Krimikolumne

Stephen und Owen King: Sleeping Beauties Blutiger Rohrkrepierer

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Zum ersten Mal legt Stephen King gemeinsam mit seinem Sohn Owen King einen Roman vor. „Sleeping Beauties“ fängt vielversprechend an. Warum er trotzdem nicht funktioniert, lesen Sie hier.

Owen King (links) ist der Sohn von Stephen King Foto: Daniell Lurie, Shane Leonard
Owen King (links) ist der Sohn von Stephen King Foto: Daniell Lurie, Shane Leonard

Stuttgart - Es beginnt in einem heruntergekommenen Trailer in den amerikanischen Appalachen und stürzt die Welt ins Chaos: Eine mysteriöse Schlafepidemie greift um sich. Betroffen sind ausschließlich Frauen, um die sich, sobald sie eingeschlafen sind, ein insektenähnlicher Kokon bildet. Als einige Menschen versuchen, die Frauen zu wecken oder das mysteriöse Gewebe zu entfernen, bricht die Hölle los: Die Frauen werden zu barbarischen Bestien.

Nur eine Frau scheint von dieser Seuche ausgenommen zu sein: Die geheimnisvolle Evie, die in einem Frauengefängnis in Dooling hinter Gittern sitzt, weil sie in den brutalen Mord an zwei Männern verwickelt ist. Als eine Gruppe von Männern spitz kriegt, dass diese Frau womöglich der Schlüssel ist, um die drohende Apokalypse abzuwenden, formiert sich eine bewaffnete Truppe, um sich mit Gewalt Zugang zu dem Gefängnis zu verschaffen . . .

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Das ist in etwa die Handlung von „Sleeping Beauties“, dem ersten gemeinsamen Roman von Horror-Altmeister Stephen King und dessen Sohn Owen King, der bereits mit Kurzgeschichten von sich reden gemacht hat. Dass die beiden mehr als 900 Seiten benötigen, um ihre Geschichte zu erzählen, überrascht nicht. Traditionell zählt Stephen King zu den weitschweifigen All-you-can-eat-Beststeller-Autoren.

Kommt die Kingsche Fabulierkunst außer Mode?

Das funktioniert auch in „Sleeping Beauties“ lange Zeit sehr gut. Das King-Duo schafft atmosphärische Dichte und treibt zugleich die Handlung straff voran. Wenn die Frauen zu Bestien werden, dann wird dies ausgesprochen brutal (King-Fans würden wohl sagen: Höchst unterhaltsam) geschildert. Wer die Streaming-Serien-Hits Fargo, Breaking Bad und Orange is the new black vor Augen hat, bekommt eine ganz gute Vorstellung von dem Panoptikum, das die Kings entfalten und ausbreiten.

Am Ende aber bleibt der Leser dann doch unbefriedigt zurück, und das hat zwei Gründe. Erstens: Eine globale Apokalypse allein auf amerikanischem Grund zu schildern, hat vielleicht noch in den frühen 1990er Jahren funktioniert, als die amerikanische Popkultur Musik, Film und Belletristik gleichermaßen beherrschte. In heutiger Zeit, in der die Alternativen nur einen Mausklick entfernt sind, reicht das allenfalls noch für den amerikanischen Leser.

Zweitens verpufft das Finale, auf das die Handlung mit immer mehr Waffen und Toten hinsteuert, seltsam kläglich. Die kathartische Wirkung der drohenden Apokalypse auf Männer und Frauen wirkt wenig überzeugend, genauso wie die (Achtung: Spoiler!) Parallelwelt, die im Zuge der Katastrophe entsteht. Bei „Sleeping Beauties“ beschleicht den Leser zum ersten Mal das Gefühl, dass die Kingsche Fabulierkunst allmählich außer Mode geraten könnte. Womöglich haben all die Showrunner da draußen King in ihrer Jugend so aufmerksam gelesen, dass der Altmeister des Horrors inzwischen von seinen Nachfolgern überholt worden ist.

Stephen King, Owen King: Sleeping Beauties. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne Verlag München 2017. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 960 Seiten. 28 Euro, auch als E-Book, 19,99 Euro, und Hörbuch, 28 Euro.