Eigentlich ist es eine gute Nachricht: Mit dem Startchancenprogramm von Bund und Land soll ab Herbst 2024 ein vermutlich fünf- bis sechsstelliger Betrag pro Jahr an 33 Stuttgarter Schulen fließen, darunter 17 Grundschulen. Dennoch hat die Information bei manchen Eltern in den ausgewählten Schulen „Entsetzen“ ausgelöst. So etwa bei einer Mutter, deren Kind in die erste Klasse einer Grundschule in einem östlichen Stadtbezirk Stuttgarts geht. „Ich war schockiert“, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte, unserer Zeitung. Auch von anderen Eltern wisse sie, dass die Nachricht, ihre Schule gehöre zu den in Stuttgart für das Programm ausgewählten, große Unsicherheit hervorruft.
Der Grund ist allerdings nicht der Geldsegen – insgesamt schüttet das Programm jährlich 1,3 Milliarden Euro an Schulen in ganz Baden-Württemberg aus – ein Betrag, der unter anderem für eine bessere Ausstattung und eine individuelle Förderung der Kinder fließen soll, sondern eine flankierende Information aus dem Kultusministerium: Es will, dass alle teilnehmenden Grundschulen zu gebundenen Ganztagsschulen ausgebaut werden. Das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler verpflichtend bis nachmittags zur Schule gehen. In dieser Zeit wechseln sich Unterrichts-, Lern-, Spiel- und Sportphasen ab.
Von den 17 Grundschulen haben viele die Wahlform
An der Schule der verunsicherten Mutter gibt es zwar bereits einen solchen Ganztagszug bis 16 Uhr, allerdings in Wahlform. Die Eltern können sich also auch für eine Halbtagsklasse entscheiden. So hat es auch die betroffene Familie getan: „Mein Sohn geht bis 14 Uhr zur Schule und das reicht für ihn auch“, sagt die Mutter, die findet, für eine Beschulung bis 16 Uhr sei ihr Kind noch zu klein. Außerdem gehe ihr Sohn in der Freizeit noch verschiedenen Sportarten nach. Das wäre ihrer Meinung nach im Ganztagszug kaum möglich.
Die Frage, wie es nun weiter geht, treibt derzeit wohl auch andere Eltern von Grundschülern in der Landeshauptstadt um. Denn von den 17 Grundschulen, die vom kommenden Schuljahr an am Startchancenprogramm teilnehmen sollen, bietet ein Großteil den Ganztag in Wahlform an, hat also Ganztags- und Halbtagsklassen. Einige Schulen – wie etwa die Raitelsbergschule oder die Rosensteinschule – arbeiten bereits komplett im Ganztag. Zwei Schulen – die Wilhelmsschule in Wangen und die Uhlandschule in Rot – haben noch keinen gebundenen Ganztag, bieten aber ein Schülerhaus an, also eine Nachmittagsbetreuung, die Eltern dazu buchen können.
Ministerium erarbeitet Konzept
Von den angefragten Schulleiterinnen und Schulleitern will sich derzeit niemand öffentlich äußern. Man habe dafür zu wenige Informationen, was die Ankündigung des Ministeriums bedeute, heißt es. Allerdings berichten manche von vielen Fragen in Kollegium und Elternschaft, unter anderem: Können an Schulen mit Ganztag in Wahlform die Halbtagsklassen weiterhin bestehen? Bis wann muss der verbindliche Ganztag eingeführt werden? Was passiert an Schulen, die noch keinen Ganztag anbieten?
Vom Kultusministerium gibt es noch keine Antworten: Man erarbeite derzeit ein Konzept für den Ausbau des verbindlichen Ganztags, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. „Dabei werden an erster Stelle die Startchancen-Grundschulen in den Blick genommen.“ Es gebe „verschiedene pädagogische, rechtliche, organisatorische und finanzielle Fragestellungen zu klären.“ Dazu befinde man sich auch im Gespräch mit den Kommunalen Landesverbänden.
Der Städte- und Gemeindetag hatte sich über die Ankündigung des Landes irritiert gezeigt, weil die Entscheidung Ganz- oder Halbtag bislang in der Verantwortung der Kommunen liegt. Klar ist laut Ministerium: „Die Startchancen-Grundschulen werden nicht zum Schuljahr 2024/2025 automatisch auch Ganztagsgrundschulen. Mittel- bis langfristig sollen jedoch alle Grundschulen im Land mit einem gebundenen Ganztagsangebot ausgestattet sein.“
Stadt freut sich über das Geld
Auch die Stadt Stuttgart hält sich mit einer Bewertung der Ganztagsdiskussion zurück. Auf Anfrage heißt es vom zuständigen Referat für Jugend und Bildung: „Wir freuen uns über das Startchancenprogramm und die damit verbundenen Mittel und Entwicklungsmöglichkeiten für die teilnehmenden Stuttgarter Schulen.“ Mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen sei ein wichtiges Ziel der Stadt Stuttgart. Eine gute Ganztagsschule sei dabei ein wichtiger Baustein. „In der Ganztagsschule können Kinder vielfältige Bildungserfahrungen machen und individuelle Unterstützung erhalten.“
In den vergangenen Jahrzehnten hat Stuttgart das Ganztagsangebot an Schulen massiv ausgebaut, allerdings vor allem auf die Wahlform gesetzt, was auch der Wunsch vieler Eltern war.
Die Mutter aus Stuttgart-Ost ärgert noch ein anderer Aspekt. Durch die Auswahl zum Programm würden die Schulen „stigmatisiert“. Laut Ministerium wurden Schulen nach einem Sozialindex ausgewählt, der berechnet, wo das Lernumfeld besonders schwierig ist. „Wir unterstützen ganz gezielt dort, wo die Unterstützung am meisten gebraucht wird: Bei den Kindern und Jugendlichen, die es aufgrund ihrer Herkunft oder ihres familiären Hintergrunds nicht aus eigener Kraft schaffen können.“ So hat Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) das Ziel des Programms beschrieben. Das schere alle Familien in den betroffenen Schulen über einen Kamm, sagt die Mutter. Dabei gebe es auch an ihrer Schule viele Eltern, die ihre Kinder unterstützen und fördern.
Eltern wollen umschulen
Sie hofft nun, dass der Halbtagszug erhalten bleibt: „Eltern wissen doch am besten, was gut für ihr Kind ist“, findet sie. Von manchen Eltern, deren Kinder erst noch eingeschult werden, hat sie gehört, dass diese den Antrag auf einen Wechsel auf eine andere Grundschule stellen wollen, sollte die Halbtagsoption nicht mehr möglich sein.
Startchancenprogramm: Was das ist und wer profitiert
Das Programm
Mit dem Startchancenprogramm sollen 1,3 Milliarden Euro an 540 Schulen in Baden-Württemberg ausschütten werden. 222 davon sollen bereits vom kommenden Schuljahr an profitieren. Mit 153 bilden die Grundschulen darunter die größte Gruppe.
Das Ziel
Mit dem Geld sollen die Schulen das räumliche Lernumfeld, also ihre Räume und Ausstattung, verbessern. Außerdem gibt es ein Budget, um unter anderem für die Schüler eine passgenaue, individuelle Förderung zu entwickeln. Schließlich geht es auch um die Weiterqualifizierung der Pädagogen. Teams mit Pädagogik-Experten sowie Sozialarbeitern und Psychologen sollen die Lehrkräfte unterstützen. Mit diesem Paket an Maßnahmen sollen die Kinder besser Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Laut Ministerium sollen die Schulen den Anteil derer halbieren, die Mindestanforderungen in Deutsch und Mathe verfehlen.
Die Schulen
Bereits vom Schuljahr 2024/25 an profitieren diese 33 Stuttgarter Schulen: Grundschule Altenburgschule, Gemeinschaftsschule Bad Cannstatt, Altenburgschule Gemeinschaftsschule Bad Cannstatt, Rosensteinschule Grund- und Werkrealschule, Rosensteinschule Grund- und Werkrealschule, Uhland-Schule Grund- und Werkrealschule Rot, Uhland-Schule Grund- und Werkrealschule Rot, Anne-Frank-Schule Gemeinschaftschule Möhringen, Bertha-von-Suttner-Realschule und Gemeinschaftsschule Freiberg, Bismarckschule Werkrealschule Feuerbach,