Grund für die Bewegung im Ausbau der Windkraft ist eine neue Übersichtskarte des Verbands Region Stuttgart (VRS), der 24 mögliche Vorranggebiete für Windräder im Kreis aufzeigt. Die Gebiete erstrecken sich in Summe über 1559 Hektar. Zum Vergleich: Im Rems-Murr-Kreis wurden 34 Gebiete herausgearbeitet, in Böblingen 32. Dieser Entwurf wurde Ende Oktober vorgestellt und könnte schon ziemlich genau jene Flächen markieren, auf denen Windkraftanlagen aufgestellt werden.
Hintergrund ist das Wind-an-Land-Gesetz der Bundesregierung, das den Ländern vorgibt, 1,8 Prozent ihrer Fläche für Windkraftanlagen auszuweisen. Die Landesregierung will bis 2032 damit fertig sein und hat die zwölf Regionalverbände damit beauftragt, geeignete Flächen zu ermitteln. Privilegien gibt es nicht, 1,8 Prozent gilt für alle. Die dicht besiedelte Region Stuttgart soll genauso viel Fläche für Windkraft ausweisen wie beispielsweise die Region Neckar-Alb.
Mittel zur Gegenwehr haben die betroffenen Gemeinden kaum, das hat der Regionalverband in den vergangenen Wochen klargemacht. Die Gesetzeslage sei eindeutig und „ein Bruch mit der bisherigen Vorgehensweise“, sagt Planungsdirektor Thomas Kiwitt. Bedeutet: Die Energiewende wird vorangetrieben, die Gestaltungsmöglichkeiten der Kommunen dafür eingeschränkt.
Darüber hinaus gibt es ein Druckmittel. Denn falls die 1,8 Prozent pro Region nicht erreicht werden, verlieren die Regionalverbände die Planungshoheit. Investoren dürften dann Windräder bauen, wo sie wollen. So einen „Wildwuchs“ könne sich keiner wünschen, sagt Kiwitt.
Der Westen
Im westlichen Landkreis rund um Vaihingen, Eberdingen, Sachsenheim und Markgröningen tauchen besonders viele geplante Vorrangflächen auf. Vaihingen ist mit sechs Flächen die wohl am meisten betroffene Kommune im Kreis. Dass seine Stadt im Fokus steht, sei an sich keine Überraschung gewesen, sagt Vaihingens Oberbürgermeister Uwe Skrzypek. Der Regionalverband hat im Vorhinein Gespräche mit allen betroffenen Kommunen geführt. „Überraschend war für uns, dass die Vorrangflächen für Windenergie größer und zahlreicher ausgefallen sind, als es im Vorfeld abgestimmt war.“
Skrzypek, auch Eberdingens Bürgermeister Carsten Willing und Jens Hübner aus Markgröningen blicken gelassen auf die kommenden Monate. „Für die Bürger kommt das teils überraschend, ich denke aber, dass es ein breites Verständnis für den Bau von Windrädern geben wird“, sagt Hübner. Er würde sich wünschen, dass Stadt und Bürger die Anlagen als genossenschaftliches Projekt umsetzen. Auch aus dem Rathaus Sachsenheim ist eine gewisse Vorfreude zu spüren. Mit den Windrädern „können wir direkt einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten und gleichzeitig unabhängiger werden“, sagt Bürgermeister Holger Albrich.
Die Entscheidung, ob Windrad oder nicht, wird ihnen zwar größtenteils genommen, doch die Bürgermeister betonen, wie wichtig ihnen die Mitsprache in Form einer Stellungnahme ist. Auch die Beteiligung der Bürger sei entscheidend, sagt Eberdingens Bürgermeister Carsten Willing.
Der Osten
Auch Oberstenfeld wird sich wohl auf Windkraftanlagen einstellen müssen. Gleich drei geplante Vorranggebiete sind auf der Gemarkung der rund 8000-Einwohner-Gemeinde verortet. Thomas Kiwitt, Planungsdirektor beim VRS, könnte sich vorstellen, dass sich östlich der Gemeinde oberhalb der Eichhalde im Wald ebenso Windräder rentieren könnten wie nordöstlich von Gronau auf einer Anhöhe im Offenland sowie nordöstlich vom Ortsteil Prevorst, dem am höchsten gelegenen Flecken im Landkreis.
Damit hat der VRS die Kommune Oberstenfeld, aber auch die Kommunen des Westens, rechts überholt. Denn die haben bis dato keine eigenen Vorschläge eingereicht. Der Oberstenfelder Bürgermeister Markus Kleemann ist zurückhaltender als seine Kollegen im Westen des Kreises. Grundsätzlich müsse man sich natürlich fragen, wie die Energieversorgung künftig sichergestellt werden kann. Aber es müsse auch abgewogen werden, wie sich das mit dem Eingriff in die Landschaft vertrage.
Der Hardtwald
Den Bürgern des Bottwartals wird auffallen, dass die Windkraft-Zone Hardtwald auf der Karte des Regionalverbandes sehr klein ausfällt. Und das, obwohl seit Monaten darüber gesprochen wird, dass dort bis zu acht Windräder gebaut werden sollen. Hintergrund ist ein Sonderweg, den die Kommunen rund um Marbach eingeschlagen haben. Die Gemeinden haben nämlich selbst einen größeren Ausschnitt im Forst als Vorranggebiet vorgeschlagen.
Marbach, Benningen, Pleidelsheim, Murr, Steinheim, Freiberg am Neckar und Großbottwar machen mit – nur Erdmannhausen war ausgeschert. Das dürfte das Vorhaben aber nicht torpedieren. Denn zwar taucht der Hardtwald in der Karte des Regionalverbandes nur mit acht Hektar auf, diese Vorrangfläche verpflichtet jedoch. VRS-Chefplaner Kiwitt betont, dass der jetzige Entwurf nicht endgültig ist, und sich im weiteren Verfahren herausstellen kann, dass auch in anderen Teilen des Forsts bei Großbottwar der Wind stark genug bläst und die Vorrangflächen vergrößert werden.
Eine ähnliche Situation gibt es übrigens auch in Sachsenheim, wo der Zweckverband Eichwald den Bau von mehreren Windrädern für das Gewerbegebiet Eichwald seit Monaten vorantreibt.
Das Fazit
Die nächsten Monate werden interessant. Welche Gemeinde geht den Ausbau aktiv an? Welche lehnt sich zurück? Wo entstehen Protestbewegungen? Dass viele neue Windkraftanlagen gebaut werden, steht wohl fest. Es ist jedoch noch nicht entschieden, ob aus allen bisher eingezeichneten Flächen auch wirklich Vorrangflächen werden. Denn auf der Karte sind aktuell noch 2,6 Prozent der regionalen Fläche markiert. Es besteht also ein Puffer zum 1,8-Prozent-Ziel.
Zudem könnten einige Kommunen vom Eifer anderer Rathäuser profitieren. Wenn beispielsweise am Gewerbegebiet in Sachsenheim und im Hardtwald mehr Vorrangfläche für Windkraft entsteht als aktuell eingezeichnet ist, könnte das andere Vorranggebiete obsolet machen. Es gibt also immer noch Möglichkeiten, dass sich Gemeinden aus ihrer Verantwortung winden.
Viel Zeit ist nicht mehr: Noch in diesem Jahr beginnt in der Region Stuttgart der Beteiligungsprozess. Es wird angestrebt, dass alle Einwendungen bis April 2024 abgearbeitet sind und die Fortschreibung des Regionalplans abgeschlossen ist. Damit ist der Weg frei für den Ausbauschub der Windkraft.