Ein Mann aus Aalen kauft einen Weinberg im Landkreis Ludwigsburg. Eine Geschichte über eine ungewöhnliche Kooperation, gerettete Steillagen und ein paar hundert Flaschen Lemberger.
Alexander Spilner bezeichnet sich „als ein bissle verrückt“. Dabei ist das, was der Mann von der Ostalb tut, eigentlich nur folgerichtig: Er mag gerne Wein, also hat er sich einen Weinberg gekauft. Das tat er nicht irgendwo, sondern im Sachsenheimer Teilort Hohenhaslach, und dort in bester Lage am Kirchberg.
Damit beschert er sich selbst neben ordentlich viel Arbeit auch eine nicht unerhebliche Ausbeute an bestem Lemberger – und seinen Mentoren, der Familie Baumgärtner vom gleichnamigen Panoramaweingut in Hohenhaslach, ein Fünkchen Hoffnung in Zeiten der ungewissen Zukunft des Weinbaus in der Region und ganz Deutschland.
Die ist bekanntermaßen in etwa so trüb wie die Aussicht an diesem Novembermorgen vom Hohenhaslacher Kirchberg. Stücke werden aufgegeben, vor allem in den Steillagen herrscht Wildwuchs. Weniger Absatz, steigende Kosten: Der Weinbau ist auf dem Rückzug.
Weinseminar entfacht Leidenschaft für Lemberger
Da ist der „ein bissle verrückter“ Typ von der Ostalb durchaus ein Lichtblick. Was hat den 53-Jährigen zu diesem ungewöhnlichen Schritt bewogen? Der Funke sprang bei einem Weinseminar über, das Alexander Spilner vor 15 Jahren mit seinem Schwiegervater besuchte. Wein, die Geschmacksnuancen der verschiedenen Rebsorten, besonders des Lembergers, hatten es ihm angetan.
Es reifte der Wunsch, einen eigenen Weinberg zu besitzen und zu bearbeiten. Gar nicht so einfach. Die raue Ostalb ist nicht gerade als Weingegend bekannt, anderswo klappte es auch nicht gleich. Dann entdeckte er in einer Annonce das Areal am Kirchberg in Hohenhaslach, noch dazu mit mehr als 20 Jahre alten Reben Lemberger bepflanzt. Spilner griff zu.
Mit dem Panoramaweingut Baumgärtner fand er einen Kooperationspartner vor Ort. Auch wenn es nicht unbedingt die Liebe auf den ersten Blick war, wie Reinhard Baumgärtner, Seniorchef im Weingut, einräumt. „Zu uns kommen öfter mal Leute mit verrückten Ideen“, berichtet er lachend. Heute bezeichnet er es als einen Glücksfall, „dass wir uns begegnet sind“.
Denn Alexander Spilners verrückte Idee ging auf. Regelmäßig, etwa alle vier Wochen, fährt er die 100 Kilometer von Aalen nach Hohenhaslach mit Bus und Bahn, um in seinem Wengert zu arbeiten. Er schneidet Reben, stellt sich ein Gläsle Wein nebenhin, genießt die Sonne, die Aussicht und den Glockenschlag. „Das ist einfach schön, das erdet mich“, sagt er. Und: „Ich brauch’ keinen Porsche, ich brauch’ meinen Wengert.“
Alexander Spilner zieht Kraft und Ruhe aus der Arbeit im Weinberg, bei der er von Josua Baumgärtner, dem Juniorchef im Panoramaweingut, unterstützt wird. Mit Erfolg. 2023 gab es den ersten „Alexander“-Wein – im Panoramaweingut ausgebaut und 15 Monate im Barrique-Fass gereift.
2024 hatten der Hobby-Wengerter weniger Glück. Ein Spätfrost zerstörte seine Ernte. Dieses Jahr hingegen verlief alles planmäßig. Der Lemberger wurde Anfang September gelesen, nach der Vergärung kommt er dieser Tage in die Eichenfässer.
Alexander Spilner ist glücklich. Ab und zu geht er in Baumgärtners Weinkeller und streichelt ein bisschen über sein Fass. Seine Augen leuchten, wenn er seine Geschichte erzählt. Der Aalener brennt für das Thema Wein. Er hat sich vor zwei Jahren gleich eine zweite Parzelle dazugekauft, sie wurde mit Cabernet Sauvignon bestockt.
Wie hart die Arbeit im Wengert ist, das kann der Mann von der Ostalb inzwischen gut nachvollziehen. Allein die Stäffele hochzulaufen, „dann bist du platt. Und da hast du noch nichts geschafft.“ Wenn er Josua Baumgärtner am Ende des Tages erzählt, wie viele Reihen er geschafft hat, „dann lacht der halt“. Alexander Spilner lacht auch. Aber er weiß, was die Wengerter und Kellermeister leisten. „Da habe ich große Achtung.“
Zuhause, in Aalen, nennen sie ihn den „heimlichen Wengerter“. Wobei, so heimlich ist sein Tun im nicht ganz so fernen Landkreis Ludwigsburg dort inzwischen auch nicht mehr. Alexander Spilner ist dort so etwas wie ein Botschafter für den Baumgärtner-Wein geworden.
Weinberge vor der Haustüre retten
Zurück in der Weingegend am Hohenhaslacher Kirchberg stellt sich derweil die Frage, wie die 1000 Jahre alte Kulturlandschaft erhalten werden kann. Braucht es mehr Leute wie Alexander Spilner? „Ja klar“, sagt Reinhard Baumgärtner. Es müssen aber nicht Menschen von der Ostalb sein, die hier Weinberge retten. Es könnten auch Leute aus dem nahen Umfeld zum Beispiel eine Rebpatenschaft übernehmen.
Wichtig ist: „Net nur hocken und diskutieren, wie man die Steillagen retten kann. Sondern machen.“ Man muss ja nicht gleich einen Weinberg kaufen, sind sich Alexander Spilner und die Baumgärtners einig. „Aber zumindest keinen Primitivo für vier Euro, sondern etwas Regionales.“
Verkostung
Herbstmesse
Den Alexander-Wein gibt es bei der Herbstmesse im Panoramaweingut zu verkosten. Diese findet am Freitag, 14. November, von 15 bis 21 Uhr, sowie am Samstag, 15. November, von 12 bis 19 Uhr, statt.