In Chile siegt mit José Antonio Kast bei der Präsidentenwahl ein Anhänger der Pinochet-Diktatur. Die Stichwahl mit Gabriel Boric findet am 19. Dezember statt.

Korrespondenten: Klaus Ehringfeld (ehr)

Santiago de Chile - Bei der Präsidentenwahl in Chile hat die Rechte einen überraschenden Sieg erzielt. Der neofaschistische Kandidat José Antonio Kast ging in der ersten Runde am Sonntag als Erster durchs Ziel und hat nun gute Chancen, kurz vor Weihnachten zum Nachfolger von Sebastián Piñera bestimmt zu werden. Der 55-Jährige kam auf knapp 28 Prozent der Stimmen. Auf dem zweiten Platz liegt mit knapp 26 Prozent der Linkskandidat Gabriel Boric, der lange als sicherer Sieger galt. Der 35-Jährige tritt für ein Linksbündnis an, das sich mit der Kommunistischen Partei verbunden hat. In seinem Programm finden sich viele der Forderungen wieder, die bei der Rebellion 2019 von denjenigen Chileninnen und Chilenen erhoben wurden, die wochenlang auf die Straßen gingen und zum Teil gewaltsam ein neues Sozial- und Wirtschaftsmodell forderten.

Sohn eines emigrieren Wehrmachtsoffiziers

Eine Stichwahl zwischen Kast und Boric war von den meisten Analysten vor der Wahl für möglich gehalten worden, aber kaum jemand hatte damit gerechnet, dass der Sohn eines emigrieren Wehrmachtsoffiziers so eine hohe Zustimmung bekommen würde. „Es ist eine Art massiver Gegenreaktion“, sagt Claudia Heiss, Politikwissenschaftlerin an der Universidad de Chile, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Er verspricht eine Rückkehr zur Normalität mit mehr Sicherheit und der Wiederherstellung der Ordnung.“ Chile habe in den vergangenen zwei Jahren seit dem Ausbruch des Aufstands viele „kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg gebracht oder umgesetzt, die einem Teil der Bevölkerung Angst machen“, unterstreicht Heiss. Carolina Tohá, Politologin und Ex-Ministerin, betont: „Der Konservatismus, der sich heute in Chile erhebt, ist kein faschistisches Monster, sondern es sind vor allem besorgte Menschen, die sich Gehör verschaffen wollen.“

Gabriel Boric als der große Verlierer

Kast hat nun auch im Gesamtblick auf das Wahlergebnis bessere Chancen, am 19. Dezember gewählt zu werden. Konservative oder rechte Kandidaten haben bei der Präsidentschafts- und Parlamentswahl insgesamt stark abgeschnitten. Zum einen hat der undogmatische Rechtspopulist Franco Parisi mit 13 Prozent ein überraschend hohes Ergebnis als Drittplatzierter geholt. Seine Stimmen gehen in ihrer Mehrheit eher zu Kast. Zudem wurde auch im gleichzeitig neu gewählten Senat die Rechte gestärkt.

Der große Verlierer vom Sonntag ist Gabriel Boric, er hat nur noch Außenseiterchancen, Staatschef zu werden. In Chile hat noch nie ein Zweitplatzierter eine Entscheidungsrunde gewinnen können. Ihm ist zum einen zum Verhängnis geworden, dass ein Großteil der Linken und jungen Chilenen ihn als zu nah an der politischen Elite und zu kompromissbereit beim Versuch wahrnimmt, politische Allianzen zu schmieden.

Erheblicher konservativer Teil in der Bevölkerung

Zudem sind Hunderttausende chilenische Wählerinnen und Wähler Kasts Diskurs gefolgt, der im Wahlkampf immer von der Entscheidung zwischen „Freiheit und Kommunismus“, zwischen „Frieden und Terrorismus“ schwadronierte. Vermutlich wählten ihn all diejenigen, die in den vergangenen umwälzenden Jahren stillhielten, aber Angst vor zu großen Veränderungen haben. Der große konservative Teil des Landes fürchtet vermutlich eine linke, junge Regierung und eine neue moderne Verfassung. Ein Sieg von Kast in vier Wochen würde auch die Suche nach einer neuen Magna Charta in Gefahr bringen. Er würde als Präsident alle Kräfte gegen die verfassunggebende Versammlung mobilisieren, die derzeit tagt und bis zum Sommer ein neues Grundgesetz ausarbeiten soll.

Kast wurde lange als ultrarechter Spinner kaum ernst genommen. Bei der Präsidentenwahl vor vier Jahren holte er acht Prozent der Stimmen und machte mit dem Satz auf sich aufmerksam: „Wäre Pinochet noch am Leben, würde er für mich stimmen.“ Kast hält die Zeit der Diktatur unter Augusto Pinochet (1973 bis 1990) noch immer für die beste Phase seines Landes. Ansonsten vertritt er Positionen, die rückwärtsgewandt sind.

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In kulturellen Fragen steht Kast für das, was der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa eine „höhlenartige Rechte“ nennen würde, die allergisch auf sexuelle und familiäre Vielfalt, die Gender-Agenda und Abtreibung reagiert. Seine Diagnose des Aufstands von 2019 ist ein Law-and-Order-Diskurs eines Staates, der sich gegen „Vandalen“ nicht mehr durchsetzen kann.

Chile stehen jetzt vier turbulente Wochen ins Haus, in denen ein harter Wahlkampf zwischen einer neofaschistischen Rechten und einer undogmatischen Linken geführt werden wird. Kast hat am Sonntagabend den Markstein gesetzt, indem er Boric direkt angegriffen und ihn für den Anstieg der Kriminalität, des Drogenhandels und für die institutionelle Krise verantwortlich gemacht hat.