Steillagen-Weinbau Schöne Aussicht – mit Ablaufdatum
Die Steillagen im Landkreis Ludwigsburg: Es geht nicht mehr nur um den Erhalt, sondern um eine neue Zukunft. Dabei sind Politik und Verbraucher gleichermaßen gefordert.
Die Steillagen im Landkreis Ludwigsburg: Es geht nicht mehr nur um den Erhalt, sondern um eine neue Zukunft. Dabei sind Politik und Verbraucher gleichermaßen gefordert.
Wenn man so am Käsberg in Mundelsheim spazieren geht und den Blick über die Steillagen und die Neckarschleife schweifen lässt, geht einem das Herz auf. Wer hier nicht staunt, muss völlig abgebrüht sein. Vermutlich geht er dann aber auch nicht dort spazieren. Diejenigen, die da laufen oder fahren – egal ob in Mundelsheim, Hessigheim, Kirchheim, Benningen, Marbach oder sonstwo an den Steillagen am Neckar – haben oft so ein beseeltes Lächeln im Gesicht. Es ist einfach schön dort. Punkt.
Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass die Aussicht auf den Neckar zwar bleiben, sich das Gesicht der Steillagen aber weiter rapide verändern wird. Immer mehr der schwierig zu bearbeitenden Stücke werden aufgegeben, Buschwerk und Brombeeren verdrängen die einstigen Weinreben. Das kann man bereits seit einigen Jahren an vielen Stellen beobachten.
Die Entwicklung ist nicht neu und überrascht keinen mehr. Und es gilt, die ausweglose Lage in aller Deutlichkeit auszusprechen: Der Rückgang des Steillagenweinbaus wird nicht aufzuhalten sein. Auf den Parzellen, die einmal aufgegeben wurden, wird nie mehr Wein wachsen. Die aufgegebenen Stücke werden immer mehr werden, denn der Aufwand, der dort betrieben werden muss, ist zu groß und rechnet sich nicht. Eine viele Jahrhunderte alte Kulturlandschaft wird sich in den kommenden Jahren sichtbar verändern.
Das ist schade, aber Realität. Es ist also höchste Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Und es ist höchste Zeit, die Vergangenheit loszulassen und eine neue Zukunftsvision zu gestalten. Das gilt zum einen für die aufgegebenen Areale und zum anderen für die, die noch bewirtschaftet werden.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass Netzwerke entstehen. Die Köpfe beziehungsweise Sprecher von fünf Steillagen-Projekte entlang des Neckars im Landkreis Ludwigsburg saßen vor einigen Tagen zusammen. Die überraschende Erkenntnis: Das Ziel der Initiativen ist zwar gleich, nämlich die Kulturlandschaft mit neuen Ideen zu erhalten. Die jeweiligen Wege sind aber ganz unterschiedlich.
Das Netzwerktreffen kann einen durchaus optimistisch stimmen. Es wurde über den Tellerrand der vergangenen Jahre hinausgeblickt. Jetzt gilt es, einerseits unkonventionelle Ideen wie Granatapfel- und Tomatenanbau bis zur Sommerrodelbahn weiterzudenken – und gleichzeitig das Kernziel der Pflege der Kulturlandschaft nicht aus den Augen zu verlieren.
Aber es braucht Unterstützung. Von „oben“ und von „unten“. Heißt: Die Politik ist gefragt – Land, Landkreis und Kommunen – in diese Netzwerke hineinzuhören und kreative Ideen nicht direkt vom Tisch zu wischen. Eine Sommerrodelbahn oder eine Erlebnisgastronomie in den Weinbergen, das mag verrückt klingen – ist aber ein Teil der Lösung. Darüber sollte man sprechen und gegebenenfalls Auflagen lockern.
Damit die Zukunft aus neuen Ideen und alten Werten gelingt, sind aber auch die Verbraucher gefragt. Jeder, der Wein trinkt, hat Verantwortung für das, was in sein Glas kommt. Ja, die Tropfen von hier, besonders aus den Steillagen, kosten mehr als der Wein aus Australien, Südafrika und Co. Aber das hat gute Gründe.
Die Investition jedenfalls trägt dazu bei, dass unsere besondere Kulturlandschaft überhaupt eine Zukunftschance hat. Und damit auch diese fantastische Aussicht beim Spaziergang in den Steillagen.