Steinbruch Bietigheim-Bissingen Bitteres Beispiel eines Dilemmas

Hellmut Fink bedauert, dass sein Steinbruch nun stillgelegt ist. Foto: factum/Granville
Hellmut Fink bedauert, dass sein Steinbruch nun stillgelegt ist. Foto: factum/Granville

Nach 100 Jahren Betrieb ist der Steinbruch Fink zum Jahreswechsel stillgelegt worden. Dabei wäre noch genügend Abbaumaterial vorhanden – ein Alarmsignal für das Land.

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Bietigheim-Bissingen - Riesige Haufen Gestein türmen sich rund um die tiefe Grube auf. Wenn nicht gerade Schnee liegt, vermischt sich das Schlammbraun der unbefestigten Zufahrtswege mit dem Grau der Gesteinsberge. Hier ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Hundert Jahre lang frästen sich Mensch und Maschinen Meter um Meter in den Boden. Doch das ist nun vorbei. Seit Ende des vergangenen Jahres ist der Steinbruch in Bissingen stillgelegt. Das betrübt nicht nur den Geschäftsführer des Bissinger Steinbruchs und Schotterwerks, Hellmut Fink, sondern ist auch ein Alarmsignal für die Geologen des Landes.

Denn Material zum Abbauen gäbe es hier noch genug. Und der Bedarf an Muschelkalk, der hier gewonnen wurde, steigt laut Wolfgang Werner, leitender Geologiedirektor des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau, angesichts der immensen Bautätigkeiten immer weiter. Doch der Bissinger Steinbruch kam der Stadt mit der Zeit immer näher – und umgekehrt: Das Neubaugebiet Kreuzäcker und Ellental ist nicht mehr weit von der Abbaugrube entfernt. Die Stadtverwaltung beobachtete das schon vor Jahren mit Sorge, schließlich bedeute ein Steinbruch auch Lärm und Staub, sagt die städtische Sprecherin Anette Hochmuth. Deshalb wurde im Jahr 2000 ein Vertrag abgeschlossen, in dem sich die Firma Fink dazu verpflichtete, mit Ablauf des Jahres 2012 den Abbau zu beenden. Im Gegenzug habe die Stadt darauf verzichtet, eine neue Straße quer durch das Abbaugebiet zu bauen, sagt Fink.

Der Familienbetrieb ist 100 Jahre alt

Allerdings habe er damals gedacht, 2012 sei ja weit weg, da könne noch einiges passieren. Nun sei sein Familienbetrieb 100 Jahre alt, „und wir würden gern noch eine Weile bleiben“, so Fink. Doch er habe den Vertrag schließlich unterzeichnet. Zudem habe er auch Verständnis für die Anwohner, denen er nicht das Leben mit Lärm und Staub schwer machen wolle.

Seine Firma bleibe dennoch vorerst bestehen. Man werde sich nun mehr auf das Recycling von Baustoffen konzentrieren. Auch Schotter biete er noch an, allerdings nicht mehr aus eigenem Abbau. Nach und nach muss Fink die Abbaugrube wieder auffüllen. Wie die Fläche dann später genutzt wird, ist noch unklar. Fink geht von landwirtschaftlicher Nutzung aus, laut Anette Hochmuth könnte sich die Stadt aber beispielsweise auch einen Häckselplatz dort vorstellen.

Im dicht besiedelten Raum sind Steinbrüche lästig

Der Steinbruch Fink ist für Wolfgang Werner ein gutes Beispiel dafür, mit welchen Schwierigkeiten der Rohstoffabbau heute zu kämpfen habe. „Vor allem in dicht besiedelten Regionen will man keinen lästigen Steinbruch.“ Er hat beobachtet, dass bereits seit etwa zehn Jahren immer mehr Abbaugebiete schlössen, aber keine neuen eingerichtet würden. Das liege vor allem an „massivsten Widerständen“ aus der Bevölkerung, aber auch an der „Wahnsinnspalette an ökologischen Gutachten“, die ein potenzieller Betreiber vorzulegen habe. Wer ein neues Abbaugebiet erschließen wolle, müsse bis zu 100 000 Euro im Vorfeld einkalkulieren – ohne zu wissen, ob sein Projekt genehmigt werde. Das wolle kaum noch jemand auf sich nehmen.

Zumal die Planungszeiträume von höchstens 15 Jahren in den Regionalplänen für die Branche viel zu kurz seien, sagt Lothar Benzel, Referent für Rohstoffsicherung beim Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg. „Damit er wirtschaftlich ist, braucht ein Steinbruch eine Perspektive von 30 bis 40 Jahren“, sagt er. Allerdings seien die bestehenden Standorte in der Region Stuttgart derzeit noch relativ gesichert. Noch, betont Wolfgang Werner. Er glaubt, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Steinbrüche reihenweise schließen, weil die Flächennutzungskonflikte so stark seien. Dann müsse Baumaterial von weit her angeliefert werden. „Es ist kurz vor zwölf“,warnt Werner. Doch vermutlich reagiere die Politik erst, wenn die Preise ins Unermessliche steigen.




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