Der Stubensandstein aus dem Schönbuch gilt als witterungsbeständig. Foto: dpa/Silas Stein
Das Ulmer Münster bröckelt. Immer wieder muss der höchste Kirchturm der Welt saniert werden. Was viele nicht wissen: der Rohstoff, der im Ulmer Münster verbaut wird, kommt aus dem Schönbuch.
Ein besonderer Schatz verbirgt sich mitten im Schönbuch bei Waldenbuch. Spaziergänger und Wanderer, die den Herzog-Jäger-Pfad entlang schlendern, können ihn fasst nicht verfehlen. Hier im Forst zwischen Waldenbuch und Dettenhausen wird mit Steinsägen das Material abgebaut, das die bröckelnde Fassade des aktuell höchsten Kirchturms der Welt – das Ulmer Münster – stabilisieren soll: Stubensandstein.
Wer an Rohstoffe aus dem Wald denkt, denkt meistens hauptsächlich an Holz. „In Ausnahmefällen werden in unseren Wäldern auch andere Rohstoffe gewonnen, wie der sogenannte Stubensandstein“, erklärt Felix Reining, Vorstand von Forst Baden-Württemberg, der mehr als 324 000 Hektar Staatswald bewirtschaftet und damit der größte Forstbetrieb des Landes ist. Außergewöhnlich sei dieser Sandstein aufgrund seiner Zusammensetzung. Sie verleihe ihm eine besondere Härte, Behaubarkeit und mache ihn besonders witterungsbeständig, erklärt er. „Genau diese Eigenschaften machen ihn so begehrt, um das Ulmer Münster zu erhalten und auszubessern, “ erklärt der Experte.
Auch im Schloss Neuschwanstein ist Stein aus dem Schönbuch verbaut
Doch die Steine aus dem Schönbuch werden nicht ausschließlich für das Ulmer Münster verwendet, sondern auch für die Instandhaltung anderer historischer Gebäude. Auch im Kloster Bebenhausen, der Esslinger Frauenkirche, der Reutlinger Marienkirche, dem Münchner Rathaus sowie dem Schloss Neuschwanstein kam der Stubensandstein aus dem Schönbuch schon zum Einsatz. Etwa 1000 Kubikmeter Stein pro Jahr darf dem Steinbruch in Waldenbuch entnommen werden, aber nur in der Zeit von September bis Ende Februar. Während der Vegetationszeit ruht die Baustelle.
Das Stubensandsteinvorkommen im Schönbuch ist bereits seit hunderten von Jahren bekannt und wurde unter anderem im Mittelalter und in der frühen Neuzeit intensiv genutzt. Mühlsteine aus der Gegend wurden beispielsweise über viele Kilometer „exportiert“. Seit 2015 wird auf dem Betzenberg bei Waldenbuch Stubensandstein abgebaut. Die gesamte zum Abbau freigegebene Fläche im Schönbuch beträgt einen Hektar. Der eigentliche Steinbruch ist jedoch deutlich kleiner, sagt Sascha Bahlinger, Pressesprecher von Forst Baden-Württemberg. Nach Ende der Arbeiten muss der Steinbruch wieder fachgerecht rekultiviert und mit standortgerechten Baumarten aufgeforstet werden, erklärt er.
Der Steinbruch im Schönbuch. /Foto: Forst BW
Lebensraum für Gelbbauchunke, Zauneidechse und Schlingnatter
Weil sich die kulturhistorische Bedeutung der großen Grube mitten im Wald Spaziergängern kaum erschließt, hat die Stadt Waldenbuch an der Einfahrt zur Baustelle eine Schautafel aufstellen lassen. Der Eingriff in die Landschaft sei zwar deutlich sichtbar, schaffe jedoch seltene Biotope für bedrohte Arten. „Pionierarten, die offene Flächen als Lebensraum brauchen, finden hier ideale Bedingungen“, erläutert Felix Reining. „Eine Win-Win-Situation für Kultur und Natur.“ „Steinbrüche bieten ein Mosaik unterschiedlichster Lebensräume und sind aus naturschutzfachlicher Sicht sehr wertvoll“, fügt Sascha Bahlinger hinzu. Dort wo sich das Wasser sammle, sei der Steinbruch in den Frühjahrs- und Sommermonaten vor allem für Amphibien wie die Gelbbauchunke, Kreuzkröte oder Libellen ein wertvolles Laichgewässer. Die sonnigen Rohböden, Felswände und Steinblöcke würden einen interessanten Lebensraum für Reptilien, wie Zauneidechsen oder Schlingnatter bieten. Aber auch zahlreiche Blütenpflanzen, Flechten oder Moose benötigten solche temporär konkurrenzfreien, sogenannten Störungsflächen für ihre Verbreitung, sagt er.