Stefan Spatz Corona stellt bei ihm alles auf den Kopf

Von Caroline Holowiecki 

Im Februar ist der Degerlocher Stefan Spatz als Leiter des Sozialamts in den Ruhestand verabschiedet worden. Zwei Monate später hat er beim Gesundheitsamt angefangen.

Stefan Spatz, ehemaliger Sozialamtsleiter, steht im Hof  des Gesundheitsamtes. Dort nimmt er derzeit vor allem eine Beraterrolle ein. Foto: Caroline Holowiecki
Stefan Spatz, ehemaliger Sozialamtsleiter, steht im Hof des Gesundheitsamtes. Dort nimmt er derzeit vor allem eine Beraterrolle ein. Foto: Caroline Holowiecki

Stuttgart - „Sie? Hier?“ Stefan Spatz hat sich schon an die ungläubigen Blicke gewöhnt. Verübeln kann er sie den Menschen bei der Stadtverwaltung Stuttgart nicht. Anfang Februar wurde er mit großem Bahnhof in den Ruhestand verabschiedet. Vor 270 Gästen wurden viele warme Worte über den scheidenden Leiter des Sozialamts gesprochen. Stefan Spatz ist einer, der im Rathaus wohlgelitten ist. Mehr als 40 Jahre ist er hier täglich durch die Flure gegangen. Von der Straßenverkehrsbehörde beim Ordnungsamt ging es ins Hauptamt. Anfang der 1990er kam der höhere Dienst, erst als persönlicher Referent der Sozialbürgermeisterin, später als Leiter der Abteilung Verwaltung im Sozialamt, dann als Vize-Amtsleiter. Nach fünf Jahren Sozialamtsleiter war im Februar Schluss. Mit 66.

Doch noch bevor seine Nachfolgerin Franziska Vogel am Schreibtisch Platz genommen hat, ist Stefan Spatz wieder da. Der Degerlocher steht im freundlich grünen Hof des Gesundheitsamts, hat eine Aktenmappe unter den Arm geklemmt. „Am 29. Februar habe ich mein Büro in der Nacht mit einem super guten Gefühl abgeschlossen“, sagt er und lächelt. Alles aufgeräumt, alle Mails beantwortet, reinen Tisch gemacht. Ab ins neue Leben als Pensionär.

Er wollte unbedingt auch etwas tun in der Corona-Krise

Doch dann kam Corona. Stefan Spatz trägt zum schwarzen Sakko eine schwarze Jeans und ein weißes Hemd ohne Krawatte. Formell, aber nicht zu sehr. Es passt zur Situation als berufstätiger Ruheständler. Im Gesundheitsamt nimmt er vor allem eine Beraterrolle ein. „Das Gesundheitsamt der Zukunft wird nie wieder wie das Gesundheitsamt von heute sein“, sagt er. Der Infektionsschutz werde künftig eine große Rolle spielen, nicht nur in Pandemielagen. Auf dem Weg dorthin gebe es viele organisatorische Grundsatzfragen zu klären. Hier bringt er seine Erfahrungen und sein Netzwerk ein. „Ich habe mir die ganze Zeit überlegt, was ich tun kann, nachdem sich so viele Bürger so toll in der Corona-Krise engagiert haben“, dann fragte die Stadt an. „Das war Gedankenübertragung.“

Das Coronavirus hatte Stefan Spatz bis dahin schon sämtliche Pläne verhagelt. Endlich mehr in die Stuttgarter Kultur abtauchen, „wo ich mein Herz habe“: vertagt. Die Reise nach New York, um samt Frau den 29-jährigen Sohn während dessen Referendariats in einer Anwaltskanzlei zu besuchen: gestrichen. „Am 12. März kam die Nachricht, dass Trump die Grenzen am 13. März um Mitternacht dichtmacht. Wir wären zwei Stunden vor dem Shutdown gelandet.“ Auch Urlaub zwei, die obligatorische Mallorca-Reise mit Rennrad-Freunden: abgesagt. Nach Ostern hätte sie stattfinden sollen, stattdessen ging Stefan Spatz am Dienstag nach Ostern ins Büro.

Corona fordert die Gesundheitsämter

Dennoch will er seinen Einsatz nicht so verstanden wissen, dass er nichts Besseres zu tun gehabt hätte. Stefan Spatz ist Outdoor-Fan, geht radeln, joggen und in die Berge. Im Häusle in der Falterau gibt es auch immer was zu tun. Im ehrenamtlichen Vorstand der Tafel ist er ebenfalls. Vor allem aber ist er „ein Arbeitstier, ein Kümmerer“, wie sich der OB Fritz Kuhn beim Abschied, der keiner werden sollte, ausgedrückt hat. „Es befriedigt mich optimal“, sagt Stefan Spatz über seine Nachspielzeit bei der Stadt. Seit Corona seien die Gesundheitsämter „sieben Tage die Woche 16 Stunden am Tag gefordert“. Doch krisenerfahren ist er. Als Sozialamtsleiter hat er viel gesehen. „Manche Stuttgarter haben keine Vorstellung, welche Schicksale sich hinter manchen Mauern verbergen.“ Gelähmt habe ihn das nie. „Das hat mich immer mehr angespornt als belastet.“

Bis Ende Juni wird Stefan Spatz das Gesundheitsamt unterstützen. Und dann? Verlängerung der Verlängerung? Er schüttelt lachend den Kopf. Nein, dann gehe er wirklich. Wenn das Virus es zulasse, wolle er den Sommer genießen. Seinen zweiten Abschied aus dem Berufsleben soll ihm ein Wanderurlaub in Südtirol versüßen. „Aber was nächstes Jahr ist, da bin ich planlos.“

Unsere Empfehlung für Sie