Stellwerk S in Herrenberg Eine im Bunker erschaffene Wunderwelt

Von Carolin Klinger 

Mit seinem Miniatur-Modell der Stuttgarter Innenstadt hat Wolfgang Frey etwas Einzigartiges geschaffen. Die Ausstellung Stellwerk S in Herrenberg will seine Leistung mehr in den Vordergrund rücken – und den Fokus von der Modelleisenbahn hin zum Stadtmodell verschieben.

Rainer Braun entdeckt auch nach zwei Jahren immer noch neue Details in der Modelleisenbahnanlage. Foto: factum/Weise 6 Bilder
Rainer Braun entdeckt auch nach zwei Jahren immer noch neue Details in der Modelleisenbahnanlage. Foto: factum/Weise

Herrenberg - Als wir die Ausstellung eröffneten, war uns nicht klar, wie einzigartig dieses Werk wirklich ist“, sagt Rainer Braun mit Ehrfurcht in der Stimme. „Jetzt wollen wir seinen wahren Wert in den Vordergrund stellen.“ Der Herrenberger hat die 180 Quadratmeter große Miniaturversion der Stuttgarter Innenstadt gekauft, sie von Stuttgart nach Herrenberg gebracht und präsentiert sie dort seit zwei Jahren in der Ausstellung Stellwerk S der Öffentlichkeit.

Erschaffen hat die Wunderwelt mit den vielen, originalgetreuen Details der Stuttgarter Wolfgang Frey. Seine Leistung will Rainer Braun mit einer Neuausrichtung der Ausstellung in den Fokus rücken. „Mir war von Anfang an klar, dass es sich beim Stellwerk S nicht nur um eine Modelleisenbahnausstellung handeln konnte. Es ist viel mehr ein Stadtmodell“, erklärt Braun. Deshalb hat er nicht nur das Logo geändert – statt einer Modelleisenbahn ist nun der Stuttgarter Bahnhof zu sehen. Er hat auch die Ausstellung ergänzt.

Stuttgarter Stadtmodell in Handarbeit

Das Modell zeigt die Stuttgarter Innenstadt im Maßstab 1:160, und zwar so, wie sie Wolfgang Frey während seiner 34 Jahre dauernden Arbeit gesehen hat. 1978 fing er mit dem Basteln an – neben seinem Beruf als Fahrdienstleiter und ganz alleine in einem Betonbunker des Stuttgarter S-Bahnhofs in der Schwabstraße. Damals hatte er von den Plänen für einen neuen Hauptbahnhof gehört und wollte den ursprünglichen für sich erhalten. In dem Modell stellt der Bahnhof den ältesten Teil dar – so wie er einst war. Der Bahnhof bildet das Herzstück, doch Wolfgang Frey arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 2012 weiter an dem Modell der erweiterten Stuttgarter Innenstadt. „Das Projekt hat sein Leben bestimmt“, sagt Braun.

Wolfgang Frey dokumentierte die Stadt mit zahlreichen Fotos und Videos, um sie in seiner kleinen Welt genauso darstellen zu können. Dabei ließ er auch die Innenräume der Gebäude nicht aus. Wer durch die Fenster der Bürogebäude blickt, kann darin die winzige Nachbildung der Einrichtung und der Menschen erkennen, die dort gearbeitet hatten. „Seine Detailversessenheit ist es, die mich von Anfang an fasziniert hat“, sagt Braun.

Mit einfachen Materialien Unglaubliches geschaffen

Dazu nutzte Frey einfache Materialien aus dem Alltag: Aus Flaschendeckeln und Schraubenmuttern formte er Türmchen und aus Stecknadeln Laternen. Auch den Pragfriedhof mit mehreren tausend Grabsteinen hat er verewigt. Dort gönnte sich der Modellbauer ein wenig künstlerische Freiheit – und stellte auch einen Grabstein für den Papst auf.

Braun hatte die Anlage nach dem Tod des Erschaffers von dessen Tochter erworben. Zuvor hatte er im Jahr 2011 bereits Kontakt zu Wolfgang Frey aufgenommen, nachdem er Fotos der sagenumwobenen Anlage im Internet gesehen hatte. Für die Öffentlichkeit war die Anlage allerdings nie zugänglich gemacht worden.

Die Anlage blieb lange im Geheimen

Frey erschuf seine eigene kleine Welt inmitten der Stadt, nur für sich alleine. „Er hatte mir damals eine Absage erteilt. Tatsächlich wollte er sein Modell nicht der Öffentlichkeit zeigen“, sagt Braun, der sich Jahre später über diesen Wunsch hinwegsetzen sollte. „Es ging mir auch darum, dieses einzigartige Werk zu bewahren. An seinem ursprünglichen Ort wäre es kaputt gegangen.“ Er und seine Mitstreiter vom Modelleisenbahnclub Herrenberg und Gäu haben sich oft gefragt, wie es für einen Menschen allein möglich war, ein Modell in dieser Präzession zu erschaffen, und was sein Antrieb war.

Um dem Menschen hinter dem Modell auf künstlerische Weise näher zu kommen, stellt Braun nun gemeinsam mit der Künstlergruppe Soup Gegenstände aus, die von dem ursprünglichen Standort in der Schwabstraße stammen. Dadurch erfährt der Besucher beispielsweise, dass sich Frey für außerirdisches Leben interessierte. Wer seine Wunderwelt betrachtet, kann auf die Idee kommen, dass auch sie nicht von dieser Welt stammt. Denn das Rätsel, wie ein Mensch alleine so etwas vollbringen konnte, hat auch Braun noch nicht gelöst.

Informationen zur Ausstellung: