Kommentar zum Urteil im Staufen-Prozess: Haftstrafen sind nicht genug

Die Mutter (links) und ihr Lebensgefährte (rechts) müssen lange ins Gefängnis. Foto: Getty Images Europe

Der Missbrauchsfall in Staufen ist trotz seiner Monströsität nicht einzigartig. Es können und müssen Lehren daraus gezogen werden, kommentiert Miriam Hesse.

Freiburg - Juristisch ist der Fall des jahrelang vergewaltigten und zwangsprostituierten Jungen aus Staufen aufgearbeitet. Sieben Täter sind verurteilt, darunter die beiden Haupttäter – die Mutter und ihr Partner. Die hohen Haftstrafen für diese beiden sind angemessen und wenig überraschend. Schließlich war die Beweislage durch die angefertigten Videos und Bilder erdrückend. Abgesehen vom 39-jährigen Hauptangeklagten, dessen Aufklärungshilfe das Gericht hervorhob, gestanden alle Täter nur das, was ohnehin schon belegt war. Besonders zugeknöpft war die Mutter, die wenig zur Aufklärung beitrug und überhaupt kaum Mitgefühl zeigte.

 

Ausgerechnet die Mutter! Dieser Gedanke ist so naheliegend wie falsch. An den Fällen von schwerer Gewalt gegen Kinder in Deutschland haben Täterinnen fast einen ebenso großen Anteil wie Täter. Bei sexueller Gewalt ist der passiv-duldende Anteil der Mütter ein bekanntes Phänomen, der aktive Part sexueller Übergriffigkeit durch Frauen, insbesondere auch durch Mütter auf ihre Kinder, wird Fachleuten zufolge aber unterschätzt.

Deutschland hinkt bei der Aufklärung anderen Ländern hinterher

Der Staufen-Prozess bot nicht nur ein Schlaglicht auf das Phänomen Mütter als Täterinnen. Jenseits seiner Monstrosität lenkt der Fall den Blick auf fatale Tabus und strukturelle Missstände. Was hier zutage trat, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Hochrechnungen aus Dunkelfeldstudien ergeben, dass ein bis zwei Kinder in jeder deutschen Schulklasse Opfer von sexueller Gewalt sein könnten. Die Fallzahlen zu Besitz und Verbreitung von kinderpornografischem Material waren 2017 um 15 Prozent höher als im Vorjahr.

Zu den unbequemen Wahrheiten gehört auch, dass Deutschland bei der Aufklärungskompetenz anderen Ländern deutlich hinterher hinkt. Strafverfolgungsbehörden und Gerichte benötigen mehr Personal, um das Ausmaß von Missbrauchsabbildungen im Netz auswerten und die Fälle auch verfolgen zu können. Sie brauchen mehr Kompetenzen – zum Beispiel beim Zugang zum Darknet. Beim Bundesjustizministerium liegt derzeit der Vorschlag, dass sich die Ermittler über computergenerierte Kinderpornografie Eingang in die geschlossenen Tauschbörsen im Netz verschaffen dürfen. Das ist ein guter Ansatz, um Täter im Darknet aufzuspüren.

Die Zusammenarbeit der staatlichen Organe muss besser werden

Darüber hinaus müssen auch deutsche Internet Service Provider gesetzlich verpflichtet werden, Verdachtsfälle von Missbrauch an eine zentrale Stelle zu melden. In den USA ist das bereits der Fall. Rund 35 000 solcher Hinweise auf Missbrauchsdarstellungen im Internet mit Bezug zu Deutschland erhielt das BKA 2017 von amerikanischen Behörden. Davon konnte mehr als die Hälfte nicht weiterverfolgt werden, weil aufgrund der ausgesetzten Vorratsdatenspeicherung keine IP-Adressen ermittelt werden konnten. Ein Unding.

Gerade bei komplexen und schwerwiegenden Fällen von sexueller und anderer Gewalt gegen Kinder zeigt sich immer wieder, dass in der Zusammenarbeit von Jugendämtern und Familiengerichten die Verantwortung nur weitergeschoben wird. Die Opfer geraten aus dem Fokus. Das heißt nicht, dass es keine Sensibilisierung und Verbesserung beim Kinderschutz gegeben hätte. Die Vernetzung zwischen Krankenhäusern, Jugendämtern und Richtern klappt teilweise schon sehr gut. Aber die Zahl der von einem Sachbearbeiter im Jugendamt zu bearbeitenden Fälle ist fast überall viel zu hoch. Und noch gravierender: nach wie vor hängt es von der Kassenlage einer Kommune ab, wie hoch das Risiko für die Opfer ist. In Stuttgart etwa hat ein misshandeltes Kind eine höhere Überlebenschance als in Berlin. Die Finanzierung des Kinderschutzes sollte auf Bundesebene angesiedelt werden. Der Fall Staufen muss die Gesellschaft aufrütteln: Wirtschaft, Gesellschaft und Politik müssen sexuelle Gewalt härter als bisher bekämpfen.

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