Das Ergebnis aus dem ersten Wahlbezirk war deutlich: Max Reinhardt (FDP) führte zu diesem Zeitpunkt mit 62,6 Prozent, sein Kontrahent Markus Kleemann (CDU) lag bei 37,4. Doch je mehr Bezirke ausgezählt wurden, desto mehr schmolz Reinhardts Vorsprung – und auf den letzten Metern riss Kleemann das Ruder herum.
Der Sieger spricht von einem Herzschlag-Finale
Kurz vor 19 Uhr ist klar: Mit 50,25 Prozent wählten die Bürger Markus Kleemann zum Nachfolger von Bernd Vöhringer (CDU), der nach drei Amtszeiten nicht mehr antrat. Das entspricht 8136 Stimmen. Auf Max Reinhardt entfielen 49,75 Prozent, das sind 8056 Stimmen. Wahlberechtigt waren 43 709 Bürger, die Beteiligung lag bei 37,23 Prozent.
„Das war ein Herzschlag-Finale“, sagte Markus Kleemann kurz nachdem das vorläufige Wahlergebnis feststand. Vor einigen Monaten habe er in Sindelfingen noch niemanden gekannt, doch in kürzester Zeit habe er viel Rückhalt in der Stadt gewonnen. Sein Kontrahent Max Reinhardt verabschiedete sich kurz nach Verkündung des Wahlergebnisses aus dem Rathaus und stand für ein Statement nicht zur Verfügung.
Knapper Abstand schon nach dem ersten Wahlgang
Für Reinhardt (25) und Kleemann (40) war es die Stichwahl. Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen waren sie von den damals neun Bewerbern um das höchste Amt in der Stadt die beiden Bestplatzierten. Damals trennten die beiden weniger als zwei Punkte. Reinhardt hatte knapp 37 Prozent, Kleemann 35,4. Lukas Rosengrün (SPD), der Bürgermeister von Ehningen, der ebenfalls als aussichtsreicher Kandidat galt, war vor zwei Wochen auf dem dritten Platz gelandet.
Die Wahl galt auch deshalb als spannend, weil Reinhardt und Kleemann ganz unterschiedliche Kandidaten waren. Klare inhaltliche Differenzen gab es wenige. Umso größer waren die persönlichen Unterschiede.
Der Jurist Reinhardt, der für die FDP im Gemeinderat sitzt, spielte insbesondere die Karte des hier Verwurzelten. Er kenne die Stadt und die Rathausarbeit, sei bereits vielfältig engagiert und vernetzt.
Im Endspurt wurde der Wahlkampf aufregend
Markus Kleemann hingegen betonte seine Erfahrung als Bürgermeister und dass er den Blick von außen mitbringe. Nach der Auszählung des ersten Wahlgangs freute er sich, „dass die Wählerinnen und Wähler jemand mit Bürgermeister-Erfahrung haben wollen“. So deutete er die „deutliche Mehrheit, wenn man die Kleemann-Stimmen und die Rosengrün-Stimmen zusammennimmt.“
Kleemann ist seit zehn Jahren Bürgermeister der 7500 Einwohner zählenden Gemeinde Oberstenfeld im Kreis Ludwigsburg. Beobachter beschreiben ihn als Prototyp des jungen, strebsamen CDU-Bürgermeisters, ehrgeizig, integrativ, mit einem guten Gespür für Kommunikation. In seinem Gemeinderat genießt er breiten Rückhalt über alle Fraktionen hinweg. Seine Fähigkeit, sich in Szene zu setzen, wird zugleich als seine Schwäche beschrieben.
Im Endspurt wurde der Wahlkampf dann noch aufregend: Vorige Woche war Max Reinhardt wegen seines sorglosen Umgangs mit teils extremistischen Organisationen in die Kritik geraten. Auf sozialen Plattformen war ein Foto aufgetaucht, auf dem Reinhardt neben einem Anhänger der türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe zu sehen war.
Rückzug nach 24 Jahren als Stadtchef
Reinhardt wies im Nachgang die Vorwürfe von sich. Er lehne jede Art von Extremismus ab, werde aber trotzdem den Dialog mit Gruppen suchen, die teils problematische Ansichten hätten, sagte er zwei Tage vor der Wahl. Er fügte aber auch hinzu, dass dies für ihn Anlass sei, in Zukunft klar Haltung zu beziehen, ohne pauschal auszugrenzen.
Markus Kleemann übernimmt das Amt von Bernd Vöhringer, der 24 Jahre lang im Chefsessel im Sindelfinger Rathaus saß. Vorigen Dezember gab er seinen Rückzug aus der Lokalpolitik bekannt.