Stefan Hartung im Gespräch Bosch-Chef: Beschäftigte sollen wissen, woran sie sind
Auch vor einem großen Leserpublikum findet der Bosch-Chef Stefan Hartung persönliche Worte zum Stellenabbau und Werkschließungen in seinem Konzern.
Auch vor einem großen Leserpublikum findet der Bosch-Chef Stefan Hartung persönliche Worte zum Stellenabbau und Werkschließungen in seinem Konzern.
Stefan Hartung legt wieder ein enormes Tempo vor. Dem Bosch-Chef hilft dabei seine schnelle Auffassungsgabe und eine enorme Sprechgeschwindigkeit. Das passt dann besonders gut zum Thema, wenn der 60-Jährige an diesem Abend auf den externen Schrittmacher der deutschen Autoindustrie zu sprechen kommt: China. „Die chinesischen Kunden wollen von uns die Produkte immer schneller, immer billiger und immer mehr davon“, sagt der Vorsitzende der Bosch-Geschäftsführung im Gespräch mit Joachim Dorfs und Anne Guhlich, dem Chefredakteur und der stellvertretenden Chefredakteurin von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihen „StZ im Gespräch“ und „Treffpunkt Foyer“ sind 460 Leser und Leserinnen der Einladung ins Look 21 an der Stuttgarter Türlenstraße gefolgt, um sich ein Bild davon zu machen, wie Stefan Hartung den weltgrößten Zulieferer durch die automobile Zeitenwende lenkt. Mit der Beurteilung „Like a Bosch“ wäre er jedenfalls einverstanden. Schließlich antwortet er auf die Frage, was der Werbeslogan denn aus seiner Sicht beschreibe: „Wenn man ein echt guter Boschler ist.“
Von „Like a Bosch“ zu „Like a Boss“. Wie er als solcher in Zeiten von Absatzrückgängen, Stellenabbau, Werkschließungen und bereits jetzt schon in Frage gestellten Jahreszielen für 2026 denn Zuversicht verbreiten könne, wird der gut gelaunte Stefan Hartung gefragt. Der lacht erst einmal herzhaft und meint: „Optimist bin ich schon allein von Amts wegen, den muss man gerade in schwierigen Zeiten unbedingt vorleben.“ Und das gelingt Stefan Hartung an diesem Abend tatsächlich glaubhaft.
Trotz vieler munterer Antworten rauscht Stefan Hartung nicht als Gute-Laune-Express durch den Abend. Gerade seine nachdenklichen Äußerungen sind es, die beim Publikum den meisten Eindruck zu hinterlassen scheinen. Nachdem beispielsweise ein Studienabsolvent im Publikum das Wort ergreift und fragt, was speziell jungen Leuten angesichts geringer Rente, Wohnungsnot oder düsterer Arbeitsmarktaussichten Zuversicht geben sollte? „Bei allem Verständnis für diese berechtigten Sorgen, man darf nie vergessen, dass man selbst handeln und so einen erfüllenden Beitrag für sich selbst und andere leisten kann.“ Er sei der festen Überzeugung, dass jeder Mensch zwei, drei Merkmale in sich trage, aus denen sich Optimismus ableiten lasse. Neugier sei so ein Mutmacher oder auch Durchhaltevermögen.
Was den Abend unterhaltsam macht, ist die Fähigkeit Hartungs, in ganz verschiedenen Genres authentisch unterwegs zu sein. Mal ist es beinahe philosophisch, dann kunstsinnig und im nächsten Moment wieder hemdsärmelig, wenn der einer Dortmunder Bergmannsfamilie entstammende Hartung über seinen Wertekompass, die Freude an klassischer Musik, Gartenarbeit und das ausgeprägten Faible, Bosch-Geräte selbst auszuprobieren, spricht.
Und er tut bei der Veranstaltung gut daran, die Probleme in seinem Unternehmen nicht klein zu reden oder wegzulächeln. Schließlich geht es um rund 22 000 Arbeitsplätze, die gestrichen werden sollen. Dabei steht auch die Identität des Konzerns auf dem Spiel, der in Deutschland seit jeher als besonders fürsorglich gegenüber seiner Belegschaft wahrgenommen wird. „Zur Fürsorge gehört aber auch, ein Unternehmen zukunftsfähig zu machen“, sagt Hartung. „Aber trotzdem ist es wirklich keine schöne Sache, einem Mitarbeiter zu sagen, dass es für ihn nicht weitergeht.“
Stefan Hartung gelingt es an diesem Abend, den Zuhörern und Zuhörerinnen zu veranschaulichen, dass strategische Entscheidungen in diesen angespannten Zeiten auch immer ein Spagat sind. Das wird bei der unternehmerischen Gratwanderung zwischen Einsparungen auf der einen und Investitionen auf der anderen Seite deutlich. Beides müsse in Einklang gebracht werden, auch weil das Thema Innovation gerade in schwierigen Zeiten so wichtig sei, meint Hartung.
Auf besonderes Interesse beim Publikum stößt auch das Thema „Rüstungsgüter“, das Hartung selbst so anmoderiert: „Es gibt keinen Panzer, der ohne uns fährt.“ Was nicht bedeute, dass sich Bosch zu einem Waffenhersteller verwandle, gleichzeitig aber dennoch einen Beitrag zur Verteidigung leisten werde. Bei diesem „Beitrag“ handelt es sich laut Stefan Hartung um Systeme und Komponenten für Militärfahrzeuge, um Sensorik und Hydraulik.
In diesem Zusammenhang lässt Hartung auch mit der Aussage aufhorchen, dass es die eigene Entscheidung jedes einzelnen Boschlers sei, ob man an der Produktion von Rüstungsgütern beteiligt sein wolle oder nicht: „Den Beschäftigten die Mitarbeit im Rüstungsbereich freizustellen, wird für Bosch dadurch erleichtert, dass die Fertigung von Verteidigungsgütern für das Unternehmen auch perspektivisch keine große Rolle spielen soll“, so der Konzernchef weiter. Bei den Militärfahrzeugen handele es sich um ein Geschäft mit Stückzahlen im Tausenderbereich, während es in der Pkw-Branche um eine Millionen-Fertigung gehe.
Ein Anliegen von Stefan Hartung ist es an diesem Abend aber vor allem, die Gründe für den Stellenabbau des Unternehmens darzulegen, dem so viele Arbeitsplätze zum Opfer fallen sollen. Dazu gehören die Verweise auf das schwache Autogeschäft, den sinkenden Anteil von Dieselantrieben und die sich langsamer als ursprünglich gedacht entwickelnde E-Mobilität. Weitere negative Begleiterscheinungen stellen US-Zölle und aktuell der Iran-Konflikt dar.
Diese neue Unvorhersehbarkeit hat spürbare Folgen für die Bosch-Beschäftigten. Das Ende 2027 auslaufende Jobsicherungsprogramm, dass die Beschäftigten in der Auto-Sparte „Mobility“ vor betriebsbedingten Kündigungen schützen soll, wird nicht verlängert. Hartung erinnert in diesem Zusammenhang aber daran, dass es sich bei diesen Vereinbarungen auch bisher nur um Absichtserklärungen handle. Was sich auch in Zukunft nicht ändern werde, dass Entlassungen immer das letzte Mittel seien, so Stefan Hartung.
In diesem Zusammenhang spricht der Bosch-Steuermann von einem „wahrhaftigen Vorgehen“ der Geschäftsführung. Er wolle gerade jetzt keine falschen Hoffnungen machen. Dass es trotzdem zuletzt immer wieder zu Enttäuschungen bei den Beschäftigten gekommen ist, spricht aus den Wortmeldungen aus dem Publikum, wenn beispielsweise die gestrichene Jubiläumsleistung für langjährige Beschäftigte thematisiert wird. „Das ist eine Abwägungsfrage“, entgegnet Hartung. „Wenn wir daran festgehalten hätten, müssten zusätzlich Stellen abgebaut werden.“
Womit Stefan Hartung an diesem Abend punktet: Er verliert sich nicht in einem nichtssagenden Manager-Sprech, sondern beantwortet die konkreten Fragen des Moderationsduos Anne Guhlich und Joachim Dorfs sowie der Leserinnen und Leser entsprechend zielgerichtet. Was eine Veranstaltung ohne Leerlauf zum Ergebnis hat.
Am Ende sagt Stefan Hartung noch: „Es ist gut, dass wir manchmal Angst vor etwas haben, schlecht ist aber, wenn die Angst unser Denken bestimmt.“