In einem seiner ersten Interviews seit seinem Amtsantritt vor gut 15 Monaten verrät Stihl-Chef Michael Traub, was ihn umtreibt und warum der Standort China fürs Unternehmen so wichtig ist.
Herr Traub, Sie haben vor Ihrem Wechsel zu Stihl viele Jahre in den USA gelebt. Was hat Sie bei Ihrer Rückkehr nach Deutschland am meisten bewegt?
Der Mangel an Digitalisierung in Deutschland ist erschreckend – egal ob in Behörden, Schulen, Universitäten oder im öffentlichen Dienst. Es geht mir nicht um Kleinigkeiten oder darum, ob man überall bargeldlos bezahlen kann, sondern wie man effiziente Geschäfts- und Verwaltungsprozesse gestaltet. Deutschland hat deutlich Nachholbedarf, bei der Politik angefangen.
Gilt das auch für Stihl?
Nein, wir haben bereits vieles digitalisiert. Wir stecken mitten in einer noch weitergehenden Transformation und investieren weltweit viel in die Verbesserung unserer Systeme und in neue Prozesse. Da geht es um die Fabrik der Zukunft, aber auch um Cybersicherheit. Digitalisierung ist mein Steckenpferd, deshalb bin ich auch für IT verantwortlich. Ich habe viele Jahre für Bosch in Kalifornien gearbeitet. Dort spürt man den Innovationsdrang, auch dadurch, dass nicht nur die Googles, Apples und Facebooks Dinge vorantreiben. In Deutschland haben wir diese Champions nicht und lassen uns in sehr starkem Maße von amerikanischen Unternehmen leiten. Die Familie Stihl aber hat mit ihrer Weitsicht den Grundstein gelegt, das Geschäft langfristig voranzutreiben.
Was hat Sie im Unternehmen überrascht?
Ich habe zuletzt sieben Jahre für amerikanische Finanzinvestoren gearbeitet, da kann je nach Geschäftszahlen ein kurzfristiger Schlingerkurs entstehen. Die Familie Stihl als Eigentümer dagegen denkt langfristig, das war ich schon gar nicht mehr gewohnt und ist sehr positiv.
Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel, der sich schon zum Arbeitskräftemangel entwickelt. Trifft das auch auf Stihl zu?
Wir müssen leider diesen Mangel teilen. Wir haben rund 360 offene Stellen allein im Stammhaus und suchen vor allem Ingenieurinnen und Ingenieure im Bereich Software, Maschinenbau, Mechatronik und IT, die uns bei der Transformation unterstützen sollen. Wir streben die doppelte Technologieführerschaft an und brauchen Spezialisten sowohl im Verbrennerbereich, den wir weiterentwickeln, als auch im Elektronikbereich, um unsere Akku-Technologie weiterzuentwickeln. In der Entwicklung arbeiten 800 Ingenieure und Ingenieurinnen, doch wir haben so viele Produkte in der Pipeline für die nächsten Jahre, die wir nur mit zusätzlichen Fachkräften schaffen.
Bremst der Fachkräftemangel Stihl aus?
Das ist eine Wachstumsbremse. Wir haben eine gute Ausbildungsquote in Fachberufen, auch dual Studierende und übernehmen jeden, den wir können. Doch wir müssen ganz aktiv rekrutieren und haben die Aktivitäten verstärkt, um die Lücke zu schließen. Stihl ist enorm gewachsen, 2019 lag der Umsatz bei 3,9 Milliarden Euro, 2022 waren es 5,5 Milliarden Euro. Der Großraum Stuttgart ist ein toller Standort, auf der anderen Seite sind wir im Wettbewerb mit vielen großen Namen, die auch eine sehr hohe Anziehungskraft haben. Ich will nicht nur jammern, denn der Name Stihl zieht, um Topleute zu gewinnen – auch dadurch, dass wir diesen Familiencharakter haben. Man ist hier nicht nur eine Nummer, sondern hat viele Entfaltungsmöglichkeiten, kann früh Verantwortung übernehmen und Dinge gestalten. Außerdem bieten wir gute Sozialleistungen – wie beispielsweise unsere Mitarbeiterkapitalbeteiligung oder die Altersvorsorge.
Und es gibt noch den Erfolgsbonus. Wie hoch ist der fürs abgelaufene Jahr 2022?
Die Erfolgsprämie für das Jahr 2022 beträgt 75 Prozent eines Bruttomonatsentgelts, das sind im Einstiegsbereich also mindestens 2600 Euro für Vollzeitbeschäftigte. Im Jahr zuvor waren es ebenfalls 75 Prozent. Die Prämie ist Ausdruck unserer hohen Wertschätzung gegenüber unserer sehr engagierten Belegschaft.
Zuwanderer sollen den Arbeitsmarkt retten. Haben Sie Vertrauen in die Politik, dass es gelingt, mehr Fachkräfte aus dem Ausland zu holen?
Wenn es die Politik ernst meint, muss sie reagieren. Es dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse sein. Die USA sind ein Einwanderungsland für Fachkräfte. Die Infrastruktur ist so ausgelegt, dass es Indern möglich gemacht wird, nach Silicon Valley, zu großen Banken oder woandershin zu kommen. Und der große Vorteil ist die englische Sprache. Ich bin als Ausländer in die USA gekommen, und ich hätte meinen Führerschein in Kalifornien in 45 verschiedenen Sprachen machen können. Wer nach Deutschland kommt, muss erst mal ein Zertifikat der deutschen Sprache nachweisen oder wieder gehen. Wenn Sie nicht zufällig in Bangalore ein großes Entwicklungszentrum haben und die Mitarbeiter hin und her entsenden können, wüsste ich nicht, warum ein Inder nach Deutschland kommen soll.
Sie haben die Sprache genannt, was wäre noch wichtig?
Die Entbürokratisierung des Prozesses. In der Liste der attraktivsten Länder für Fach- und Führungskräfte liegt Deutschland weit hinten. Wenn wir wirklich die Fachkräfte – egal ob Inder, Chinesen oder Amerikaner –nach Deutschland bekommen wollen, müssen wir auch entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Das ist die Aufforderung an die Politik, nicht nur nach Kanada, sondern auch nach Australien und in die USA zu schauen, wie man es dort macht. Ich habe viele Freunde, die sich mit dem Thema beschäftigen, aber sobald sie die Liste mit den Anforderungen durchgehen, entscheiden sie sich gegen Deutschland und lieber für die USA, Kanada oder Australien.
Stichwort China: Deutsche Firmen investieren dort nach wie vor massiv, aber man hat den Eindruck, dass sich der politische Kurs verändert hat. Deutsche Politiker haben Unternehmen aufgefordert, sich unabhängiger von China zu machen. Was bedeutet das für Stihl?
Man kann sich nicht von einer der größten Volkswirtschaften abkoppeln. Wir sind natürlich nicht naiv und sehen, was politisch passiert – die Informationspflichten, Antispionagethemen oder der Konflikt mit Taiwan. China ist ein wichtiger Markt, den wir nicht aufgeben. Wir haben seit 2006 eine Fabrik in Qingdao, die Asien, Amerika und Europa beliefert, außerdem ein Vergaserwerk in Südchina und eine große Vertriebsgesellschaft.
Werden Sie das Geschäft dort trotz der politischen Veränderung ausbauen?
Wir stehen zu China und investieren dort weiter, aber auch in anderen Regionen, um Risiken zu minimieren. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Lieferketten und Beschaffungsmärkte sehr instabil werden können. Wir bauen daher ein neues Werk in Rumänien, das 2024 in Betrieb gehen soll und den europäischen Markt mit Akkuprodukten versorgen wird – und vielleicht auch darüber hinaus.
In welchen Ländern hat Stihl noch Nachholpotenzial?
Im Bereich Landwirtschaft gibt es in Südostasien noch vielfältige Möglichkeiten für Stihl, dort, wo sich die Bauern noch keine Traktoren und Großgeräte leisten können, sondern noch mit handgetragenen oder einfachen, bodengeführten Motorhacken unterwegs sind. Alles was typisch ist für den Beginn von Landwirtschaft hat Stihl im Programm, auch Generatoren und Wasserpumpen. In Südostasien und Lateinamerika werden wir – wie in Afrika und China auch – den Verbrennungsmotor noch lange sehen. Und da stehen wir wieder zur schon erwähnten doppelten Technologieführerschaft. Westeuropa und Nordamerika werden immer mehr vor allem bei privaten Kundinnen und Kunden zum Batteriemarkt werden.
Sie haben kürzlich gesagt, dass es noch eine Weile dauern wird, bis es im Wald Steckdosen gibt. Warum liefern sie nicht einfach den Stromgenerator, dann wäre das Thema gelöst?
(Lacht.) Wir sind sehr kreativ und aktiv am Lade- und Energiemanagement. Das wird sich vor allem in den nächsten Jahren sehr dynamisch entwickeln, nicht so sehr im Forstbereich, sondern dort, wo Menschen den ganzen Tag mit unseren Geräten arbeiten – beispielsweise im Garten- und Landschaftsbau.
Also so eine Art „Stihl’scher Supercharger“?
So wie wir heute die Benzinkanister bei der Arbeit dabeihaben, müssen wir natürlich auch Strom verfügbar machen und ein verlässliches Laden am Einsatzort ermöglichen. Das wird ein ganz wichtiger Bestandteil, um die Transformation im Profibereich zu schaffen.
Von Ehingen in die Welt hinaus und ins Schwabenland zurück
Der Stihl-Chef
Für Michael Traub (54), der in Ehingen an der Donau geboren ist, hat sich der Wechsel zu Stihl wie „Nachhausekommen“ angefühlt. Der ehemalige Bosch-Manager ist seit 1. Februar 2022 Vorstandsvorsitzender. Er hat in Hohenheim Wirtschaftswissenschaft studiert und dann 20 Jahre im Ausland gelebt – in Asien, in den USA und Brasilien, er spricht auch fließend portugiesisch. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet, zusammen haben sie vier erwachsene Kinder. Das Ehepaar ist nach Stuttgart gezogen. „Was mich am meisten überrascht hat, wie international Stuttgart geworden ist“, sagt Traub. Er spielt gern Tennis und radelt auch. Weil Stuttgart so hügelig ist, hat er sich ein E-Bike gekauft – mit Antrieb von Bosch.
Die Familie
Sein erster Arbeitstag bei Stihl war in Brasilien – eine Reise mit dem persönlich haftenden Gesellschafter Hans Peter Stihl (91). Im Oktober fliegen beide wieder dorthin, um das 50-jährige Bestehen des Standorts zu feiern. Traub ist in engem Austausch mit der Familie, was Abstimmung, Festlegung von Strategien und das operative Vorgehen angeht.
Die Sozialleistungen
Stihl setzt auch auf freiwillige Sozialleistungen – etwa die Erfolgsprämie, die im Mai an rund 6000 Beschäftigte ausgezahlt wird. Es gibt auch noch die Mitarbeiterkapitalbeteiligung. Beschäftigte können jedes Jahr Genussrechte in Höhe von bis zu 1350 Euro kaufen. Davon müssen sie 450 Euro selbst zahlen, 900 Euro übernimmt Stihl. Abhängig vom Firmenerfolg werden die Genussrechte mit bis zu zehn Prozent pro Jahr verzinst.