Sterben in der Corona-Pandemie Wie uns die Coronatoten verändern

  Foto: 7aktuell/Max Kurrer

Wir sind eine Gesellschaft des permanenten Abschieds geworden – ohne wirklich zu trauern. Wir werden uns die wirklich den Schmerz lindernde Trauer zurückerobern müssen, sagt StZ-Autorin Hilke Lorenz.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Wann hat das angefangen, dass wir begreifbare Vergleichsgrößen für die Zahl der Coronatoten suchen? Es sterben so viele Menschen, als würde täglich eine Passagiermaschine abstürzen. So hieß es zu Beginn der zweiten Welle. Mittlerweile sind es zwei Flugzeuge pro Tag. Oder die Schüler einer ganzen Schule. Die Besucher eines mittelgroßen Popkonzerts. Wir gehen auf die Zahl von 30 000 Toten zu, die in Deutschland an oder mit Covid 19 gestorben sind. Das sind so viele Menschen, wie in einer nicht eben kleinen Stadt wohnen.

 

In Schwäbisch Gmünd hat ein Künstler für jeden Coronatoten aus der Statistik einen Nagel eingeschlagen. In Stuttgart und anderen Städten zünden Menschen im Rahmen der Aktion #wirgebendentoteneingesicht regelmäßig Kerzen für die namenlosen Toten an. Sie wollen sich mit der Abstumpfung gegenüber dem anonymen Sterben nicht abfinden. Denn der Coronatod ist für viele noch immer abstrakt. Ist das so, obwohl oder gerade weil er so massenhaft geschieht?

Sterben tun immer nur die anderen

Man kann noch immer hoffen, selbst verschont zu bleiben. Vorausgesetzt, man hat das richtige Alter, einen Beruf, der einen nicht permanent dem Kontakt mit anderen Menschen aussetzt. Gut ist man auch dran, wenn man so privilegiert lebt, dass man viel Platz um sich herum hat. In einer Gemeinschaftsunterkunft ist es schon schwerer, alle Hygieneregeln zu leben. Wenn man aber alle Schutzmaßnahmen einhält und dann auch noch nie zur Unzeit am falschen Ort war, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man die Pandemie unbeschadet übersteht. Vielen von uns wird das hoffentlich gelingen.

Doch es geht längst nicht mehr nur um die Toten selbst, die wir in Zeiten der Pandemie zu Grabe tragen. Wobei schon dieses Bild eine Form des Abschieds beschreibt, die viele gerade nicht leben können. Ein Blick auf die Todesanzeigen verdeutlicht, wie Abschiede „auf einen späteren Termin“ verschoben oder nur im „engsten Kreis“ begangen werden. Vertragen wir das eigentlich langfristig – diese kompakt durchorganisierten Abschiede? Wer nicht betroffen ist, kann wohl nur schwer ermessen, was es heißt, in der Trauer Reglementierungen zu unterliegen. Trauer in allen nur erdenklichen Formen leben zu können, ist eine der großen Errungenschaften von Hospizgruppen, Seelsorgern, Trauerbegleitern und vielen engagierten Bestattern. Nun wird das Rad zurückgestellt – mit Folgen für eine Gesellschaft, die ohne, dass es ihr vielleicht jetzt schon klar ist, zu einer Gesellschaft des permanenten Abschiednehmens geworden ist. Wir werden uns das Recht auf wirklich gelebte und lindernde Trauer mühsam zurückerobern müssen.

Betroffen nicht nur die Angehörigen

Denn wer von den fast 30 000 Coronatoten allein in Deutschland spricht, redet von einer weit größeren Zahl von Angehörigen, Freunden und Menschen, die Anteil nehmen. Was muten wir dem Pflegepersonal in den Heimen und Krankenhäusern zu? Wie klingt der Satz in ihren Ohren „Die Menschen müssen alleine sterben“? Ja, sie müssen ihren letzten Weg ohne die Anwesenheit vertrauter Menschen gehen. Auch die Menschen in Schutzkleidung wünschen das niemandem – und sind da. Machen wir uns überhaupt eine Vorstellung davon, was es heißt, wenn das massenhafte Sterben plötzlich zum Berufsalltag der Pflegekräfte, Ärzte und Krankenschwestern gehört. Wer steht ihnen zur Seite? Was heißt es, wenn Krematorien Zusatzschichten fahren müssen?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor einiger Zeit einen Gedenktag für die Coronatoten vorgeschlagen. Zu begreifen, dass wir eine auf ganz unterschiedliche Arten trauernde Gesellschaft sind, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Trotz aller berechtigter Zuversicht angesichts des Impfstoffes.

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