Stephan Hildebrandt vom VfB Stuttgart „Die Zugehörigkeit zur 3. Liga ist für uns kein Statussymbol“
Seit rund 14 Monaten wirkt Stephan Hildebrandt als Direktor des Stuttgarter Nachwuchsleistungszentrums (NLZ). Zeit für ein Gespräch.
Seit rund 14 Monaten wirkt Stephan Hildebrandt als Direktor des Stuttgarter Nachwuchsleistungszentrums (NLZ). Zeit für ein Gespräch.
Den Auftakt für Hildebrandt machte einst der Sieg der U 19 beim Mercedes-Benz Junior-Cup 2024 nach zuvor 17 Jahren Durststrecke. Am Wochenende gelang der Elf von Trainer Nico Willig die Titelverteidigung im Sindelfinger Glaspalast.
Herr Hildebrandt, wir haben Sie an beiden Turniertagen im Sindelfinger Glaspalast als durchaus emotional beteiligt erlebt.
Ich hoffe, es ist alles einigermaßen im Rahmen geblieben.
Ja, soweit wir das beurteilen können.
Spaß beiseite, ich bin jetzt ein gutes Jahr hier, und es liegt in der Natur der Sache, dass man eine gewisse Bindung aufbaut; zu den Spielern, den Trainern, zu allen Mitarbeitern im NLZ. Da darf man dann am Rand auch mal ein wenig zucken, wenn es ums Ganze geht!
Emotionen gehören dazu und belegen, dass ich mich in Stuttgart und speziell beim VfB sehr wohlfühle, auch wenn Christian Gentner mir unmittelbar nach dem Finale von Sindelfingen vor einem Jahr sagte, eigentlich müsse ich jetzt wieder gehen, denn besser wird’s nicht.
Mittlerweile liegen gut 14 Monate VfB hinter Ihnen. Welche Dinge stechen im Rückblick heraus?
Mannschaftlich sind es der Aufstieg mit der U 21 und natürlich auch der Sieg unserer U 19 hier in Sindelfingen. Individuell betrachtet sind es die Auftritte unserer Spieler aus dem NLZ in der Lizenzmannschaft. Zudem gab maßgebliche strukturelle Veränderungen: neue Spielklassen und -systeme wie die DFB-Nachwuchsliga, neue Spielorte oder auch neue Funktionen innerhalb der VfB-Sportstruktur (Manager Übergangsbereich, Anm. d. Red.). Wir sind eine Gemeinschaft, deren Zusammenhalt wächst und die ihre Kraft aus der personellen und inhaltlichen Stabilität bezieht. Es war immer klar: Wir brauchten keinen Turnaround, sondern die konsequente Weiterentwicklung des Vorhandenen.
Den Teams der U 17 und U 19 ist ein guter Start in die Saison gelungen.
Das ist richtig, auch wenn man mit den Junioren-Bundesligen aus meiner Sicht ein funktionierendes System für die neuen Nachwuchsligen aufgegeben hat. Wir haben ein Halbjahr hinter uns, das uns in der Liga bisher nur mäßig gefordert hat. Zudem weist die zeitliche Struktur der Ansetzungen viele Leerzeiten auf. Das kann man durchaus kritisch sehen. Dennoch liegen beide Teams im Soll. Jetzt wird sich zeigen, wie es in den Hauptrunden weitergeht. Wir werden mehr unterwegs sein, die Distanzen werden größer, die Gegner besser. Wenn ich in einem halben Jahr auf die nächsten Wochen und Monate zurückblicke, dann wünsche ich mir, dass die Hauptrunde der DFB-Nachwuchsliga wenigstens ein Stück weit das hält, was uns zu Saisonbeginn vonseiten des Verbandes versprochen worden ist.
Immerhin: Die U 19 brillierte in der Youth League.
Das stimmt, und die Spiele der Youth League gleichen die Defizite der Nachwuchsliga in Sachen Wettkampfanforderung vollständig aus. Das ist ein Format, wo die Spieler gezwungen werden, an die eigene Leistungsgrenze zu kommen, schnell zu adaptieren – in Spielen gegen Topteams und vor vielen Zuschauern. Das ist das, was wir haben wollen und was einen wesentlichen Schwerpunkt im finalen Abschnitt unserer Ausbildung darstellt: Handlungsstabilität auch außerhalb der Komfortzone.
Und das ist den Jungs überwiegend sehr gut gelungen. Sie haben diese besondere Situation und auch die besondere Erwartungshaltung, die damit einhergeht, sehr gut angenommen. Natürlich hatten wir gerade in Madrid unsere Themen, hatten Mühe, unser Spiel zu entwickeln, uns durchzusetzen und Überzeugung in unsere Aktionen zu bringen. Aber Anlaufschwierigkeiten gehören dazu. In der Folge hat die Mannschaft in vielen Momenten gezeigt, wie anpassungsfähig sie ist, welchen Charakter und welche Qualität sie hat. Dazu hat sie sich zu keiner Zeit von den Begleitumständen, dem manchmal ziemlich opulenten Drumherum beeindrucken oder gar ablenken lassen. Das ist ihr Verdienst, aber natürlich auch das vom Trainerteam um Nico Willig, Tobi Rathgeb und Sebastian Hägele.
Die U 21 steht in der 3. Liga seit Wochen an der Linie zu den Abstiegsplätzen. Wie gehen Sie mit Stimmen um, die sagen, dass bei der Mannschaft von Markus Fiedler mehr herauskommen müsste?
Für Kritik sollten wir immer offen sein, wir müssen mit ihr umgehen und uns aber auch nicht jede Jacke anziehen, die man uns hinhält. Für uns ist die dritte Liga zuallererst ein Ausbildungsinstrument. Und zwar eines, das seinen Zweck absolut erfüllt. Wir wollen konsequent weiter einen an Ballbesitz und technischer Qualität orientierten, aktiven Fußball spielen und damit unsere Ausbildungsmaxime im Fokus behalten. Und wir wollen diesen Fußball mit Spielern, deren Perspektive bis in den Lizenzfußball reichen soll, spielen. Markus Fiedler und sein Team haben den Jahrgängen 2005, 2006 und im Falle von Mirza Catovic sogar 2007 bisher einen Anteil von ca. 40 Prozent an der Gesamtspielzeit gegeben.
Wir stellen die jüngste aller Mannschaften der dritten Liga. Oft stehen wir Teams gegenüber, die in der Summe 20 oder 30 Jahre mehr Spielerfahrungen auf den Platz bringen. Zudem besteht immer der Anspruch, unsere Spielidee durchzusetzen und nicht nur reaktiv das Schlimmste zu verhindern. Bei allem, was wir ganz sicher besser machen können, bin ich mit dem ersten Halbjahr nicht unzufrieden.
Von außen betrachtet fällt auf, dass trotz verschärfter Bedingungen mehr Jungs sind als in der jüngeren Vergangenheit an der Schwelle Profiteam ankommen.
Wir haben auch in der Vergangenheit gut ausgebildet. Aber es ist die Schnittstelle zwischen NLZ und Profibereich, die intensiver bespielt wird als zuvor. Da haben wir mit Tobias Werner jemanden dazubekommen, der genau in diesem Bereich Lobbyarbeit betreibt und der bei den Trainern entsprechendes Gehör findet – damit das Talent, das wir haben, auch gesehen wird und Einsatzzeit bekommt. Die Qualität ist da.
Dazu braucht es aber immer noch einen Trainer, der gewillt ist, auf die Talente zu setzen. Das scheint bei Sebastian Hoeneß der Fall zu sein.
Das ist der Schlüssel. Es ist für uns ein großer Vorteil, dass das Trainerteam der Profis um Sebastian Hoeneß mit Blick auf das NLZ nicht nur alleine Erwartungen hat, sondern die Bereitschaft mitbringt, aktiv und gemeinsam mit uns an diesem letzten Ausbildungsabschnitt zu arbeiten. So entstehen Berührungspunkte für unsere Toptalente mit dem Lizenzfußball, und final gelingt so ein echter Übergang. Der Schritt bleibt trotzdem genauso groß. Es gilt das Leistungsprinzip. Die Jungs müssen durch Leistung auffallen, und dies dauerhaft. Aber wir haben eine offene Tür. Und das macht aktuell den VfB Stuttgart zu einem herausragenden Ort für Talente, die es ernsthaft in den Profifußball schaffen wollen.
Und das hilft sicherlich bei Verhandlungen mit potenziellen Neuzugängen.
Hinderlich ist es ganz sicherlich nicht. Wir agieren als Gemeinschaft. Das, was wir an personellen Ergänzungen unserer Teams ab der U 17 überregional vornehmen, wird immer bis in die Spitze der sportlichen Funktionsstruktur abgestimmt; mit dem Profi-Scouting, dem Trainerteam, Sportdirektor und Sportvorstand. Das klingt erst mal nach großem Apparat, ist letztlich aber Teamarbeit. Wir wollen die sportlichen Bedingungen der Entwicklungswege von Spielern langfristig so gestalten, dass sich die wirtschaftlichen Investitionen des Clubs lohnen. Das können wir als NLZ nicht allein, sondern nur im Zusammenspiel mit dem Lizenzfußball. Und hierfür ist die Bereitschaft voll da, alle bringen sich ein. Das finde ich außergewöhnlich und ist mir in meinen vielen Jahren im Geschäft in dieser Intensität noch nie untergekommen. Die aktuelle Konstellation ist außergewöhnlich, das kann man sich besser eigentlich nicht wünschen.
Am kommenden Wochenende startet die 3. Liga wieder. Steht der Klassenerhalt der Mannschaft über allem?
Dass wir den Ligaverbleib mit aller Macht wollen und dafür auf und neben dem Platz alles geben werden, kann doch gar keine Frage sein. Dennoch müssen wir darauf achten, dass wir aus Sorge um den Klassenerhalt am Ende nicht elf Korsettstangen eingezogen haben, die vielleicht aktuell den Anforderungen der Liga genügen, aber keine Perspektive für den Lizenzbereich haben.
Es müssen ganz klar diejenigen zum Zuge kommen, denen wir das Potenzial attestieren, einmal eine Rolle in unserer oder einer anderen Profimannschaft spielen zu können. Oft sind das aber diejenigen Spieler, die in Sachen Handlungsstabilität und Spielwirksamkeit noch Aufholbedarf haben.
Die Zugehörigkeit zur 3. Liga ist für uns kein Statussymbol. Insofern lassen wir uns von den Zwängen der Spielklasse auch nicht dominieren. Unsere Perspektive muss immer die der Talente sein. Die erste Frage ist immer: Was dient der Talententwicklung? Die zweite Frage ist: Was dient der Liga? Im besten Fall passt beides zusammen.