Die Besucher amüsieren sich im Sommer 1973 im Vergnügungspark Joyland. Keiner denkt daran, dass hier einmal eine Frau ermordet wurde. Der Ferienjobber Devin würde aber schon gerne deren Gespenst treffen.
Stuttgart - Es ist heiß im Hundekostüm. Wer eine Viertelstunde lang als überlebensgroßes Knuddelvieh vor den kleinsten Besuchern des Vergnügungsparks Joyland getanzt hat, ist dem Hitzschlag nahe. Wer die Kostümschicht erwischt hat, muss mehrmals am Tag so eine Viertelstunde absolvieren.
Der Semesterferienjobber Devin Jones aber nimmt das im Sommer 1973 williger auf sich als die anderen Joyland-Aushilfen. Er hat Liebeskummer, von dem er sich ablenken muss. Er mag kleine Kinder. Vor allem aber spürt er stärker als andere die Romantik des Rummels. Devin ist faszinierter vom Slang der Schausteller, von deren Blick auf die Normalos, die Fahrgeschäfte, Fressstände und Schießbuden frequentieren, vom Anspruch des Parks, nicht irgendwelchen Tinnef, sondern das kleine Glück zu verkaufen.
Mord in der Geisterbahn
Devin Jones‘ Blick auf den Rummel ist der des Autors Stephen King, frei von Herablassung und frei von Spott. Hier an der Küste von North Carolina hält sich 1973 mit Joyland noch etwas, was im Rest der USA schon vom Markt gedrängt ist, ein Vergnügungspark als eigenwilliges Einzelunternehmen, nicht als normierte Filiale eines Unterhaltungskonzerns.
Zwar ist vier Jahre vor Devins Sommerjobberei einer jungen Frau in der Geisterbahn die Kehle durchgeschnitten worden. Das Gespenst der Ermordeten, behaupten einige alte Hasen des Rummels, recke manchmal neben den Gruselpuppen bittend die Hände. Aber das kann Devin nicht schrecken. Er ist eher neugierig, wie diese Erscheinung wohl aussehen könnte. Der Rummel ist für ihn ein im Kern freundlicher Gegenentwurf zum bürgerlichen Leben.
Stephen King, ein Liebhaber der alten Pulps, hat „Joyland“ für Charles Ardais Reihe Hard Case Crime geschrieben. Aber er versucht gar nicht erst, diesen Roman wie eines der alten Hardboiled-Taschenbuchoriginale klingen zu lassen, deren Stil Charles Ardai in unsere Tage retten möchte. „Joyland“ hat mehr Spukgeschichten- als Krimielemente, ist aber vor allem die bittersüße Erinnerung an eine Jugend, die entschwunden ist.
Die Zeit vergeht, oh Schreck
King galt mal als konkurrenzloser Großmeister des Horrors, aber er ist nicht den Weg der Eskalation gegangen, um diesen Titel zu verteidigen. Längst ist seinen Lesern klar, dass der größte Schrecken im King-Universum kein Teufel, kein Dämon, kein Untoter ist, sondern der Gang der Zeit. Wir Menschen werden älter, und was uns vertraut war, entschwindet noch vor uns.
Alles wird verschwinden
Der 1947 geborene King ist kein weinerlicher Hardcore-Fan einer US-Pop- und Alltagskultur von gestern. Er erzählt nur an deren Beispiel von der frühen Endlichkeit all dessen, was wir für dauerhafte Elemente unseres Lebens halten. Kaum haben wir etwas lieben gelernt, ist es schon wieder weg. Devins Tröster nach Feierabend sind Vinylplatten der „Doors“.
Während Ich-Erzähler Devin vom Dableiben einer Seele im Reich der Lebenden erzählt, zieht die Unterströmung von „Joyland“ in die andere Richtung: Alles, was hier ist, wird bald nicht mehr sein. Zwischen dem klassischen Spuk und dem Erzählen selbst entsteht also ein inniges Band. King ruft den Vergnügungspark von damals mitsamt Besuchern und Angestellten, Ritualen und Jargon noch einmal ins Leben, obwohl das Riesenrad Carolina Spin seine letzte Runde längst gedreht hat. Literatur ist die große Jahrmarktswahrsagerbude, in der alles Tote zurück über die Schwelle kommen darf.
Nutze schnell noch deinen Sommer
Eines waren Kings Romane nie: Musterbeispiele ökonomischen Erzählens. Wer sie deswegen nicht mochte, wird auch mit dem schlanken „Joyland“ nicht glücklich werden. Trotz der für King bescheidenen 352 Seiten der deutschen Übersetzung (284 Seiten in der Originalausgabe) ist dies kein energisches Konzentrat. „Joyland“ zeigt die typische lässige Gefühligkeit Kings, die manchen als Geschwätzigkeit erscheint.
Wer aber nicht erwartet, dass der Roman sich scharf auf den Kontrapunkt des Rummelvergnügens konzentriert, auf den Mord nämlich, und wer Devins Umkreisen des Themas Liebeskummer als Sehnsucht nach Erschütterbarkeit, Offenheit und Lebenszeitreserve der Jugend akzeptiert, bekommt hier einen sehr netten Roman. Der mal wieder sagt: Nutze den Sommer, schon im Herbst hat sich‘s was mit Karussell und Zuckerwatte.
Stephen King: „Joyland“. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Heyne Verlag, München. 352 Seiten, 19,99 Euro. Auch als Audiobook, 19,99 Euro, und als Hörbuch-Download, 13,95 Euro.