Steinkauz-Junge in Münchingen Kopfüber in eine neue Welt

Von Franziska Meißner 

Zwei Steinkauz-Junge sind am Wochenende am Hühnerberg beringt worden. Die Aktion ermöglicht es, den weiteren Lebensweg der Tiere zu verfolgen – und ist Teil eines Programms, mit dem die seltenen Tiere geschützt werden sollen.

Knapp 20 Tage sind die beiden Steinkauz-Jungen alt, als der Eulenexperte Herbert Keil sie beringt. Foto: factum/Weise 7 Bilder
Knapp 20 Tage sind die beiden Steinkauz-Jungen alt, als der Eulenexperte Herbert Keil sie beringt. Foto: factum/Weise

Korntal-Münchingen - Das erste, was die jungen Steinkäuze sehen von der Welt da draußen, ist die Hand von Herbert Keil. 20 Tage lang, oder vielleicht ein paar mehr, war alles, was sie kannten, die Niströhre in einem Baum auf dem Hühnerberg in Münchingen, wo sie aus dem Ei geschlüpft sind. Ihr erster Kontakt mit der Außenwelt kommt für die jungen Vögel abrupt, mit einem gezielten Griff fasst Keil sie an den Beinen, holt sie kopfüber aus ihrem Nest und lässt sie in einem Stoffbeutel verschwinden. Keil ist von der Forschungsgemeinschaft zur Erhaltung heimischer Eulen, und an diesem sonnigen Samstagmorgen ist er gekommen, um dem Kauznachwuchs einen Ring anzulegen.

Bei der sogenannten Beringung werden die Jungtiere erfasst, Keil nimmt an allen Ecken und Enden ihres kleinen Körpers Maß. Der Ring, den sie um das Beinchen bekommen, ist eine Art Personalausweis; dort ist abzulesen, wo die Tiere geboren sind und wann sie beringt wurden. Die Daten gibt Keil an die Vogelwarte Radolfzell weiter, in deren Datenbank die Vögel in Süddeutschland erfasst werden. Vier Steinkauz-Paare leben laut Keil am Münchinger Hühnerberg, drei davon brüten gerade. Die zwei Jungkäuze, die beringt werden, sind die einzigen aus ihrem Gelege, die überlebt haben. Zwei weitere Eier holt Keil aus dem Nest, offenbar befruchtet, aber ohne Chance auf Leben.

Das hohe Gras ist ein Problem für die Vögel

Gut zwei Dutzend Menschen sind gekommen, um sich die flauschigen, handtellergroßen Tiere anzusehen. Bevor die Beringung im Kofferraum von Herbert Keils Geländewagen ansteht, müssen die Jungtiere erst einmal ein Fotoshooting über sich ergehen lassen. Mit stoischer Gelassenheit sitzen die Käuzchen zunächst in Keils Händen, dann dürfen einige Kinder die Vögel halten. Sie werden vorsichtig gestreichelt, und vor allem sind sie konstantes Fotomotiv.

Die Elterntiere sind derweil nicht zu sehen, sie sind gerade unterwegs. „Die stört das nicht“, sagt Herbert Keil – auch nicht, dass man ihren Nachwuchs anfasse. „Das ist nur bei Wild problematisch“, sagt der Eulenexperte. Schlimmer jedenfalls als die Beringung der jungen Käuze, sagt Keil, seien für die Elterntiere die schlechten Jagdbedingungen an diesem Tag. Das Gras steht hoch, die Wiese ist dicht bewachsen. Für die Steinkäuze ist das ein Problem – im Gegensatz zu den meisten anderen Vögeln jagen sie zu Fuß.

Der Steinkauz ist stark bedroht

Der Lebensraum der Steinkäuze hat sich verändert. „Das Problem sind die Brutplätze, weniger die Nahrung“, sagt Keil. Von den Streuobstwiesen, die sie bevorzugt besiedeln, gibt es immer weniger, sie weichen der Bebauung oder einer Bewirtschaftung. Die zweitkleinste Eulenart gilt als stark bedroht, in einigen Bundesländern, sagt Keil, sei der Steinkauz bereits ausgestorben. Seit den 1970er Jahren ist der Bestand laut dem Naturschutzbund (Nabu) um ein Fünftel zurückgegangen, wie viele Steinkäuze es noch gibt, sei aber schwer zu sagen, weil sie längst nicht überall erfasst würden, sagt Keil.

Im Kreis Ludwigsburg hingegen läuft es gut für die Käuze, 220 Paare gibt es derzeit. „Wir haben die stärkste Population im Land“, sagt Keil. Das ist vor allem dem Engagement der Naturschützer zu verdanken, die schon seit Jahren Niströhren aufhängen; Hunderte sind es mittlerweile. 600 Jungvögel hat Keil nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr beringt. So können die Tiere nachverfolgt werden. Die beiden jungen Käuze aus Münchingen werden vielleicht im nächsten Jahr an einem anderen Ort erfasst, wenn sie selbst brüten – oder tot aufgefunden werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das erste Jahr überleben, liegt bei weniger als 50 Prozent. Problematisch sind laut Keil vor allem die ersten paar Tage, wenn die Käuze das Nest verlassen. Meist sitzen sie dann noch zwei, drei Tage unter dem Baum, in dem ihr Nistkasten hängt. „Sie sind dann leichte Beute für Bussarde oder Füchse“, sagt Keil.

Nachdem die ganze Aufregung und das Blitzlichtgewitter an diesem Tag vorüber sind, geht es für die Steinkauz-Geschwister zurück in ihre Nisthöhle. Gut eine Woche werden sie nun noch in der Sicherheit ihres Nests verbringen, dann ist es Zeit aufzubrechen in ihr neues, bald eigenständiges Leben. Noch bis zum Herbst bleiben die Tiere am Hühnerberg, dann werden sie sich ein eigenes Revier suchen müssen.




Veranstaltungen