Steven Soderberghs Westernserie „Godless“ bei Netflix Mütter mit Patronengürteln

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So unbekümmert wie in seinem Gaunerfilm „Ocean’s Eleven“ geht Steven Soderbergh in der Netflix-Serie „Godless“ mit Klischees diesmal nicht um. Er zeigt einen Wilden Westen, in dem starke Frauen die Winchester in die Hand genommen haben.

Merritt Wever (li.) und Michelle Dockery spielen zwei der taffen Frauen aus La Belle in „Godless“ Foto: Netflix 32 Bilder
Merritt Wever (li.) und Michelle Dockery spielen zwei der taffen Frauen aus La Belle in „Godless“ Foto: Netflix

Stuttgart - Western-Nostalgiker, aufgepasst: Die Rinderhütermärchen von einst waren wirklich ein schöner Teil der Dachantennenära des Fernsehens. Die grundanständige, gut bewaffnete Männerwirtschaft in „Bonanza“ wird auf ewig eines der großen Familienmodelle der Serienwelt bilden. Aber Steven Soderberghs „Godless“, die neue Westernserie bei Netflix, ist keine Sekunde lang „Bonanza“.

Die Grundillusion der alten Western, in Amerikas Weiten blühe ein Idyll der Aufrechten, Kernigen, Arbeitsamen, aus dem nur hin und wieder ein Schurke entfernt werden muss, ist geplatzt. Der Sechsteiler „Godless“ führt in ein Vakuum staatlicher Gewalt, in dem sich die Skrupellosen und die Brutalen breit gemacht haben. Dieses Szenario hat die Serie mit den meisten Kinowestern gemeinsam, die seit den späten Sechzigern gedreht wurden.

Nach dem Unglück in der Mine

Was „Godless“ vom Gros der Western in Kino und Fernsehen unterscheidet, ist die Rolle der Frauen. Die stehen hier nicht als herdhütende Dekoration in einer Welt der herben Hombres umher, sie haben selbst die Patronengürtel um. Im Kaff La Belle in New Mexico hat ein Minenunglück die männliche Bevölkerung komplett ausgelöscht. Anstatt ein Haufen leichter Opfer zu werden, schlüpfen die Frauen und Mütter mit großer Entschlossenheit in die Männerollen.

Sehen Sie hier den Trailer zur Serie:

„Godless“ könnte also die punktgenau startende Begleitserie zum #metoo-Aufschrei sein, könnte eine große Geschichte über das Ende männlicher Selbstherrlichkeit werden. Aber so weit gehen der Produzent Soderbergh („Ocean’s Eleven“, „Logan Lucky“) und der Autor und Regisseur Scott Frank, der die Drehbücher zu „Schnappt Shorty“ und „Minority Report“ geschrieben hatte, dann leider doch nicht. Um die Stadt der Frauen herum bauen sie eine klassische Männergeschichte vom fast aussichtslosen Kampf eines einzelnen Außenseiters gegen einen Gegner, der alle Trümpfe in der Hand zu haben scheint.

Mit beiden Beinen im Mist

Besetzt ist das gekonnt wider die Erwartungen. Der sonst oft milde Jeff Daniels etwa spielt den grimmigen Outlaw-Boss Frank Griffin, Michelle Dockery, als Lady Mary Crawley in „Downton Abbey“ bekannt geworden, gibt eine Rancherin, die mit beiden Beinen im Mist des rauen Alltags steht. Der Brite Jack O’Connell spielt den fast schon zu gespreizt ironisch Roy Goode („’71“) getauften Außenseiter.

David Milchs Westernserie „Deadwood“, die bei HBO 2006 wegen schwacher Zuschauerzahlen nach drei Staffeln abgewickelt wurde, bleibt nach wie vor ein unerreichter Genre-Höhepunkt in Sachen Charakterkomplexität, politischer Beschlagenheit, historischer Finesse und purer Sprachlust der Dialoge. Aber auch „Godless“ genießt die Mischung aus Bibelfetzen und Obszönitäten im Westen und weiß typsolche Genremomente höchst eindrucksvoll in Szene zu setzen. Wem „Bonanza“ viel zu brav ist, wer aber unter Dreck und Schmuddel noch ein wenig Westernmythologie durchscheinen sehen möchte, kann schon mal den Fernsehsessel satteln.

Netflix, alle sechs Folgen ab 22. November abrufbar




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