Steuer-Satire „Der Fiskus“ im Studio-Theater Mit Kniffen zu mehr Steuergerechtigkeit
Felicia Zellers Theatersatire „Der Fiskus“ ist in Christoph Küsters Inszenierung eine virtuos verplapperte Gesellschaftskritik mit starkem Ensemble.
Felicia Zellers Theatersatire „Der Fiskus“ ist in Christoph Küsters Inszenierung eine virtuos verplapperte Gesellschaftskritik mit starkem Ensemble.
Eine Steuererklärung ist wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig! Wie mag das erst für jene sein, die täglich mit den wirtschaftlichen Angelegenheiten deutscher Bundesbürger befasst sind und deren mal stümperhafte, mal in bewusster Täuschungsabsicht ausgefüllten Formulare überprüfen müssen.
Davon erzählt die 1970 in Stuttgart geborene Dramatikerin Felicia Zeller in ihrem im Jahr 2020 uraufgeführten Stück „Der Fiskus“, das Christof Küster am Stuttgarter Studio-Theater inszeniert hat. Zur Premiere am Donnerstagabend ist Felicia Zeller aus Berlin zum kleinen Theaterhaus an der Dobelstraße gereist und hat sich unters Publikum gemischt.
Die von ihr erfundenen Finanzbeamtinnen Elfi Nanzen (Hannah Jasna Hess), Fatma Tabak (Mariam Jincharadze), die kurz vorm vierzigjährigen Dienstjubiläum stehende Bea Mtinnen (Barbara von Münchhausen) und die ehrgeizige Abteilungsleiterin Nele Neuer (Britta Scheerer) kennen praktisch jeden Kniff im Finanzsystem. Mit ihrem einzigen männlichen Kollegen und Elfi Nanzens Gatten Reiner Lös (stark: Caroline Sessler) fühlen sie sich berufen, die Steuergerechtigkeit im Land herzustellen.
In Küsters Inszenierung sitzen die vier Frauen in lustig scheußlichen Klamotten und mit schräg frisierten Perücken auf Bürostühlen von Anno Dazumal und hacken auf leuchtende Neonröhren statt auf Tastaturen ein. Das männliche Alphatier, Reiner Lös, ist in Wahrheit schüchtern und wäre eigentlich gerne „so was wie Sting geworden“. Er trägt fusselig-blonde Pornobalken zur Rod-Stewart-Gedächtnis-Frisur und Goldrandbrille, sein musikalisches Talent setzt er gewinnbringend im Gartenstudio ein, als nebenberuflicher Singer-Songwriter. Seine Frau Elfi Nanzen hat er als nebenberufliche Assistentin eingestellt.
Weil das Ehepaar gemeinsam veranlagt wird und von günstigen Splitting-Tarifen profitiert, soll es auch bald Nachwuchs geben. Die anderen Biografien sind nicht minder skurril, besonderes Merkmal von Felicia Zellers Dramatik ist aber nicht bloß die bewusste Figurenüberzeichnung und Karikatur, sondern der vermeintlich eloquente, in Floskeln und Stanzen mäandernde Sprachschwall. Die Sätze laufen meist ins Leere, und wenn sich Elfi aufregt – was oft passiert – , laufen sie sogar im Kreis.
Christof Küster inszeniert dieses irrwitzige Tohuwabohu mit guter Antenne für die spezielle Dynamik von Zellers Sprache und die Schrulligkeit der Charaktere, die das hervorragende Ensemble mit glaubwürdigem Eigenleben ausstattet.
Zwar ist das, was Felicia Zeller als Alltag in einer Steuerbehörde entwirft, Satire und hochgradig stilisiert. In den Lebenshintergründen der Beamtinnen scheinen aber Anteile der Wirklichkeit auf. Einmal reißt sich Bea die zum roten Bienenkorb getürmte Perücke vom Kopf und raunzt an der Bühnenrampe als Realperson Barbara von Münchhausen das Publikum an, wütend über superreiche Steuerbetrüger, die sich munter bereichern können.
So ist „Der Fiskus“ nicht bloß ein virtuos verplapperter Abend über die Fallstricke des deutschen Steuersystems, sondern eine im Kern sozialkritische Würdigung ökonomischer Ungerechtigkeit.
Der Fiskus: Studio-Theater, Stuttgart. Weitere Vorstellungen am 15. und 19. April, 20., 26. bis 29. April, jeweils 20 Uhr. Infos unter: https://www.studiotheater.de