Stefan Kretzschmar zur Handball-WM Kretzschmar Richtung DHB: Feiert die Frauen statt zu schimpfen

Stefan Kretzschmar ist nach seinem Aus als Füchse-Sportvorstand nur noch als TV-Experte im Einsatz. Foto: IMAGO/Christian Heilwagen

Stefan Kretzschmar verfolgt interessiert die WM der Frauen, bei der seine Tochter als Expertin tätig ist. Der Ex-Weltklassehandballer wünscht sich eine positivere Außendarstellung.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen kämpft im Halbfinale an diesem Freitag (17.45 Uhr/ARD) gegen Weltmeister Frankreich um den Einzug ins WM-Finale. Ex-Nationalspieler und TV-Experte Stefan Kretzschmar wünscht sich, dass die Werte, die das Team verkörpert, mehr in den Fokus gerückt werden.

 

Herr Kretzschmar, haben Sie die schwarz-rot-goldene Schminke schon im Gesicht und das Deutschland-Fähnchen am Auto?

Nein, noch nicht, aber innerlich schon.

Wie nehmen Sie die Frauen-WM wahr?

Die Begeisterung der Zuschauer in Stuttgart und Dortmund fand ich klasse. Wenn ich gesehen habe, wie sich Hunderte von kleinen Handballmädels über die Autogramme unserer Nationalspielerinnen gefreut haben, dann ist das genau das Richtige für den Frauenhandball.

Der sportliche Erfolg . . .

. . . ist mit der ersten Halbfinalteilnahme seit 2008 da. Wir haben eine tolle Mannschaft, die einen guten Zusammenhalt hat und bisher ein starkes Turnier spielt. Das finde ich schon sehr beachtlich. Alles weitere ist jetzt eine Zugabe.

Gegen einen internationalen Topgegner spielte das deutsche Team aber bisher nicht – oder sehen Sie das anders?

Nein, aber wie viele internationale Topteams gibt es denn? Ich sehe Norwegen ganz weit vorne, dann Frankreich, Dänemark, vielleicht noch die Niederlande. Ansonsten ist die Diskrepanz zwischen den Topteams und dem Rest der Welt schon sehr groß bei den Frauen. Dieser riesige Unterschied hat mich überrascht.

Wird diese WM dem Frauen-Handball den viel diskutierten Schub geben?

Das Nationalteam ist in aller Munde. Ich fände es gut, dass das, was die Spielerinnen ausstrahlen, auch in die Öffentlichkeit transportiert wird. Das heißt, von Verbandsseite sollte man sich darauf konzentrieren, dass die Mädels tollen Handball spielen, dass die Menschen die Spiele feiern und dass dieses uneingeschränkt positive Image eben auch nach außen getragen wird.

Markus Gaugisch wird von Lina Lindner interviewt für den Streamingsender Sporteurope.TV. Foto: IMAGO/wolf-sportfoto

Passiert das nicht?

Mir ist es manchmal zu viel Kritik, es wird zu viel eingefordert. Da heißt es: Wir müssten häufiger gezeigt werden, wir müssten andere Strukturen bekommen, die Spielerinnen müssten mehr Geld verdienen und so weiter und so fort. Ich will nicht sagen, dass mich das stört, aber der Fokus sollte viel mehr auf dem liegen, was man gerade erreicht und erzeugt. Das sollte die Kernbotschaft sein.

Warum?

Weil sich Sponsoren und Partner gerne mit einer sympathischen und erfolgreichen Geschichte umgeben und schmücken. Und diese Werte repräsentiert das Team uneingeschränkt. Genau das sollte vom Verband, vom Präsidenten, transportiert werden und nicht so viel geschimpft werden.

Wie zum Beispiel über die öffentlich-rechtlichen TV-Sender, die erst ab dem Viertelfinale eingestiegen sind?

Das wurde sehr drastisch formuliert, ja. Aber das ist gleichzeitig auch ein Schlag ins Gesicht für den aktuellen Partner, den Streaming-Sender, deren Mitarbeiter ihren Job mit viel Fachwissen, Engagement und Leidenschaft seit Jahren sehr gut machen. Unabhängig von dem allen kann diese erfolgreiche WM natürlich einen Push auslösen.

Die erste Medaille seit 2007 wäre das I-Tüpfelchen.

Du bist jetzt in Rotterdam im Halbfinale, da fragt irgendwann auch keiner mehr, wer die Gegner waren und wie du da hin gekommen bist. Und jetzt, das wissen wir auch aus diversen Final-Four-Turnieren und ähnlichen Formaten, ist vieles möglich in einem Spiel. Da hat unsere Mannschaft jetzt eine Chance. Sie hat Selbstvertrauen getankt, Sympathiepunkte gesammelt. Es wäre dem Frauen-Handball zu wünschen, dass er daraus Popularität zieht.

Bundestrainer Markus Gaugisch besitzt einen Vertrag bis April 2026. Ist die Verlängerung Formsache?

Dazu stecke ich nicht tief genug drin. Aber so ein Erfolg ist immer auch ein Gebilde, zu dem viele Menschen dazugehören. Eben auch ein fähiger und sympathischer Bundestrainer, so kommt er bei den Interviews rüber, der alles vorlebt und begleitet. Wenn das Gesamtbild nicht passen würde, dann wärst du auch nicht erfolgreich.

Sie haben den Streaming-Dienst angesprochen. Dort ist Ihre Tochter Lucie als Expertin im Einsatz. Wie macht sie sich?

Ich finde, sie macht das ganz sympathisch und gut, auf ihre Art auch sehr loyal dem Nationalteam gegenüber. In dem Alter, da war ich anders.

Lucie Kretzschmar spielt in der Bundesliga für die HSG Bensheim/Auerbach. Foto: IMAGO/Eibner

Sie ist 25, zweimalige Beachhandball-Weltmeisterin.

... und hat damit in diesem Bereich wesentlich mehr Titel als ihr Vater.

In der Bundesliga spielt sie für die HSG Bensheim/Auerbach. Warum hat es noch nicht für die A-Nationalmannschaft gereicht?

Die Konkurrenz auf ihrer Position ist sehr, sehr groß. Wenn man auch Nieke Kühne sieht, die erst 21 Jahre alt ist. Das ist sehr hohes Niveau. Von dieser Breite profitiert das Team.

Wo landet Deutschland?

Wenn Dänemark der Halbfinalgegner geworden wäre, hätte ich auf jeden Fall auf die Finalteilnahme getippt, gegen Frankreich habe ich kein so gutes Gefühl. Ich hoffe, dass es eine Medaille wird, dann wäre es ein Riesenerfolg.

Zur Person

Karriere
Stefan Kretzschmar wurde am 17. Februar 1973 in Leipzig geboren, aufgewachsen ist er in Berlin, wo er in der Kinder- und Jugendsportschule des SC Dynamo Berlin aktiv war. Als Aktiver spielte er für den SV Blau-Weiß Spandau (1991 bis 1993), den VfL Gummersbach (1993 bis 1996) und den SC Magdeburg (1996 bis 2007). Insgesamt absolvierte der Linksaußen 421 Bundesliga-Spiele (1694 Treffer). Mit dem SCM wurde er 2001 deutscher Meister und 2002 Champions-League-Sieger. Für Deutschland absolvierte er 218 Länderspiele (821 Tore). Von 2020 bis September 2025 war er Sportvorstand bei den Füchsen Berlin.

Persönliches
Kretzschmar ist liiert mit Doreen, das Paar lebt im Berliner Umland in einem Haus am See. Er hat zwei Kinder (Elvis/17 und Lucie/25). Sein Hobby ist Golf. Seit August 2023 ist er als Handball-Experte bei Dyn tätig. (jüf)

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