Staufermedaille für Heilbronner Schauspielerin „In Stuttgart kennt mich keiner!“ Heute: Ingrid Richter-Wendel

Von Brigitte Fritz-Kador 

Ingrid Richter-Wendel spielt seit gut 40 Jahren Theater. Jetzt bekam sie die Staufermedaille der Stadt.

  Foto: Theater Heilbronn
  Foto: Theater Heilbronn

Heilbronn - Als im November der Brief kam, hielt sie es für einen Scherz – und legte ihn beiseite. Das Wort „Staufermedaille“ sagte ihr auch nicht viel. Mittlerweile aber weiß Ingrid Richter-Wendel, welch hohe Auszeichnung ihr der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg verleiht. Doch die Schauspielerin am Heilbronner Theater fragt nicht nach, wem sie dies zu verdanken hat. Die Idee, dass es sie selber und ihre Lebensleistung sein könnte, liegt ihr fern: „Man kommt sich ja nicht so wichtig vor, aber es ist ein hübscher Zug, so was auch mal mit Schauspielern aus der Provinz zu machen. In Stuttgart kennt mich doch keiner!“, sagt sie. Was sie sichtlich freut, ist, „dass hier im Theater jetzt alle stolz auf mich sind!“

Seit mehr als 40 Jahren ist die geborene Spreewälderin Ingrid Richter-Wendel am Heilbronner Theater tätig. Eine ihrer ersten Rollen war eine der Töchter von „König Lear“. Heute wird sie gerne als die „Grande Dame“ des Theaters bezeichnet. Das ist nicht falsch, trifft es aber auch nicht genau. Denn das, was an Selbstinszenierung für diesen Begriff Voraussetzung ist, fehlt ihr völlig. Ihr Markenzeichen sind die streng nach hinten gekämmten roten Haare, die unverwechselbare Stimme, ihre sprichwörtliche Disziplin, mit der sie textsicher jeden Tag ihre Rollen antritt.

Heilbronns Intendanten sicherten die wirtschaftliche Basis

Im richtigen Leben kam ihr eine „Rolle“ dazwischen, auf die sie nicht vorbereitet war und die sie lange spielen musste: nach dem frühen Tod ihres Mannes die der alleinerziehenden Mutter von vier Kindern. Inzwischen sind alle längst erwachsen. Es sei immer irgendwie gegangen, sagt sie. An die Heilbronner Intendanten Walter Bison und Klaus Wagner, die ihr in dieser Zeit die wirtschaftliche Basis sicherten, denkt sie dankbar zurück. Fast wörtlich hätten beide gesagt: „Ingrid, bei mir bist du immer unter Vertrag.“

Ein Hadern mit dem Schicksal wird man von Ingrid Richter-Wendel nicht hören. Im Traum gehe sie seit Jahren immer wieder einen langen geraden Weg unter Lindenbäumen entlang, wissend, dass am Ende einer dieser schönen brandenburgischen Seen sei. Doch diese Gelassenheit hat einen Preis: Zwei sehr gute Angebote von großen Häusern hat sie ausgeschlagen – sie wollte die Kinder nicht entwurzeln – Film und Fernsehen haben sie nie interessiert. Und ob eine Rolle groß oder klein war, auch nicht. „Schön“ muss sie sein, so wie etwa in „Harold und Maude“. Den Respekt, den sie bei ihren Kollegen genießt, hat sie sich erarbeitet. Sie ist ein Ensemblespieler, wie sie sagt. Sie hält manches zusammen – im Leben und auf der Bühne. Eine Inszenierung mit ihr kann nie richtig scheitern. Die Fäden in der Hand halten kann sie auch in ihrer jüngsten Rolle in Wajdi Mouawads Stück „Verbrennungen“, in dem sie eine Großmutter spielt, die über alle Zeiten und Räume da ist „und manchmal auch ganz schlimme Dinge sagt“. Nach der Premiere hat sie aus der Hand von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) die Staufermedaille verliehen bekommen.

Ingrid Richter-Wendel erinnert sich noch gut daran, wie sie das erste Mal „Scheiße“ auf der Bühne sagte – frisch von der Schauspielschule ans Hoftheater Meiningen engagiert. Davor gab es eine lange Auseinandersetzung mit dem Intendanten, der gesagt hatte, „wir sind nicht so verwahrlost, so ein Wort auszusprechen!“ Aber sie konnte ihn von der dramaturgischen Wichtigkeit überzeugen – und durfte es einmal tun. Es war der Kultklassiker der jungen sozialistischen Internationale, die Bühnenfassung von „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nicolai Ostrowski.

Sie erinnert sich an eine schöne Kindheit im Spreewald

Ihre Kindheit beschreibt Ingrid Richter-Wendel als schön. Was sie noch vom Krieg erlebt hat – Tote, Bombenangriffe, Gefangenentransporte –, „das haben wir als Kinder einfach so hingenommen“. Und die Politik und die Lebensumstände in der DDR? „Wir wollten an die gute Zukunft glauben“, sagt sie und erzählt, wie in der Diskussion mit dem Vater, nach Hiroshima und der Haltung der DDR zur Atomkraft, diese Einstellung erste Risse bekam. Die wurden tiefer, als ihr Mann Fritz Wendel, Schauspieler und Regisseur, unter anderem am Deutschen Theater Berlin, mit seinen Ansichten abseits der Parteilinie Schwierigkeiten bekam. Bevor sie ernster wurden, „sind wir einfach ausgereist, mit dem Flugzeug von Tegel nach Hamburg, mein Mann hatte dort ein Engagement“.

Ist diese Frau, die die „80“ vor Augen hat, nie müde? Spielen strenge sie nicht besonders an, sagt sie, „da merke ich das Alter nicht, das ist ja das Schöne!“ Angst helfe nicht beim Älterwerden, „wir müssen es einfach hinnehmen“. Auch das Heilbronner Publikum wird nie müde, sie zu sehen. Sie kann komisch und tragisch, heiter und ernst, leicht und schwer . Dabei ist sie nicht einmal selbst auf die Idee gekommen, Schauspielerin zu werden. Wie das in der DDR üblich war, hatte sie der Schulrektor „delegiert“ – „Du wirst Schauspielerin“ habe er zu ihr gesagt und dafür gesorgt, dass sie erst in Weimar und dann in Leipzig auf die Schauspielschule ging. Der Rektor muss einen guten Blick gehabt haben.

Die fast 80- Jährige will noch viel reisen

Zwischen dem „Klärchen“ aus Goethes „Egmont“, ihrer ersten großen Rolle als 21-Jährige 1955/56 in Meiningen, und heute liegen unzählige Rollen, darunter die der „Mutter Courage“ bis hin zur alten Lina Eisele in dem Monolog „Sinn-Spuren“, im Januar 2011, geschrieben von der jungen Stuttgarter Schriftstellerin Anna-Katharina Hahn. Mit deren Großvater Georg Hahn spielte Ingrid Richter-Wendel noch am Heilbronner Theater, jetzt wurde sie auch von der Kritik außerhalb einmal wahrgenommen. „Wir wollen alle angeschaut und angelächelt werden“, sagt sie dazu.

Wenn sie nicht spielt, geht die Schauspielerin in Konzerte, gerne auch, wenn zeitgenössische Musik gespielt wird. Und sie will noch viel reisen. Den Blick zurück muss man ihr fast abverlangen. Mit Dankbarkeit und Respekt spricht sie von dem langjährigen Intendanten Klaus Wagner, der mit seinen „Judenstücken“ so mutig und politisch war – und ist dann schon wieder in der Gegenwart: „Wir sind ein Stadttheater, da ist alles legitim“, sagt sie. Manchmal, wenn das Publikum an schweren oder sehr modernen Stücken kaut, sage sie: „Man kann nicht ein Leben lang Pudding essen, man muss auch was zum Beißen haben.“