Start-ups im Bahnverkehr Günstiger und schneller per Zug durch Europa

Der Frecciarossa ist der Hochgeschwindigkeitszug des italienischen Eisenbahnverkehrsunternehmens Trenitalia. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Neue Angebote machen Bahnreisen attraktiver – auch über Grenzen hinweg. Doch Start-ups wie Go-Volta haben noch immer hohe Hürden zu überwinden.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Im zweiten Anlauf soll es klappen. Am 19. März will Go-Volta den ersten Intercity-Zug von Berlin nach Amsterdam starten, am Tag darauf auch eine Verbindung ab Hamburg in die Grachtenstadt. Zunächst fahren die Züge drei Mal pro Woche, ab Sommer ist täglicher Betrieb geplant. Das niederländische Start-up verspricht günstige Tickets ab 10 Euro für die einfache Fahrt, garantierte Sitzplätze und umsteigefreie Verbindungen – und will so eine erschwingliche und nachhaltige Alternative zu umweltschädlichen Flügen und Autofahrten bieten.

 

Die beiden Gründer und Geschäftsführer sind keine Anfänger. Maarten Bastian und Hessel Winkelman gründeten schon mit 18 Jahren das Reiseunternehmen Flywise Travel und verkauften erfolgreich Pauschalurlaub per Flieger. 2021 brachte das Duo unter der Marke „Green City Trip“ einen 500 Meter langen Nachtzug mit 730 Betten an Bord auf die Schiene, der drei Jahre lang zeitweise auch als Ski-Express für den Reisekonzern TUI fuhr. Dann fiel die Entscheidung, das schwierige Geschäft mit den rollenden Hotels aufzugeben und stattdessen auf preiswerte Bahnreisen am Tag zu setzen.

„Viele Menschen halten die Bahn für zu teuer und kompliziert“, sagt Bastian. Das will Go-Volta ändern. Tickets sind direkt über das gleichnamige Onlineportal buchbar, dort gibt es für Städtereisen auch Pauschalangebote inklusive Hotel. Der blau lackierte Zug bietet 820 Sitzplätze in elf Wagen, eine Lounge mit Getränken und kleinen Mahlzeiten ist mit an Bord. In der teureren Comfort-Klasse sollen Reisende mehr Raum und Ruhe zum Arbeiten oder Entspannen haben. In der günstigeren Economy-Klasse lässt sich gegen Aufpreis der Platz gegenüber reservieren, um mehr Privatsphäre zu haben und immer in Fahrtrichtung sitzen zu können.

Mofair: Marktzugang bleibt verbaut

Mit Go-Volta wagt sich ein weiterer Anbieter in den Wettbewerb mit der bundeseigenen Deutsche Bahn AG, die auch drei Jahrzehnte nach der Umwandlung der Bundesbahn den Fernverkehr auf der Schiene mit 95 Prozent Marktanteil dominiert. Als bisher einziger größerer Konkurrent auf dem deutschen Markt konnte sich nur die Flix-Gruppe behaupten und will mit 65 bestellten Highspeedzügen ihr Netzwerk der grünen Flixtrains massiv erweitern. Andere Versuche scheiterten teils schon im Ansatz.

Die Go-Volta-Gründer Maarten Bastian (links) und Hessel Winkelman gründeten Foto: Green City Trip

Der Verband Mofair beklagt hohe Eintrittshürden, die fairen Wettbewerb verhindern und Investitionen privater Anbieter erschweren: „Der Markt ist offen, der Zugang bleibt verbaut.“ Anders als im streng regulierten und hoch bezuschussten Regionalverkehr sollen Fernzüge in der Europäischen Union ohne Subventionen fahren, auch grenzüberschreitend. Neue Anbieter brauchen Lizenzen, Züge, Trassen und Fachpersonal, ohne solide Geschäftspläne sowie ausreichende Finanzierung droht Newcomern das rasche Aus. Hinzu kommen Widerstände der Staatsbahnen, die zwar ihre Monopole verloren, dennoch weiter viele Möglichkeiten haben, unliebsame Konkurrenz auszubremsen.

Auch Bastian und Winkelman drohte das Scheitern. Bereits vor drei Jahren stellte das Duo seine Pläne vor, ab Mai 2025 tägliche Züge zwischen Amsterdam und Berlin zu fahren und wenig später zudem die niederländische Tourismus-Metropole mit Kopenhagen sowie Basel zu verbinden, jeweils mit vielen Zustiegen in Deutschland. Doch daraus wurde erst mal nichts, weil nach langer Prüfung das erhoffte Darlehen für die benötigten Wagen verweigert wurde. Zu großes Risiko, teilte die Bank den frustrierten Unternehmern mit.

Nur Konkurrenz lässt Fahrpreise sinken

Doch letztlich konnten die Gründer ihre Finanziers überzeugen. „Go-Volta soll die Low-Cost-Bahn für internationales Reisen in Europa werden“, steckt Winkelman die Ziele ab. Ab Dezember 2026 werde eine tägliche Verbindung Amsterdam - Paris folgen. Danach soll das Netzwerk in Richtung Frankfurt, München, Kopenhagen, Brügge und Basel erweitert werden. Ähnlich wie Flixtrain setzen die Niederländer bei der geplanten Expansion auf Kooperationen. Go Volta ist für Strategie, Fahrpläne, Netzwerk und Bordpersonal verantwortlich, der Partner Keolis für den Zugbetrieb inklusive Lokführer, Planung und täglicher Durchführung. Die niederländische Wartungsfirma Brouwer Technology übernimmt die Instandhaltung.

Wie Go-Volta wollen europaweit viele Bahnunternehmen den grenzüberschreitenden Verkehr ausbauen. Staatskonzerne wie die Deutsche Bahn bevorzugen dabei Kooperationen mit anderen Ex-Monopolisten, darunter die SNCF (Frankreich), SBB (Schweiz), ÖBB (Österreich), NS (Niederlande) oder DSB (Dänemark). Für die Reisenden bringen solche friedlichen Allianzen zwar mehr und bessere Angebote, aber selten niedrigere Preise.

Erst durch echte Konkurrenz werden Tickets deutlich günstiger, wie Studien zeigen. So sank in Spanien, wo sich die Staatsbahn Renfe auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken gleich gegen mehrere Wettbewerber behaupten muss, der durchschnittliche Fahrpreis von Madrid nach Malaga von 70 auf 59 Euro, nach Sevilla von 70 auf 47 Euro und nach Barcelona von 81 auf 46 Euro. Zwischen Wien und Salzburg drückte der ÖBB-Konkurrent Westbahn einst die Ticketpreise im Schnitt von 48 auf 33 Euro.

EU-Masterplan fürs Highspeed-Netz

Mit der weiteren Öffnung der Märkte und massiven Investitionen will die EU-Kommission den Fernverkehr auf der Schiene attraktiver machen. Der neue Hochgeschwindigkeitsbahn-Masterplan (HSR) sieht vor, mit Investitionen von bis zu 546 Milliarden Euro bis 2050 in Europa das bisherige Highspeed-Netz zu verdoppeln und viele Engpässe an den Grenzen endlich zu beseitigen. Der Ausbau brächte demnach 750 Milliarden Euro gesellschaftlichen Nutzen und wäre somit ein überaus rentables Unterfangen.

Allerdings hakt es bei der Erweiterung und Modernisierung der internationalen Bahnkorridore seit Jahrzehnten – und ohne leistungsfähige Infrastruktur ist kein attraktiver Zugverkehr möglich, der eine wirkliche Alternative zum Fliegen sein kann. Wo es aber zwischen Europas Metropolen schnelle und zuverlässige Fahrten ohne Umstieg gibt wie von München oder Stuttgart nach Paris, steigt die Nachfrage. Auch die vor einem Jahr gestartete achtstündige ICE-Direktverbindung von Berlin an die Seine ist hoch ausgelastet.

Bahnverbindungen nach Italien werden attraktiver

Der Ausbau der Brenner-Strecke bis voraussichtlich 2032 wird auch Bahnverbindungen gen Italien viel attraktiver machen. Die schnellsten Züge von München nach Rom brauchen dann nur noch sechs statt bisher fast zehn Stunden. Schon jetzt sichern sich die großen Staatsbahnen entlang der attraktiven Verbindung in den Süden ihre Pfründe. Platzhirsch Trenitalia will mit Unterstützung von ÖBB und Deutscher Bahn Ende 2026 eine Direktverbindung starten und dafür seine rotlackierten Frecciarossa-Hochgeschwindigkeitszüge erstmals durch die Alpen bis nach Deutschland fahren. Ein weiterer Ausbau des internationalen Netzes ist geplant: Die Italiener erweitern ihre Highspeed-Flotte bis 2028 um bis zu 46 Züge und bekommen jedes Jahr von Hitachi zehn neue Fahrzeuge.

Trenitalia will Ende 2026 eine Direktverbindung starten und dafür seine rotlackierten Frecciarossa-Hochgeschwindigkeitszüge bis nach Deutschland fahren. Foto: imago/Pond5 Images

Auch von Berlin nach Wien werden sich die Fahrzeiten von acht auf unter fünf Stunden verkürzen, wenn die Strecke über Dresden und Prag ausgebaut ist, was indes frühestens zwischen 2035 und 2040 erwartet wird. Mit Großbritannien wiederum hat Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) vereinbart, einen direkten Zug durch den Kanaltunnel nach London zu schaffen, bisher muss in Brüssel umgestiegen werden. Mehrere Bahnunternehmen planen neue Angebote zwischen der Insel und dem Kontinent bis nach Deutschland. Für Direktverbindungen müssen allerdings die möglichen deutschen Startbahnhöfe wie Köln und Frankfurt aufgerüstet werden – denn ähnlich wie an Flughäfen sind für den Verkehr unter dem Ärmelkanal strenge Sicherheitskontrollen beim Einchecken vorgeschrieben.

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