Urmensch-Museum lockt 65 Besucher

Steinheim. Das Urmensch-Museum war am 6. November Schauplatz einer bemerkenswerten Veranstaltung: Dr. Yvonne Tafelmaier, Expertin für Prähistorische Archäologie von der Universität Tübingen, entführte rund 65 Besucherinnen und Besucher in die Frühgeschichte der Menschheit. Für die Referentin, deren Verwandte aus Kleinbottwar unter den Gästen waren, kam der Vortrag einem Heimspiel gleich.

 

Erstmals wurde dabei ein neuer Touchscreen eingesetzt, der die Präsentation mit anschaulichem Bildmaterial unterstützte. Die technische Neuerung erwies sich als Gewinn für die komplexe Materie, die Tafelmaier den Anwesenden näherbrachte: die verschlungenen Wege der menschlichen Stammesgeschichte und deren wissenschaftliche Erforschung.

Während frühe Menschenfunde zunächst in Europa und Asien gemacht wurden, belegen spätere Entdeckungen eindeutig den afrikanischen Ursprung der Menschheit. Vor etwa 1,8 Millionen Jahren verließen die ersten Menschen den afrikanischen Kontinent – Funde aus Georgien bezeugen dies. Weitere 800.000 Jahre später erreichten sie Spanien, bevor schließlich Mitteleuropa besiedelt wurde.

In diesem Zusammenhang kommt den beiden süddeutschen Urmenschenfunden von Mauer bei Heidelberg (etwa 600.000 Jahre alt) und Steinheim an der Murr (etwa 320.000 Jahre alt) internationale Bedeutung zu. Der 1933 von Fritz Berckhemer entdeckte und als "Homo steinheimensis" bezeichnete Schädel wurde beim kommerziellen Kiesabbau gefunden – zusammen mit weiteren spektakulären Objekten, die heute im Naturkundemuseum Stuttgart und im Urmensch-Museum zu sehen sind. Während frühere Deutungen von Gewalteinwirkung ausgingen, weisen neuere Untersuchungen auf Transportschäden im Fluss und Lagerungseffekte im Kies hin.

Einen Schwerpunkt des Vortrags bildeten die archäologischen Funde aus dem Stuttgarter Travertin. Das Gestein, das über Jahrzehnte von verschiedenen Firmen abgebaut wurde, entstand im Eiszeitalter und birgt eine außergewöhnliche Fundmenge an Steinwerkzeugen und Tierknochen. Die Ausgrabungen in Bad Cannstatt und Münster erfolgten in den 1980er und frühen 1990er Jahren unter Leitung des Landesamts für Denkmalpflege.

Obwohl frühere Bearbeiter Publikationen zu diesen Funden vorlegten, blieb die internationale Resonanz gering. Dies soll sich nun ändern: Im Rahmen eines DFG-Projekts werden die Artefakte sowie Tierknochen und -zähne mit modernen Methoden neu analysiert. Die Forschungsfragen zielen darauf ab zu klären, welche Aktivitäten die Urmenschen an diesen Stellen ausübten, welche Tiere sie jagten und verwerteten, und wofür sie ihre Werkzeuge einsetzten.

Die Fundsituation im Travertin deutet auf längere Aufenthalte hin. Das Alter der Fundstellen wird auf etwa 320.000 bis 340.000 Jahre geschätzt, wobei die Datierung noch nicht endgültig abgeschlossen ist. Tafelmaier betonte die hervorragende Ausgangslage, die der süddeutsche Raum für die Erforschung der frühen Besiedlung Westeuropas bietet. In Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Stuttgart und Tübinger Instituten erhofft sie sich weitere Erkenntnisse – möglicherweise sogar eine Verbindung zu den Steinheimer Funden.

Nach dem kurzweiligen und informativen Vortrag dankte Thomas Rathgeber im Namen des Fördervereins Urmensch-Museum der Referentin mit einem kleinen Präsent. In einer anschließenden Fragerunde gab Tafelmaier weitere Einblicke, bevor der Abend bei Gebäck und Getränken ausklang.

Hinweis: Funde aus den Stuttgarter Travertin-Fundstellen sind im Naturkundemuseum Stuttgart (Museum am Löwentor), im Landesmuseum Württemberg (Altes Schloss) und im Stadtmuseum Bad Cannstatt (Klösterle-Scheuer) zu besichtigen.

Zur Person: Dr. Yvonne Tafelmaier ist Fachreferentin für die Altsteinzeit beim Landesamt für Denkmalpflege und forscht am Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie, Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen.

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