Sterbehilfe-Prozess in Ulm Woran starb der schwerkranke Vater?

Von SIR/dpa 

Der Patient liegt todkrank in einer Klinik. Als er plötzlich um Luft ringt, bittet er seine Angehörigen, ihm beim Sterben zu helfen. Sohn und Ehefrau sollen einen Tropf mit Schmerzmitteln aufgedreht haben. Doch ist der Mann tatsächlich daran gestorben?

Vor dem Ulmer Landgericht wird der Prozess gegen eine Mutter und ihen Sohn geführt, die im Verdacht stehen, den schwerkranken Vater durch aktive Sterbehilfe getötet zu haben. Foto: dpa
Vor dem Ulmer Landgericht wird der Prozess gegen eine Mutter und ihen Sohn geführt, die im Verdacht stehen, den schwerkranken Vater durch aktive Sterbehilfe getötet zu haben. Foto: dpa

Der Patient liegt todkrank in einer Klinik. Als er plötzlich um Luft ringt, bittet er seine Angehörigen, ihm beim Sterben zu helfen. Sohn und Ehefrau sollen einen Tropf mit Schmerzmitteln aufgedreht haben. Doch ist der Mann tatsächlich daran gestorben?

Ulm - Für den Medizinprofessor und seine Mutter dürfte der Gang vor die 2. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ulm kein leichter gewesen sein. Schließlich wird in den kommenden Wochen und Monaten verhandelt, wie der Vater und Ehemann der beiden im Januar 2008 zu Tode gekommen ist. Durch aktive Sterbehilfe oder doch eines natürlichen Todes? Das öffentliche Interesse an dem am Mittwoch gestarteten Prozess ist groß. Schließlich könnte das Gericht ein wegweisendes Urteil zum Thema Sterbehilfe sprechen.

Die Angeklagten wollten sich zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft zunächst nicht äußern. Eine Reihe angesehener Gutachter aus Medizin und Toxikologie sollen nun Unklarheiten ausräumen. Allein zwölf waren zum ersten Prozesstag nach Ulm gereist. Doch was war an jenem Januarabend passiert?

Der 44 Jahre alte Mediziner und dessen 72-jährige Mutter hatten ihren Vater und Ehemann in der Uniklinik Ulm besucht. Der 69-jährige Vater leidet an einer sehr schweren Lungenkrankheit, ist an Beatmungsmaschinen angeschlossen und bekommt starke Schmerzmittel. Doch plötzlich dürften sich dramatische Szenen abgespielt haben.

Ende Juni könnte ein Urteil gesprochen werden

Der Patient bekommt laut Anklage keine Luft mehr, reißt sich seine Sauerstoffmaske vom Gesicht und sagt, er wolle sterben. Sohn und Ehefrau hätten deswegen beschlossen, einen Tropf mit dem Schmerzmittel Morphin voll aufzudrehen. Statt 5,5 Milliliter pro Stunde wurden dem Mann 99 Milliliter eingeflößt. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war der 69-Jährige wegen der Überdosis innerhalb kürzester Zeit gestorben.

Der Rechtsmediziner, der die Leiche des 69-Jährigen obduziert hatte, sagte am Mittwoch aus, damals keine schlüssige Todesursache festgestellt haben zu können. Der Prozess könnte deshalb zunächst ein Streit der Gutachter zur Frage der Todesursache werden.

Erlangt das Gericht die Ansicht, dass der Patient an einer Überdosis Morphin gestorben ist, muss es die Frage des Täters klären. War es der 69-Jährige selber oder einer der Angeklagten, der den Tropf voll aufgedreht hat? Sollte sich herausstellen, dass es der 44 Jahre alte Mediziner oder seine Mutter waren, steht der Strafbestand der Tötung auf Verlangen im Raum - also aktiver Sterbehilfe.

„Eine Einzelfallentscheidung in Ulm hätte rechtliche und politische Bedeutung für Deutschland“, prognostizierte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Entscheidend sei die Klärung des Motivs. „Für Richter sind solche ethischen Fragen äußerst unangenehm“, sagte Brysch.

Die Verhandlung dürfte spannend bleiben. Das Gericht will die offenen Fragen in zwölf verbleibenden Verhandlungstagen klären. Ende Juni könnte ein Urteil gesprochen werden.

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