Stuttgart - Auch wissenschaftlich denkende Menschen sind in gewisser Weise gläubig, wenn sie an die universelle Gültigkeit der Naturgesetze glauben. Der 1. Hauptsatz der Thermodynamik ist so ein Naturgesetz: Er besagt, dass Energie weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden kann. Aus der Energie, die in den chemischen Bindungen des Brennspiritus steckt, kann zum Beispiel Licht und Wärme werden. Das war schon immer und überall so und wird es auch bleiben – so das Credo der Physik. Die Gesetze der Natur können im Unterschied zu denen der Menschen nicht gebrochen werden.
Weil es so wirkt, als seien die Naturgesetze von einer höheren Warte aus erlassen worden, sprechen Physiker manchmal auch von Gott statt von Naturgesetzen. Albert Einstein, der keiner Religion anhing, versicherte trotzig, dass Gott nicht würfle. Das war seine Art zu sagen, dass der Zufall in den Naturgesetzen keine Rolle spiele – eine Aussage, mit der der große Physiker falsch lag. Auch der atheistische Stephen Hawking nutzte Gott als Metapher. In einem Buch, das nun ein halbes Jahr nach seinem Tod erscheint, schreibt er: Wer die Naturgesetze kenne, der kenne die Gedanken Gottes.
Doch die beiden Rockstars der Physik unterscheiden sich im Temperament. Während sich Einstein in religiösen Fragen demütig zurückhielt, ging Hawking aufs Ganze. Er missachtete das ungeschriebene Friedensabkommen zwischen Religion und Wissenschaft. Demnach treffen Physiker keine Aussagen über Glaubensgewissheiten, weil sich diese nicht mit wissenschaftlichen Methoden überprüfen lassen. Die Kirche wiederum verzichtet darauf, die Schöpfungsgeschichte der Bibel als wortwörtliche Wahrheit zu betrachten. Die Welt wurde also nicht wirklich in sieben Tagen erschaffen, der Prozess nahm vom Urknall bis zur Geburt des Planeten Erde vielmehr neun Milliarden Jahre in Anspruch.
Kein Platz für Gott
Doch Hawking hat auch zu Glaubensfragen eine Meinung und hinterlässt in seinem posthum erschienenen Buch diese Botschaft: „Niemand hat das Universum geschaffen und niemand lenkt unsere Geschicke. Es gibt wahrscheinlich keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod.“ Wenn die Naturgesetze wirklich universell gültig sein sollten, argumentiert Hawking, dann gibt es keinen Platz für einen Gott – nicht einmal in den entferntesten Winkeln der Physik.
Muss nicht irgendwer den Urknall ausgelöst haben?, mag man einwenden. Nein, antwortet Hawking, das Universum ist rein zufällig entstanden, auch wenn Einstein das nicht wahrhaben wollte. Muss nicht irgendwer die riesige Menge Materie und Energie geschaffen haben, die das Universum ausfüllt? Nein, antwortet Hawking, denn mit der Materie und Energie ist die gleiche Menge negative Materie und Energie entstanden, so dass die Summe null ergibt und der 1. Hauptsatz der Thermodynamik durch den Urknall nicht verletzt wurde. Muss nicht irgendwer die Naturgesetze in Kraft gesetzt haben, nach denen alles abgelaufen ist?, versucht man es mit einem dritten Einwand. Hier zögert Hawking kurz: Das kann man schon so sehen, doch welchen Nutzen hat ein Gott, der am Anfang alles einrichtet und dann nie wieder eingreifen darf, weil er sonst die von ihm erlassenen Gesetze verletzen würde?
Hawking legt Wert darauf festzuhalten, dass er die Existenz Gottes nicht widerlegt. „Ich habe gar nichts gegen Gott“, schreibt er sogar. Es spreche aber aus wissenschaftlicher Perspektive nicht nur nichts für seine Existenz, die Naturgesetze ließen nicht einmal Platz für einen Schöpfer. Noch seien zwar nicht alle Fragen der Kosmologie gelöst. Aber das werde noch. „Meine Vorhersage lautet: Wir werden am Ende dieses Jahrhunderts wissen, was Gott denkt.“ Mit anderen Worten: Das Universum lässt sich ohne einen Schöpfer verstehen und mit ihm würde man die Dinge nur verkomplizieren.
Das Universum als gigantischer Akku
Kompliziert ist das Universum ohnehin schon. Wenn man allein an die negative Energie denkt, von der Hawking redet: Wo steckt sie? Hawkings Antwort: Sie ist im Raum gespeichert, das Universum ist sozusagen ein gigantischer Akku, geladen mit negativer Energie. Zum Trost für seine Leser, die an solchen Stellen nicht mehr mitkommen, fügt er hinzu: „Ich gebe zu, dass dies für jemanden, der mit der Mathematik nicht vertraut ist, schwer zu begreifen ist, aber es stimmt.“ 30 Jahre lang hat sich Hawking bemüht, die Erkenntnisse seines Fachs einem breiten Publikum verständlich zu machen. Es begann 1988 mit dem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ und endet nun mit dem Band „Kurze Antworten auf große Fragen“, der aus dem Archiv entstanden ist, in dem Hawking seine Antworten auf häufige Leserfragen sammelte.
Ohne ihm zu nahezutreten, kann man wohl sagen, dass Hawking jedoch weniger Wissen über die Kosmologie vermittelte als vielmehr die Faszination daran. Er nahm sich in seinen Büchern ein ordentliches Pensum vor, dem viele nicht folgen konnten, aber er begann immer bei einfachen Fragen, die jeder versteht. Zum Beispiel: Sind Zeitreisen möglich, wenn man durch ein Wurmloch fliegt? Hawking will das nicht ausschließen und hat einmal eine Party für Zeitreisende ausgerichtet. Die Einladung verschickte er erst hinterher. Der Physiker schreckte nicht davor zurück, die Grenzen seiner Expertise zu überschreiten, um weitere große Fragen zu beantworten. Etwa die, ob wir mit intelligenten Lebewesen im All Kontakt aufnehmen sollten. Seine Antwort: Lieber nicht, denn das wird enden wie im Film „Independence Day“.
Nobelpreisträger der Herzen
Auf Hawkings Grabstein ist ein schwarzes Loch eingemeißelt. Man erkennt es an einem leuchtenden Kranz, denn die Materie, die ein schwarzes Loch verschluckt, wird vorher stark beschleunigt und erhitzt. Es gehört zu seinen größten Entdeckungen, dass schwarze Löcher nicht völlig schwarz sind: Sie strahlen ein bisschen. Ein schwarzes Loch mit der Masse der Sonne ist 0,06 Millionstelgrad wärmer als der absolute Nullpunkt. Die Formel, mit der Hawking als Erster diese Temperatur berechnete, steht ebenfalls auf seinem Grabstein. Die Temperatur wird heute Hawking-Temperatur genannt und die Strahlung Hawking-Strahlung. In einem Vorwort zum neuen Buch bezeichnet sein Kollege und Freund Kip Thorne dies als die „womöglich fundamentalste Entdeckung der Theoretischen Physik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Den Nobelpreis hat Hawking dafür nicht erhalten. Doch den Nobelpreis der Herzen bekam er schon vor langer Zeit.