Stellvertreter-Konflikt Korea ist kein koreanisches Problem
In Korea stehen sich die Supermächte der Welt gegenüber. Eine Eskalation der Situation hätte hier unabsehbare Auswirkungen, kommentiert Christian Gottschalk.
In Korea stehen sich die Supermächte der Welt gegenüber. Eine Eskalation der Situation hätte hier unabsehbare Auswirkungen, kommentiert Christian Gottschalk.
Fragil ist die Lage am 38. Breitengrad schon immer gewesen. Da wo der koreanische Süden auf den koreanischen Norden trifft, hat das Militär seine Waffen scharf geladen. Es kommt immer wieder zu Provokationen der jeweils anderen Seite. Das ist einerseits brandgefährlich, andererseits hat sich eine gewisse Routine eingespielt – ähnlich wie seinerzeit, als Deutschland in West und Ost geteilt war. Für die 25 000 US-Soldaten, die in Südkorea stationiert sind, gäbe es jedenfalls ungemütlichere Ecken auf dieser Welt. Doch nun ist die Situation 8600 Kilometer Luftlinie von Europa entfernt dabei, sich nachhaltig zu verändern. Und das ist nicht allein ein Problem der beiden Koreas. Es hat auch Auswirkungen weit über die koreanische Halbinsel hinaus.
Der südkoreanische Präsident hat mit der kurzfristigen Ausrufung des Kriegsrechts sein Land in Aufruhr versetzt. Das Ganze ist wohl eher als missglückter Putsch zu werten. Die vergleichsweise junge Demokratie hat dem verhinderten Autokraten die Stirn gezeigt. Das ist die gute Nachricht. Aber das Land ist in Wallung. Die Wogen im Süden der Halbinsel sind noch lange nicht geglättet – just da stiftet der Norden neue Unruhe.
Dass die Truppen des Diktators Kim Jong Un unter dem Kommando der Russen auf dem ukrainischen Schlachtfeldern Kampferfahrung sammeln, ist allein schon besorgniserregend. Der militärische Nutzen ihres Einsatzes ist zwar fragwürdig – Nordkoreaner sollen versehentlich schon die eigenen Verbündeten unter Feuer genommen haben. Kims Soldaten werden aber alle Erfahrungen, die sie im Ukraine-Krieg gewinnen, künftig auch zu Hause nutzen können. Fast noch bedrohlicher ist der russisch-nordkoreanische Beistandspakt – und die Zusage aus dem Kreml, das Atomprogramm der Verbündeten zu unterstützen, was einen Lebenstraum der Kim-Dynastie befeuert.
Pjöngjang hat sich neben China einen weiteren Verbündeten ins Boot geholt. Das ist aus eigener Sicht ein kluger Schachzug, alle anderen müssen das anders sehen. Das gilt auch für Peking. Die Chinesen haben wenig Grund, an den bisherigen Zuständen etwas zu ändern. Sie sehen Nordkorea ganz gerne als Puffer zwischen sich und den US-Soldaten im koreanischen Süden. Während China kein Interesse hat, die Lage eskalieren zu lassen, ist das im Falle Russlands ganz anders. Der Kreml ist ein Meister im Ränkeschmieden und völlig skrupellos beim Einsatz seiner Mittel. Wenn es Putin in den Kram passt, dann ist Korea die nächste Experimentierwiese, auf der er zündelt.
Korea gehört zu den Schauplätzen, an denen sich all jene Mächte unmittelbar gegenüber stehen, die als militärische oder wirtschaftliche Supermacht gelten können. Wenn es etwas gibt, was die Welt in diesen Zeiten nicht brauchen kann, dann ist das ein weiterer Konflikt, erst recht kein neuer Stellvertreterkrieg. Die Geschichte lehrt etwas völlig anderes. Während des Koreakriegs vor mehr als 70 Jahren haben viereinhalb Millionen Menschen ihr Leben verloren. Das waren mehr Tote als später in Vietnam.
Anders als vor 70 Jahren ist die Welt heute sehr viel enger zusammengerückt. Eine dramatische Krise im Indopazifik hätte Auswirkungen auf dem gesamten Erdball. Nordkoreanische Soldaten auf europäischem Boden sind nur das sichtbarste Symptom dieser Vernetztheit. Ein Konflikt am anderen Ende der Welt hätte zwangsläufig zur Folge, dass sich auch Europa positionieren müsste. So wie das auch der Fall wäre, wenn China eines Tages den Versuch unternehmen sollte, sich Taiwan einzuverleiben. Auf welche Seite sich Europa dann stellen müsste, ist völlig klar. Die möglichen Folgen sind es nicht.