Stephen Hawkings Autobiografie Seine kurze Geschichte

Von Bernd Eberhart 

Hat seine Intelligenz Stephen Hawking zum wohl bekanntesten lebenden Wissenschaftler werden lassen? Oder war es seine unheilbare Krankheit? Für den Kosmologen waren andere Gründe entscheidend: Neugier, Freunde, Kollegen – und ein Quäntchen Glück.

Wenn Stephen Hawking auftritt, ist der Saal meist ausverkauft. Foto: ddp
Wenn Stephen Hawking auftritt, ist der Saal meist ausverkauft. Foto: ddp

Stuttgart - Mit 13 Jahren sollte sich der Schüler Stephen Hawking für die Westminster Privatschule bei London bewerben. Sein Vater war der Überzeugung, dass dies im vom Klassendenken geprägten englischen Bildungssystem von Vorteil sei. Für die Hawkings war das nur über ein Stipendium zu finanzieren, doch am Tag der Aufnahmeprüfung war der junge Stephen krank. Das Stipendium war dahin, er musste auf der öffentlichen Schule bleiben – was er nicht bereut. Auch ohne den Elitebonus schaffte er es auf die renommierte Universität Oxford.

Diese Geschichte ist bezeichnend für das Leben des vielleicht berühmtesten Wissenschaftlers unserer Zeit. Sein Gesundheitszustand sollte einer Karriere als gefeierter Astrophysiker und oberster Welt(raum)-Erklärer nie im Wege stehen. Doch ist auch immer ein Quäntchen Glück im Spiel gewesen – die Astrophysik beispielsweise bestimmte er nur einem vagen Bauchgefühl folgend zu seinem Forschungsthema. In der Autobiografie „Meine kurze Geschichte“ bleibt Stephen Hawking stets bescheiden. Keine Spur vom genialen Denker, kein Wort über außergewöhnliche Begabung. Mit einer gehörigen Portion Neugier und den richtigen Kollegen lassen sich die größten Rätsel der Menschheit schon knacken, könnte man meinen.

Der Physiker erzählt, 60 Jahre später, von einer glücklichen Kindheit in England, von Ferien im Zirkuswagen und Modelleisenbahnen. Dass er seine Freizeit mit anspruchsvollen Basteleien und dem Erfinden komplizierter Brettspiele verbrachte, sieht er als erste Anzeichen für die spätere Karriere als Wissenschaftler. Mit 17 Jahren kam er auf das University College in Oxford, hielt sich dort jedoch von Arbeit lieber fern und genoss die Vorzüge des Studentenlebens – er wollte keinesfalls als Streber gelten. Mit Glück (und vermutlich einer beträchtlichen Intelligenz) schaffte er es jedoch mit einem guten Abschluss zur Doktorarbeit an die Nachbaruniversität nach Cambridge.

Ihm gelingt es, seinen eigenen Mythos zu entzaubern

An dieser Stelle schildert der Autor die Anfänge seiner Behinderung. Die bei ihm diagnostizierte Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine Erkrankung derjenigen Nerven, die Muskeln mit Informationen versorgen. Sie hat unweigerlich ein Leben im Rollstuhl zur Folge. In Cambridge bemerkte der Doktorand erstmals, dass er zunehmend unbeholfen wurde: Er stürzte ohne erkennbaren Grund, seine Sprache wurde undeutlich. Kurz nach seinem 21. Geburtstag gaben ihm die Ärzte nur noch wenige Jahre zu leben. Ein Wendepunkt – sowohl in Hawkings Leben als auch seiner Autobiografie. Hatte sich der junge Wissenschaftler bisher nur mit halbem Ehrgeiz für seine Arbeit engagiert, wurde ihm nach der bestürzenden Diagnose klar, dass er seine Zeit gut nutzen musste.

Auch das Buch konzentriert sich ab diesem Punkt zunehmend auf die physikalischen Phänomene, mit denen sich der Denker fortan beschäftigte. Standen zunächst Familie, Freunde und Persönlichkeit des Autors im Vordergrund, sind es nun Gravitationswellen, der Urknall und Schwarze Löcher. Leider ist dieser Teil des Werks weniger gelungen. Obwohl Hawking sich bemüht, die Physik allgemein verständlich zu erklären und durch gelungene Anekdoten aufzulockern, bleibt es bei einem vagen Kompromiss: Um die komplizierten Phänomene einem Laien begreiflich zu machen, bedürfte es mehr Geduld und ausführlicherer Erklärungen. Fachleute hingegen dürften theoretische Details vermissen. Mit früheren Werken des Wissenschaftlers wären beide Lesergruppen, aus rein physikalischer Sicht, besser bedient – der Klassiker „Eine kurze Geschichte der Zeit“ ist als theoretische Ergänzung zur kurzen Lebens-Geschichte zu empfehlen.

Was Stephen Hawking jedoch gelingt, ist die Entzauberung seines Mythos. Er zeigt sich weder als Genie, noch als Gefangener seines Körpers, der keine Wahl hat außer sich gedanklich in höheren Dimensionen zu bewegen. Er beschreibt sich eher als einen Menschen der das große Glück hat, seiner grenzenlosen Neugier nachgehen zu können. Mit Selbstironie blickt er auf ein sicher beschwerliches, aber erfolgreiches und erfülltes Leben zurück – mit zwei Ehen, drei Kindern, zahlreichen Auszeichnungen und voller Humor. Man muss ihn nach der Lektüre dieser Autobiografie noch etwas mehr bewundern. Nicht für seine Genialität, sondern für seine Menschlichkeit. Stephen Hawking scheint in seinem bewegten Leben weder abgehoben noch verzweifelt zu sein – obwohl er zu beidem Grund gehabt hätte.