Stellwerk mit Bodyguard Jetzt blickt der Bund der Steuerzahler auf die Bahn – und nach Calw

Das denkmalgeschützte Stellwerk 2 ist an seinem neuen Standort auf den Parkplätzen Richtung TSV-Sportzentrum angekommen. Dort will es der Verein Württembergische Schwarzwaldbahn Calw wieder herrichten. Foto: Verena Parage

Der Bund der Steuerzahler schaut sich den Fall des denkmalgeschützten Häuschens entlang der Kulturbahngleise an. Das wurde erst 24/7 bewacht und dann versetzt. Das ist teuer.

2 546 784 315 216 oder, um es leichter zu erfassen, mehr als 2,5 Billionen Euro Schulden hat der deutsche Staat. Das bedeutet 30.463 Euro pro Bürger. So zumindest steht es auf der Internetseite des Bunds der Steuerzahler (Stand 6. Juni, kurz nach 11 Uhr).

 

Angesichts dieser horrenden Summen schaut dieser Verein gerne einmal genauer hin und fragt sich: Sind die Ausgaben wirklich alle gerechtfertigt? Dabei richtet sich der Blick nun auf die Hesse-Stadt: genauer auf das alte Stellwerk 2.

Das denkmalgeschützte Gebäude, einer der wenigen verbliebenen Zeitzeugen des alten Calwer Bahnhofs, wie der Schwarzwälder Bote berichtet, wurde kürzlich in einer spektakulären Nachtaktion von einem Schwerlastkran aus dem Gleisbett gehoben. Das allein war schon aufsehenerregend.

Besonders war indes auch, dass es bis zu dieser Aktion rund um die Uhr von einer Art Bodyguard bewacht worden war: seit die Deutsche Bahn (DB) Ende Februar bei einer Routinekontrolle festgestellt hatte, dass das alte Stellwerk, seit 1989 außer Betrieb, einsturzgefährdet war.

Denkmalschutz macht Abbau unmöglich

Die Krux: Es stand nur wenige Meter von den Gleisen der Kulturbahn entfernt. Wäre das Gebäude wirklich umgefallen, hätte das schlimme Folgen haben können. Einfach abbauen durfte die Bahn das Häuschen aber auch nicht. Weil es aus dem Jahr 1880 stammen dürfte, steht es unter Denkmalschutz.

Die Dienste des Unternehmens, das auf Sicherungsleistungen im Eisenbahn-Bereich spezialisiert ist, bezahlte die Deutsche Bahn AG. Was das gekostet hat, sagt die DB auch auf mehrfache Nachfrage nicht. Bei gut zweieinhalb Monaten Rund-um-die-Uhr-Bewachung dürfte so einiges zusammenkommen. Weil die Bahn dem Bund gehört, geht es um Steuergeld.

Genau wie bei den Kosten, die für den Riesenkran anfielen, der das Häuschen in der Nacht auf den 20. Mai schließlich aus dem Gleisbett hob. Auch dazu nennt die DB keine Summe. Allerdings war vor Ort von 30 000 Euro, die allein für die Kranmiete anfallen, die Rede.

Benjamin Banzhaf, Projektleiter bei der DB InfraGo, hatte bei der Nachtaktion erklärt: „Das passiert ja nicht aus Jux und Dollerei, sondern um den Betrieb der Kulturbahn am Laufen zu halten.“

War es das alles also wert? Das fragt sich nun der Bund der Steuerzahler (BdSt). Dieser hat in Baden-Württemberg immerhin 40 000 Mitglieder. Mitglieder waren es auch, die den Verein auf den ungewöhnlichen Fall aufmerksam gemacht hatten, berichtet Pressesprecher Daniel Bilaniuk. „Die Sache in Calw ist so kurios, weil über mehrere Wochen Tag für Tag eine beträchtliche Summe an Steuergeld bezahlt wurde, damit eine Sicherheitsfirma das alte Stellwerk  24 Stunden lang einfach nur anschaut.“

Auch Comedian interessiert sich für den Fall

Das macht es zu einem typischen Fall für den BdSt, der immer dann aktiv wird und recherchiert, wenn eine Verschwendung von Steuergeldern vorliegt oder droht.

Einmal im Jahr gibt er sein Schwarzbuch heraus, in dem etwa 100 krasse Fälle von Steuerverschwendung in Deutschland aufgeführt werden. „Da will keiner drin vorkommen“, meint Bilaniuk. Mit seinem Engagement appelliert der Verein „an die Verantwortung der Entscheidungsträger“  – sie sollen vernünftig mit dem Steuergeld der Bürger umgehen.

Bei den BdSt-Recherchen komme nicht immer etwas heraus, erklärt der Sprecher. Ob der Fall des alten Stellwerks im nächsten Schwarzbuch landet, ist noch unklar.

Gleichwohl hat er auch außerhalb Baden-Württembergs bereits für Aufsehen gesorgt. So recherchiert offenbar auch eine TV-Produktionsfirma aus Köln die Sache. Diese wiederum produziert für einen Privatsender eine Show, in der ein bekannter Comedian sich mit absurden Fällen von Steuerverschwendung befasst.

So geht es mit dem Stellwerk 2 weiter

In Sichtweite
seines bisherigen Standorts, auf den Parkplätzen Richtung TSV-Sportzentrum, hat das denkmalgeschützte Häuschen sein neues Zuhause gefunden. Seit 20. Mai steht es dort, auf vorbereiteten Betonfundamenten. Das Untergeschoss, eine alte Metallkonstruktion, war beim Herüberheben abgetrennt worden. Was noch da ist, das sind die Stahlträger, die extra fürs Herüberheben mit dem Kran gebaut wurden. Mit dem Umsetzen hat es die DB an den Verein Württembergische Schwarzwald Bahn Calw (WSB) übergeben. Der betreibt bereits das historische Stellwerk 1 als Eisenbahnmuseum nahe des alten Bahnhofs, und will nun auch Stellwerk 2 wieder herrichten. Allen voran der stellvertretende WSB-Vorsitzende Matthias Langen. Gerade habe er den Kaufvertrag von der DB InfraGo erhalten, berichtet er. Der WSB bezahle einen symbolischen Euro.

Als Nächstes
gibt es für den Verein einiges zu tun. „Die erste Arbeit wird sein, das Dach wieder zu decken.“ Die Ziegel waren vor dem Umsetzen entfernt worden. Außerdem geht es an die Planung: für ein dauerhafteres Fundament etwa. Außerdem müssen die Fenster erneuert werden, das Stellwerk soll einen Wasser- und Stromanschluss erhalten und die Stellwerkstechnik saniert werden. Was das alles kosten wird, müsse nun kalkuliert werden. Matthias Langen rechnet aber mit womöglich 100 000 Euro. Die Suche nach Sponsoren wird deshalb auch eine wichtige Aufgabe für den WSB sein.

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