Krimikolumne

Stephen King: „Basar der bösen Träume“ Neues vom Altmeister

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Neues Lesefutter für alle Stephen-King-Fans: Der jüngste Schmöker des Horrorautors umfasst 18 Geschichten und zwei Balladen. Die Stimmung bei der Lektüre der vielseitigen Stories – erschreckend behaglich.

Stephen King, hier 2013 in Hamburg bei der Präsentation seines Buches „Doctor Sleep“ Foto: dpa
Stephen King, hier 2013 in Hamburg bei der Präsentation seines Buches „Doctor Sleep“ Foto: dpa

Stuttgart - Wer sich in den 80ern vom Horrorautor Stephen King in Welten voller Monster, Angst, Blut und Gewalt entführen ließ, der fragte sich gelegentlich dann doch, ob jener King, der da so Gruseliges zu Papier brachte, wohl ganz richtig und klar im Kopf war. Heute muss man wohl sagen: geht so. Tatsächlich war King nach eigenem Bekunden zwischen 1978 und 1987 zunächst alkohol- und später dann auch kokainsüchtig. „Tommyknockers – Das Monstrum“ sei das letzte Buch gewesen, das er als Suchtkranker geschrieben habe, hat er einmal gesagt.

Ein weiterer, entscheidender Einschnitt im Leben des Gruselschreibers war nach dem Entzug ohne Zweifel der schwere Verkehrsunfall im Jahr 1999, als King von einem angetrunkenen Autolenker angefahren wurde, wochenlang im Krankenhaus lag und nur langsam und unter großen Schmerzen lernte, wieder zu gehen. Sein Buch „Duddits – Dreamcatcher“ habe er weitgehend unter dem Einfluss des Schmerzmittels Oxycodon geschrieben, sagt King.

Eine Geschichte im LSD-Rausch verschlampt

Die Idee, einen Schriftsteller erzählen zu lassen, wann, wie, wo und warum er eine Geschichte oder einen Roman geschrieben hat, ist das Konzept von Kings jüngstem Buch, „Basar der bösen Träume“. Es ist eine Sammlung von 18 Geschichten unterschiedlicher Länge sowie zwei Gedichten, eigentlich prosaähnlichen Balladen. Jedem dieser Texte hat King eine kleine Einführung vorangestellt, aus welcher der Leser zum Beispiel erfährt, dass King als junger Student einmal eine Kurzgeschichte schrieb, sie im LSD-Rausch verschlampte und 40 Jahre später einfach neu schrieb, weil sie ihm so gut gefiel („Raststätte Mile 81“). Oder „Der kleine grüne Gott der Qual“, die inspiriert ist von Kings schmerzerfüllter Rekonvaleszenz nach dem erwähnten schweren Autounfall.

Andere Stories sind aus kleinen Gedankenblitzen und flüchtigen Begegnungen entstanden, wie zum Beispiel „Jener Bus ist eine andere Welt“, die King einfiel, als er einmal an einer Ampel dem Blick einer Frau begegnete, die in einem Bus nebenan saß. Für den treuen Stephen-King-Fan ist das eine hübsche Gewohnheit, schließlich steuert der Autor schon seit vielen Jahren immer mal wieder ein Vor- oder Nachwort zur Entstehung oder als Erläuterung zu seinen Büchern bei.

Allmachtsfantasien der schreibenden Zunft

Bleiben die Geschichten, und hier zeigt sich einmal mehr, dass King dann am besten ist, wenn er Zeit und Platz hat. Zweifellos finden sich einige Perlen in „Basar der bösen Träume“, doch der Rest ist solide Gruselstorykost, immerhin auf hohem Niveau.

Für jeden ist etwas dabei: klassische Monstergeschichten à la Junge-sucht-Abenteuer-und-findet-das-Grauen, makabere Kabinettstückchen mit gemeinen Pointen am Ende sowie Stories, in denen King einen seiner schrägen Geistesblitze umsetzt, zum Beispiel „Ur“, in der er die übersinnlichen Potenziale von elektronischen Büchern auslotet. Die Geschichte „Nachrufe“, in der King die niederen Allmachtsfantasien der schreibenden Zunft auslebt, werden wohl alle vom digitalen Wandel in den Medien gebeutelten Journalisten goutieren.

Garniert sind die Stories mit allerlei Bezügen zum literarischen Universum Kings, auch so eine liebenswerte Marotte. Herrlich ist zum Beispiel die Passage, in der ein heruntergekommenes White-Trash-Ehepaar durch das ebenso hinfällige Castle Rock fährt, einerr jener Orte, in denen zahlreiche von Kings Geschichten spielen. Aber von den Erzählungen etwa aus „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ oder den Ambitionen von „Der Anschlag“, in dem King das Kennedy-Attentat ungeschehen sein lässt, ist das alles weit entfernt.

Der Leser macht es sich behaglich

Vielleicht hat Stephen King das Problem mancher Altmeister: So wie zum Beispiel Steven Spielberg und George Lucas in den 70ern und 80ern mit mitunter auch eigenwilligen Filmen das amerikanische Popcorn-Kino revolutionierten, machte Stephen King im Alleingang den Horror als literarisches Genre massenfähig. Doch wenn Innovation im Mainstream angekommen ist, wird sie früher oder später konventionell und zum Klischee. Kings neueste Geschichten sind gut und unterhaltsam, der Leser macht es sich behaglich – was aber für Horrorstories nicht wirklich ein Kompliment ist.

Stephen King: Basar der bösen Träume. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach, Bernhard Kleinschmidt, Karl-Heinz Ebnet, Wulf Bergner, Kristof Kurz, Friedrich Mader, Gunnar Kwisinski, Urban Hofstetter, Jürgen Langowski, Gisbert Haefs, Johann Christoph Maass, Jürgen Bürger, Julian Haefs, Jan Buss, Jakob Schmidt, Friedrich Sommersberg. Heyne Verlag, München. 768 Seiten, gebundenes Buch mit Schutzumschlag. 22,99 Euro. Auch als E-Book, Hörbuch und Audio-Download.