Startup Finanzierung Die Crowdfinanzierung mausert sich

Von Thomas Spengler 

Crowdfunding ist keine neue Idee. Schon die Freiheitsstatue in New York wurde so finanziert. Was muss man bei der Crowdfinanzierung heute beachten?

Geld vom Publikum für die eigene Idee einsammeln - der Gedanke ist nicht neu. Foto: Pixabay/Tumisu/CC0
Geld vom Publikum für die eigene Idee einsammeln - der Gedanke ist nicht neu. Foto: Pixabay/Tumisu/CC0

Stuttgart - Nachdem der Börsenkrach von 1873 den Bau der Freiheitsstatue gefährdet hatte, rief der Herausgeber der Zeitung „The New York World“, Joseph Pulitzer, dazu auf, die Freiheitsstatue durch Spenden zu realisieren. Innerhalb von fünf Monaten kamen auf diese Weise von mehr als 120 000 Spendern 101 091 Dollar zusammen – mit der Folge, dass die Statue bekanntlich gebaut werden konnte.

Das Typische an der klassischen Crowdfinanzierung ist, dass eine Vielzahl von Menschen, die sogenannten Unterstützer, ein Projekt finanziell, oft mit kleinen Beträgen, ermöglichen. Meist werden die Projekte direkt über das Internet, also ohne Zwischenhändler, organisiert. Bei der Crowdfinanzierung übernimmt folglich kein Mittelsmann das Risiko bei einem möglichen Ausfall. Vor diesem Hintergrund stehen beide Seiten – also Projektstarter und Crowd – in besonderer Verantwortung. Transparenz und kontinuierliche Kommunikation gelten daher als die wichtigsten Voraussetzungen für gelingendes Crowdfunding.

Crowdfinanzierung birgt das Risiko „öffentlichen Scheiterns“

In der Regel gibt es eine im Vorfeld definierte Mindestsumme, die in einem festgelegten Zeitraum erreicht werden muss, damit die Kampagne auch umgesetzt wird. Wenn nicht, fließt das Geld an die Unterstützer zurück. In Deutschland erreichen rund 55 Prozent ihr Fundingziel, in den USA sind die Quoten deutlich niedriger. Projektstarter müssen sich also darüber im Klaren sein, dass Crowdfinanzierung das Risiko des „öffentlichen Scheiterns“ in sich birgt. Das heißt, übers Internet kann jedermann einsehen, ob die anvisierte Summe zusammengekommen ist oder nicht.

Verläuft die Kampagne erfolgreich, erhalten die Unterstützer in der Regel ein Dankeschön in Form einer nicht-finanziellen Gegenleistung. Meist ist dies eine Ausfertigung des Projektergebnisses wie etwa ein Buch oder eine DVD. Crowdfunding, über das 2016 rund 130 Millionen Euro eingesammelt wurden, eignet sich für kulturelle, kreative, gesellschaftliche, ökologische und Sportprojekte. Da es sich hierbei auch um eine Art Vorverkauf handeln kann, ist diese Form des Crowdfunding auch gut als Test für das Marktpotenzial einer Idee geeignet.

Neben diesem klassischen, „reward-based“ Crowdfunding gibt es die Modelle des Crowdinvesting (equity-based) und des Crowdlending (lending-based). Für Start-ups, kleine und mittelständische Unternehmen, Energie- oder Filmprojekte kann sich daher eine Crowdinvesting-Kampagne anbieten, bei der die Unterstützer am Projekterfolg beteiligt werden. Diese Mikro-Investitionen haben eigenkapitalähnlichen Charakter und laufen meist über nachrangige Darlehen. Daher muss sich die Crowd bewusst sein, dass das Risiko des Totalausfalls der zur Verfügung gestellten Gelder besteht. Nichtsdestotrotz hat sich 2017 der Markt für Crowdinvesting in Deutschland auf rund 200 Millionen Euro nahezu verdreifacht.

Die Finanzierungsform boomt

Ebenso erlebt Crowdlending einen Boom, bei dem die Masse der Unterstützer über eine feste Laufzeit einen Kredit zu einem vereinbarten Zins vergibt. Der Crowdkredit hat Fremdkapital-Charakter und gilt insbesondere bei Start-ups als eine Alternative beziehungsweise Ergänzung zum klassischen Bankkredit. Das Gesamttransaktionsvolumen beim Crowdlending wird für das laufende Jahr auf 590 Millionen Euro in Deutschland geschätzt.

Mario Buric, erfah­rener Funding-Berater aus Stuttgart, beschreibt Crowdinvesting, aber auch Crowdlending als sehr start-up-freundlich. Schließlich haben Investoren keine Mitsprache-, sondern nur Informationsrechte. Das müssten diese sich klarmachen. „Es gibt keine Verpflichtung zur Ad-hoc-Publizität, wie es bei börsennotierten Unternehmen der Fall ist“, so Buric. Hinzu kommt außerdem, dass er an­gesichts des Risikos insbesondere die beim Crowd­investing in Aussicht gestellte Rendite als zu niedrig erachtet. „Eigentlich müssten die Investoren das Doppelte bekommen“, meint Buric.

Der Markt für die Crowdfinanzierung entwickelt sich weiter

Dennoch sieht der Mitbegründer von Crowd Nine, einer Funding-Plattform für Baden-Württemberg, Vorteile für Investoren, die es vor zehn Jahren in dieser Form noch nicht gegeben hat. „Aufgrund der Weiterentwicklung des Marktes für Crowdlending und -investing kann man heutzutage seine Investments breit und kleinteilig streuen“, macht der Berater klar. Was früher eher als ziemlich exklusiv galt, steht heute allen offen und habe zu einer Art „Demokratisierung der Investmentmöglichkeiten“ geführt, wie Buric es nennt. I

In Deutschland war Startnext als erste Crowdfunding-Plattform im Jahr 2010 angetreten, bevor Seedmatch als erste Crowd investing-Plattform ein Jahr später an den Markt ging. Eine Übersicht über Funding-Plattformen gibt es auf crowd­funding.de.