Experte Stefan Verra in Böblingen „Donald Trump fasziniert mich“
Warum ist die italienische Staatschefin Giorgia Meloni toll? Wieso bedeutet lächeln Respekt? Stefan Verras analysiert die Körpersprache. Am 25. September gastiert er in Böblingen.
Warum ist die italienische Staatschefin Giorgia Meloni toll? Wieso bedeutet lächeln Respekt? Stefan Verras analysiert die Körpersprache. Am 25. September gastiert er in Böblingen.
Stefan Verra ist ein weithin anerkannter Profi für Körpersprache. Er beobachtet, analysiert und kommentiert seit vielen Jahren öffentliche Personen – aber auch für Jedermann hat der gebürtige Tiroler unglaublich Spannendes parat.
Herr Verra, ist eine gute, positive Körpersprache etwas, das man lernen kann oder was man eben hat, sprich – was angeboren ist?
Sowohl, als auch. Die Körpersprache besteht aus zwei Elementen: erstens, unserem Temperament, das ist angeboren und somit ziemlich fix. Ob jemand ein lebendiges südländisches Temperament oder ein „Angela-Merkel“-Temperament hat, das ist unabänderlich. Die größte Authentizität entwickeln wir, wenn wir unserem Temperament treu bleiben.
Das ist aber keine Körpersprache – denn die ist doch beeinflussbar?
Doch, das Temperament ist Körpersprache. Beeinflussen können wir den zweiten Teil – das sind unsere angewöhnten Routinen. Dazu zählen unser Gang, unsere Kopfhaltung oder die Art wie wir Händeschütteln. Damit prägen wir unsere Wirkung.
Könnten Sie mal ein Beispiel für derlei angewöhnte Routinen nennen?
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Meeting. Sie können die Worte auf der Präsentationsfolie schlecht sehen. Also fokussieren Sie den Blick, indem sie die Stirn in Falten legen. Dann redet der/die da vorne noch sehr leise. Da macht der Körper etwas Absurdes: Er fokussiert mit den Augen, obwohl es um etwas Akustisches geht. Wieder Falten auf der Stirn. Am Heimweg will eine Ampel nicht auf grün schalten – Sie wundern sich – wieder Stirnfalten. Daheim erzählt der Partner etwas Verwirrendes – Stirnfalten. So wird diese Haltung zur Routine. Irgendwann bleibt der Körper dabei.
Und so sehen wir dann halt aus – mit krauser Stirn und mürrisch?
Genau – und so blicken wir am nächsten Tag der Kollegin ins Gesicht und die denkt sich: Warum sieht der/die denn so mürrisch aus? Das gilt für unsere gesamte Haltung. Nicht hinter jeder Körpersprache steht eine psychologische Haltung. Das ist ganz wichtig zu wissen.
Sie sind eben über das Wort „positive“ Körpersprache gestolpert, warum denn? Das wollen wir doch alle?
Ich weiß, was Sie damit meinen – eine freudvolle, eine freundliche Körpersprache. Positiv kann aber in manchen Fällen auch streng und durchsetzungsfähig bedeuten.
Wie ist das dann mit Körpersprache in einem anderen Land – wird man da nicht vollkommen falsch „gelesen“, weil man andere Routinen hat?
Ja, wir unterscheiden uns in Begrüßungssignalen, Essritualen. Wo wir uns aber gleichen, ist die Sprache der Emotionen. Wer also in seinem Kulturkreis weiß, wie man sympathisch und vertrauenswürdig wirkt, wird überall entsprechend verstanden. Lächle mehr, halte stabilen Blickkontakt, schau die Menschen nicht von der Seite an,…
. . .das sind wichtige Merkmale einer freundlichen Körpersprache. . .
. . .ja, ich will es nochmal betonen. Diese Signale der Sympathie, der Aggressivität, des Desinteresses – das können immer alle lesen.
Sie erklären ganz oft: Die Sprache allein sagt gar nichts, erst Stimme, Mimik, Gestik bringen die richtige Bedeutung. In Zeiten von Whatsapp oder Tinder sieht man sich vielleicht nicht mal.
Tatsächlich glaube ich, dass ein Großteil der Aggressivität im Internet daraus entsteht, dass wir die Zusatzinformation von Körpersprache und Stimme nicht haben. Deshalb bin ich so ein Freund von Emojis: Wenn man ein tränenlachendes Emoji hinter den Satz „Du bist so blöd!“ sendet, weiß jeder, dass das ironisch gemeint war.
Also ein großes Plädoyer für: Sprecht mehr miteinander – und: Trefft Euch?!
Ja, wir haben viel unserer Kommunikation auf ein pures Getippsel reduziert. Wittgenstein hat schon gesagt: Die Grenze unserer Welt ist die Grenze unserer Sprache. Das heißt: Was wir mit Worten nicht ausdrücken können, kommt beim anderen gar nicht an. Erst die Körpersprache gibt unseren Worten Bedeutung. In der Wissenschaft spricht man deswegen von der Körpersprache als einer Kommunikation zweiter Ordnung.
Bei dem „Getippsel“ gibt es ja oft nicht mal die Stimme.
Genau – wir können froh sein, dass es bei Corona wenigstens bereits die Kameraentwicklung gab. Es ist fragwürdig, wenn Unternehmen Videocalls machen, den Mitarbeitern aber freistellen, ob diese die Kamera anschalten oder nicht. Das ist eine Regression auf eine Kommunikation, die dem Gegenüber relevante Informationen vorenthält. Wenn man miteinander spricht, ist es vorteilhafter, sich auch zu sehen. Das gilt auch fürs Private.
Wie meinen Sie das?
Ich sag jetzt mal keck: Eine Fernbeziehung funktioniert langfristig nie. Unser Gehirn kalibriert ständig. Etwa: Man ist fünf Jahre zusammen, kennt sich in- und auswendig, dann muss einer für den Job ins Ausland. Zwar hält das Kalibrieren relativ lange vor, weil man sich blind versteht, aber es nimmt von Tag eins an ab; bis man nur mehr in der Vorstellung lebt.
Ganz viele Liebesbeziehungen entstehen heutzutage ja im Netz.
Wenn man auf einer Plattform wie Tinder jemanden kennenlernt – das Foto ist toll, sympathisch, man schreibt sich, alles super – und dann trifft man sich das erste Mal und empfängt eine kalte Dusche, weil dieser Mensch furchtbar ist. Tatsächlich ist es so, dass wir über geschriebene Nachrichten ein Bild vom Gegenüber aufbauen. Oft stimmt das nicht mit der Realität überein.
Liegt es vielleicht auch daran, dass wir die Körpersprache eines Menschen blitzschnell aufnehmen können?
In der Tat kommt diese Wahrnehmung aus vorbewussten Gehirnteilen. Die Körpersprache ist eine Art Versprechen. Stellen Sie sich vor: Zwei Freundinnen wollen jeweils einen Partner kennenlernen. Nun fühlt sich eine der beiden von einem temperamentvollen Mann mit feuriger Mimik und Gestik angesprochen. Weil in ihr ein Bedürfnis nach Aktivität und Enthusiasmus herrscht. Die Freundin daneben aber hält genau denselben Mann für eine nervöse Nervensäge. Sie dagegen fühlt sich von dessen Kumpel angesprochen, der ruhig und „langweilig“ daneben sitzt. Sie hat nämlich ein Bedürfnis nach Stabilität und Berechenbarkeit. So entscheidet die Körpersprache ganz stark in der Partnerwahl. Dieser Filter fehlt nicht nur auf Tinder, sondern auch bei jedem Bewerbungsverfahren, das meint, nur mit der Schriftform auszukommen.
In Ihrer Bühnenshow sagen oder noch viel mehr zeigen Sie: Freude zeigen, bedeutet jemandem Respekt zollen – was meinen Sie damit?
Wie soll das Gegenüber denn sonst meinen Respekt wahrnehmen? Wenn ich (mit freudloser, desinteressierter Körpersprache) sage: „Ja, ich respektiere Dich, Du bist toll.“ Dann wird der andere das Gefühl haben: Der meint das nicht so. Wichtig: Das kann man erkennen und erkennbar machen. Es gibt ein paar Kniffe, die man drauf haben sollte, um bei anderen Menschen einen guten, wertschätzenden Eindruck zu hinterlassen.
Das ist doch keine Raketenwissenschaft. Warum machen wir das nicht alles?
Es ist uns nicht bewusst. Uns fehlt völlig das Feedback von außen. Wir leben in einer Welt, in der wir glauben, dass wir uns mit Mindsettrainings und Meditationen ein glückliches Leben herbeimeditieren können – nichts gegen Meditieren. Aber die Leute glauben: Je besser ich mich innerlich fühle, desto mehr zeigt sich das auch außen. Dabei zeigen wir den ganzen Tag unsere angewöhnten Routinen – in meiner Bühnenshow mache ich dazu einen Livetest – mehr verrate ich aber nicht.
Könnten Sie noch jemanden nennen, den Sie sehr gern anschauen, also rein „körpersprachentechnisch“?
Ganz wunderbar macht das George Clooney. Der schafft es mit seiner Mimik und Gestik, Sympathien zu beschwören. Auch interessant ist – und bitte losgelöst von politischen Ansichten – Giorgia Meloni. Sie hat eine große Vielfalt in Mimik und Gestik, und deshalb ist es spannender, ihr zuzuschauen, als einem Friedrich Merz oder einem Olaf Scholz. Das schafft Bindung zum Wähler – wissenschaftlich belegt. Denn je mehr unterschiedliche Facetten man zeigt, desto mehr unterschiedliche emotionale Bedürfnisse spricht jemand an. Donald Trump fasziniert mich auch. Er hat eine direkte Kaltschnäuzigkeit in seinem Ausdruck mit seinem erhobenen Kinn mit einem nicht verstellten Bedürfnis nach „gelobt-werden-wollen“. Das finden seine Wähler attraktiv. Ein Großteil seines Erfolges ist seine Körpersprache.
Biografie
Verra, Jahrgang 1973, ist in Lienz geboren und lebt heute in München. Er hat Bestseller geschrieben und ist Gastdozent an mehreren Universitäten und Universitätskliniken. Er berät Organisationen, wie die Nato oder die US Navy. Mehr als 150 000 Menschen verfolgen seine Körpersprache-Tipps auf Social Media.
Böblingen
Am 25. September gastiert Stefan Verra von 20 Uhr an im Böblinger Sparkassenforum. Tickets unter anderem bei Eventim.