Statist im Opernhaus seit 1965 Eberhard Haiss ist nah dran an Romeo und Co.

Eberhard Haiss bei Proben zu John Crankos Ballett „Spuren“ Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Eberhard Haiss ist Statist an den Staatstheatern: seit 60 Jahren. Aktuell wirkt er auch im Cranko-Ballett „Spuren“ mit. Wie erlebte er 1973 die Buhs der Uraufführung?

Was eine Opernkarte als Geschenk zur Konfirmation auslösen kann! Für den 15-jährigen Eberhard war sie 1965 der Eintritt in eine andere Welt. „Während der ,Troubadour’-Vorstellung fielen mir auf der Bühne Leute auf, die weder sangen noch tanzten“, berichtet Eberhard Haiss im Rückblick. „Ich dachte mir: Was die können, kann ich auch, und habe dem Staatstheater einen Brief geschrieben und gefragt, ob ich mitmachen kann.“ Er konnte! Für seinen ersten Einsatz in „Aida“ machte sich der Neuling fein. „Ich erschien im Konfirmandenanzug“, erzählt er lachend.

 

Da die Familie Haiss nur einen Katzensprung vom Oberen Schlossgarten entfernt wohnte, gehörte Eberhard zu den Einspringern. Fiel ein Statist aus, musste das Besetzungsbüro nur anrufen, schon saß der Junge zehn Minuten später in der Maske. „Oft erfuhr ich erst beim Schminken, was gespielt wurde.“ Als Einspringer kam er 1966 auch zum Ballett. In John Crankos „Romeo und Julia“ war die Statistenrolle eines Soldaten vakant. „Was Ballett ist, wusste ich damals gar nicht“, bekennt Haiss. „Ich hatte es mit Revuetanz gleichgesetzt.“ Dann erlebte er Crankos Liebesdrama als ein Teil des lebendigen Ganzen. „Ich habe Bauklötzchen gestaunt.“

Beim ersten Balletteinsatz staunt er Bauklötze

Von dem damals 39-jährigen Ballettdirektor und Choreografen war der Teenager sofort begeistert, „weil er so gar keine Starallüren hatte.“ In der Kantine haben die beiden erstmals miteinander gesprochen. „Er saß bei uns am Tisch und löste Kreuzworträtsel: Kannst du mir mal helfen?“, imitiert Haiss mit britischem Akzent Crankos Tonfall. Ein anders Wort für Lärm/Krach war gesucht, fünf Buchstaben. „Ist das Radam?“ – „No, John, it’s: Radau.“

Auf Du und Du mit Romeo

Mehr als 40 Jahre hatte Haiss bei fast jeder „Romeo und Julia“-Ballettvorstellung in Stuttgart mitgewirkt, auch in „Schwanensee“, „Giselle“, „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Onegin“, „Don Quijote“ oder „Bolero“. Sein „Leib und Magen-Stück“ aber blieb „der Romeo“. Früh kam er zu den Kaufleuten. „Das war toll, weil man die Hälfte des ersten Aktes und im gesamten zweiten auf der Bühne ist. Wenn Mercutio stirbt, spielt man auch als Statist richtig mit. Das habe ich geliebt.“ Sagt’s und zieht eine Abrechnung für Statisten hervor, von Cranko eigenhändig unterschrieben. Drei Deutsche Mark gab es für die Proben, 15 Mark pro Auftritt. Ein schöner Zuverdienst für einen Abiturienten. Wenn seine Eltern klagten, ihr Sohn hänge zu viel am Theater herum, konterte der: „Ich kann dort Englisch sprechen.“ Ob mit Cranko, John Neumeier oder Richard Cragun – er habe sich immer auf Englisch unterhalten.

Mit Folgen. Nach dem Abi studierte Haiss Anglistik und Germanistik auf Lehramt. Seine Tätigkeit als Statist lief weiter, selbst als er Gymnasiallehrer war. 2011 erreichte Haiss dann die Nachricht, dass ihn das Ballett – wohl wegen seines Alters – nicht mehr benötige. Der „Romeo“-Aficionado macht keinen Hehl daraus, dass ihm dieser Einschnitt zu schaffen machte. Immerhin blieb er Statist bei der Oper. So wirkt Haiss aktuell in Alex Ranischs Inszenierung von Prokofjews „Der Spieler“ mit, im Kostüm eines dienstbaren Bärtierchens.

Gruppenbild der „Spuren“-Statisten 1973 mit Eberhard Haiss (weißer Kreis) Foto: Haiss/privat

Zurück in die Ballettwelt fand Haiss durch den „Cranko“-Film, an dem er als Komparse mitwirkte. „Parallel dazu gab es einen Aufruf von Angelika Bulfinsky, die für ,Spuren’ 30 möglichst glatzköpfige Männer suchte.“ Haiss schrieb die Statisterie-Ballettmeisterin an und legte Fotos von der Uraufführung von „Spuren“ bei. Sehr hilfreich für die Rekonstruktion des nun gezeigten Auszugs. Als schließlich Bühnenbildner Jürgen Rose erfuhr, dass Haiss schon 1973 bei der Uraufführung von „Spuren“ dabei gewesen war, hieß es: „Na, dann führt ja wohl kein Weg daran vorbei, dass wir den nehmen.“

Viele fühlten sich an Konzentrationslager erinnert

Ausgerechnet Crankos letzter Ballettabend vor seinem plötzlichen Tod wenige Monate später fiel beim Publikum durch. Mehr noch: Er wurde ausgebuht. Im „Cranko“-Film wird das Thema von „Spuren“ dafür verantwortlich gemacht. Zu Mahlers Zehnter Sinfonie setzte sich Cranko darin mit den Traumata von Verfolgten in einem totalitären System auseinander. Viele dachten da an die Konzentrationslager im Nazi-Deutschland. Liest man die Kritiken von damals, stieß man sich an der Zusammenstellung des Ballettabends oder bemängelte eine veraltete Bewegungssprache.

Die Damen wollte nicht oben ohne auftreten

Und was sagt der Statist über das Stück? „Dass ,Spuren’ ein modernes Thema hatte, war neu und unerwartet für mich.“ Auch wegen des politischen Inhalts. „Man fragte sich: muss das sein? Wo es doch so schöne literarische Stoffe gibt.“ Damals habe man das schon als Nestbeschmutzung gesehen. „In der Schule schrieben wir Erörterungen zur Frage: Sollen Nazi-Verbrechen verjähren?“ Dazu kam, dass den Statisten Glatzen geklebt wurden. „Sehr unangenehm!“ Unmut habe es auch bei den Damen gegeben: „Die wollten nicht mit freiem Oberkörper auftreten. Als Kompromiss nahm man dann eine Art BH, der den Rücken mit der aufgemalten Nummer frei ließ.“ Cranko selbst habe mit den Statisten geprobt. „Er erklärte uns, was wir darstellen sollten. Nicht nur: ihr geht rein und lasst den Mantel fallen.“ Und die Reaktion des Publikums?

„Die Buhs kamen völlig unerwartet. Bis dahin kannte ich ja nur tosenden Applaus.“ Die Ablehnung habe ihn, anders als Cranko und die Tänzer, nicht persönlich getroffen. „Wir Statisten waren ja nicht Feuer und Flamme für das Stück. Dass wir KZ-Insassen darstellten, war etwas Fremdes.“ Im Rückblick sieht Haiss in „Spuren“ einen spannenden Wendepunkt in Crankos Schaffen: „Was wäre da noch alles gekommen?“

„Mahler x 3 Meister“ mit Crankos „Spuren“ ist am 14., 19., 26.2. und am 2.3. zu sehen.

Info

Termin
Weitere Aufführungen des Ballettabends „Mahler x 3 Meister“, in dessen Rahmen Crankos letztes Stück „Spuren“ zu sehen ist, gibt es am 14., 19. und 26. Februar sowie am 2. März.

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