Frank-Walter Steinmeier in der Region Stuttgart Bundespräsident wirbt für Berufsschulen

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Bundespräsident Steinmeier besucht drei Berufsschulen und einen Betrieb in der Region Stuttgart. Er will die Aufmerksamkeit auf die berufliche Bildung lenken.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält die berufliche Bildunf für unterschätzt. Foto: Getty Images Europe
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält die berufliche Bildunf für unterschätzt. Foto: Getty Images Europe

Stuttgart - An Bekenntnissen zur beruflichen Bildung hat es im Südwesten nie gefehlt. „Der Mensch fängt nicht erst beim Abitur an“, bekundet Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gern. Sie selbst hat als Präsidentin der Kultusministerkonferenz im vergangenen Jahr die berufliche Bildung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Da kommt ihr der Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender, die an diesem Donnerstag bei drei Berufsschulen im Kreis Ludwigsburg zu Gast sind, wie gerufen. Sie wollen einen Einblick in die Arbeit der Oscar-Walcker-Schule und der Mathilde-Planck-Schule in Ludwigsburg sowie in die Lernfabrik 4.0 des Berufsschulzentrums in Bietigheim-Bissingen bekommen. Beim Kabelhersteller Lapp in Stuttgart will sich Steinmeier mit Arbeitgebern und Auszubildenden über Karriereverläufe mit Berufsausbildung und die Integration von Geflüchteten unterhalten. Der hohe Besuch mache „auf den gesellschaftlichen Wert der beruflichen Bildung aufmerksam“, sagt Eisenmann: „Sie ist entscheidend für die Fachkräftegewinnung.“ Der Besuch treffe deshalb „einen Nerv der Zeit“.

Duale Ausbildung erhält Lob aus dem Ausland

Man sollte meinen, dass die berufliche Bildung eigentlich Werbung gar nicht nötig hat. 70 Prozent der Schüler im Land durchlaufen laut dem Berufsschullehrerverband (BLV) in Baden-Württemberg das berufliche Schulsystem. 354 400 Schüler sind das im aktuellen Schuljahr – 5000 weniger als 2016, was der BLV-Vorsitzende Herbert Huber auf die Demografie zurückführt. 186 000 von ihnen sind Teilzeitschüler, machen also eine klassische Ausbildung. Hier steigen die Zahlen seit zwei Jahren. Das System im Südwesten ist hochdifferenziert. Es reicht vom Berufseinstiegsjahr für Jugendliche, die ihre Chancen auf eine Lehrstelle verbessern wollen, bis zum beruflichen Gymnasium, das immerhin ein Drittel der baden-württembergischen Abiturienten stellt. Vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur bieten die hiesigen beruflichen Schulen jeden Abschluss an.

Als Schirmherr der „Woche der beruflichen Bildung“ hatte Steinmeier zum Auftakt seiner Tour bereits bei der Handwerkskammer in Berlin versichert, seine Frau und er fühlten sich als Tischlerkinder in der „Handwerksfamilie wie zu Hause“. Berufliche Bildung sei beiden ein Herzensanliegen. „Es reicht nicht aus, den Fachkräftemangel zu beklagen, man muss etwas tun“, erklärte der Bundespräsident. Während im Ausland die deutsche duale Ausbildung mit Berufsschule und Betriebspraxis „respektiert, ja fast bewundert“ werde, sei die öffentliche Wertschätzung hierzulande zu gering.

Im Südwesten gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze

Am Interesse der jungen Menschen für die klassische Ausbildung fehlt es jedenfalls nicht. „Wir haben genügend Schüler, die in die duale Ausbildung gehen würden, wenn es hinterher genügend Fortbildungen und Aufstiegsmöglichkeiten gäbe“, sagt Huber. Er appelliert an die Betriebe, beispielsweise Absolventen beruflicher Gymnasien gute Aufstiegschancen zu bieten. „Wir müssen deutlicher machen, dass die duale Ausbildung keine Sackgasse ist.“ Ganz könne sich das duale Schulwesen dem Wunsch der Eltern, dass ihre Kinder das Abitur ablegen und studieren, nicht entziehen.

Die Nachfrage bestätigt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Trotz der Klagen über den Trend zur Akademisierung gab es im Südwesten im vergangenen Ausbildungsjahr viel mehr Bewerber für die Lehrstellen als Plätze: 107 436 Interessenten standen 82 314 Stellen gegenüber. Die Zahl der Bewerber sei zuletzt sogar gestiegen, betont Andre Fricke, Bezirksjugendsekretär des DGB Baden-Württemberg. Doch vor allem Jugendliche mit Hauptschulabschluss hätten schlechte Karten, weil die Betriebe die Ansprüche hochschraubten. Unternehmen und Politik würden die duale Ausbildung als erfolgreiche Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt feiern, sagt Fricke. Aber seit Jahren sei man nicht in der Lage, allen Interessenten ein Angebot zu machen: „Das ist skandalös.“

Integration ist ein Großthema der beruflichen Schulen

Die Arbeitgeber sind wie der DGB Mitinitiatoren der Aktionswoche. Die berufliche Bildung garantiere „eine arbeitsmarktnahe Qualifizierung von Fachkräften“, lobt Stefan Küpper, Geschäftsführer Bildung bei den Arbeitgebern Baden-Württemberg. Zugleich stehe sie für die Integrationskraft der Wirtschaft. Schließlich seien im vergangenen Jahr mit 2400 Flüchtlingen im Südwesten Ausbildungsverträge geschlossen worden. Allerdings bräuchten berufliche Schulen „mehr als nette Schlagzeilen und Lippenbekenntnisse“, mahnt Gerhard Kleinböck, Bildungsexperte der SPD im Landtag, anlässlich der Kampagne. Es falle 20 Prozent mehr Unterricht aus als noch ein Jahr zuvor. Der Personalmangel sei offenkundig. „Das Land muss alle Möglichkeiten nutzen, Lehrer zu gewinnen“, pflichtet der BLV-Vorsitzende Herbert Huber bei. So hofft der Verband auch auf Quereinsteiger. Deren Berufserfahrung sei ein Gewinn, doch fehlt die pädagogische Qualifikation. Mit Stipendien sollte das Land ihnen ein entsprechendes Masterstudium schmackhaft machen.

Die Integration ist ein Großthema der beruflichen Schulen. Die SPD will erreichen, dass die Altersgrenze für junge Flüchtlinge angehoben wird. Sie sollten bis zum Alter von 22, besser noch 25 Jahren, eine Berufsschule besuchen dürfen, findet Kleinböck. Knapp 12 000 Schüler im Land besuchen derzeit eine der 807 Vorbereitungsklassen. Im Zentrum steht dabei die Sprachförderung. Doch nicht nur in den Flüchtlingsklassen ist das ein wichtiges Thema, auch an den Berufsschulen ist der Bedarf groß, wie Herbert Huber betont. Dort sind die Lehrlinge aber nur eineinhalb Tage pro Woche. Da sei es schwer, die vorgeschrieben Größe der Fördergruppen zu erreichen. „Es muss Sprachfördergruppen auch für drei bis vier Schüler geben“, verlangen die Berufsschulen.