zukunft, sagt Richter. „Da ist der Markt noch lange nicht gesättigt“, sagt er. Es gehe immer noch darum, in Stuttgart eine neue Innovationskultur „Innovation funktioniert nicht mehr so wie früher“, sagt er. „Das Spannende in Stuttgart ist, wie wir das mit unseren traditionellen Stärken kombinieren.“ Die Zahl der Start-up-Nächte in der Region dürfte also noch größer werden.