Stillen im Realitätscheck Stuttgarter Mutter: „Ich hatte Angst vor dem nächsten Stillen“

Mittlerweile klappt das Stillen bei Julia Bosch und ihrem Kind problemlos. Foto: privat

Dem Kind die Brust zu geben – das klappt ja wohl von selbst, dachte unsere Autorin. Dann wurde sie Mutter. Wie schaffte sie es, dass Stillen heute für sie „unfassbar schön“ ist?

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Zartes Nuckeln, verliebte Blicke zum Baby – und schon fließt die Milch. So hatte ich mir Stillen vorgestellt, bevor ich Mutter wurde. Viel mehr hatte ich darüber nicht nachgedacht. Denn im Gegensatz zur Geburt – vor der ich riesigen Respekt hatte –, dachte ich, dass Stillen kein großes Thema sein würde.

 

Dann kam mein Baby auf die Welt. Und nach wenigen Stunden ahnte ich: Nein, ich hatte es mit der Geburt nicht „geschafft“. Da war keine Zeit für körperliche Erholung. Zeitweise dachte ich sogar: Lieber würde ich noch einmal eine Geburt erleben, anstatt weiter zu stillen. Bei jedem Anlegen musste mein Freund mir seinen Arm hinhalten. In den krallte ich mich mit meinen Fingern hinein, um irgendwie die Schmerzen auszuhalten, wenn mein Baby versuchte, Milch aus mir zu bekommen.

Milcheinschuss: Brüste wie Pamela Anderson

Innerhalb der ersten paar Tage kamen dann Begleiterscheinungen hinzu, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte: Milcheinschuss (man fühlt sich wie Pamela Anderson, aber es tut verdammt weh) oder Milchstau (tut ebenfalls weh, geht oft einher mit Fieber und Schüttelfrost). Und warum mehrere Krankenhäuser, wie etwa die Filderklinik, Lasertherapie für wunde und entzündete Brustwarzen anbieten, wurde mir nun auch klar.

Stillpause und ausruhen: Julia Bosch mit ihrem Sohn. Foto: privat

Ohne den Zuspruch von vielen Hebammen und noch viel mehr Ibuprofen hätte ich das Stillen nach wenigen Tagen aufgegeben. Denn ich entwickelte regelrecht Angst vor meinem Baby: Wann würde es wieder trinken wollen? Wie viele Minuten hatte ich noch, bis mir erneut schier die Tränen kommen würden?

Dass ich in dieser Situation das Stillen nicht abgebrochen habe und stattdessen meinem Baby Pre-Nahrung gegeben habe, liegt sicherlich auch an dem hohen gesellschaftlichen Druck, der auf Müttern lastet. Ich kenne keine einzige Frau in meinem Umfeld, die nach wenigen Tagen Stillen gesagt hat: Das war’s, ich höre auf. Schließlich wird einem von allen Seiten gesagt, dass Muttermilch das absolut Beste für ein Baby sei.

Heute, vier Monate später, stille ich völlig selbstverständlich auf dem Stuttgarter Marienplatz, in der S-Bahn, vor Freunden. Es fühlt sich beinahe genauso unspektakulär an, wie ein Glas Wasser zu trinken. Nach etwa sechs Wochen tat das Stillen endlich nicht mehr weh.

Stillen bringt ein Machtgefälle in die Beziehung

Und weil die Schmerzen inzwischen fast vergessen sind, werden meine Gefühle zum Stillen vielschichtiger. Ich genieße es einerseits, dass ich mir um die Nahrung meines Babys nie Sorgen machen muss. Dauert ein Ausflug länger als geplant, werde ich nicht panisch, denn ich habe jederzeit alles in der richtigen Temperatur und Konsistenz dabei. Und wenn der Kleine überreizt oder müde ist, kann ich ihn mit Stillen immer beruhigen und oft auch zum Schlafen bringen.

Andererseits bringt Stillen in eine Paarbeziehung eine Art von Machtgefälle, unter dem beide leiden. Meinem Freund fehlt dieses „ultimative“ Beruhigungsmittel. Er muss öfter und länger Wut- oder Weinanfälle unseres Babys aushalten. Zugleich kann ich nie irgendwo alleine entspannt hingehen. Steht ein Termin meines Rückbildungskurses an oder möchte ich mal Sport machen, muss ich die Stunden davor akribisch planen, damit mein Partner oder meine Eltern nicht zu Hause verzweifeln mit einem hungrigen Baby. Und während mein Freund problemlos abends Freunde treffen kann oder zu Junggesellenabschieden übers Wochenende eingeladen wird, war ich seit Februar in keiner Bar mehr. Ja, ich könnte Milch abpumpen. Nur muss das Baby die Milch aus einem Plastikfläschchen eben auch annehmen und trinken. Das gelingt nicht immer.

Trotzdem bin ich sicher, dass mir das Stillen fehlen wird, wenn ich in wenigen Wochen anfangen werde, Brei zu kochen. Zudem ahne ich, dass mir die Nähe fehlen wird. Denn inzwischen sind da tatsächlich so etwas wie verliebte Blicke, während er trinkt. Danach hat er fast immer beste Laune, strahlt mich an und gibt lustige Laute von sich. Außerdem genieße ich die Ruhepausen während des Stillens. Für einige Minuten können sowohl mein Baby als auch ich durchatmen und neue Kraft sammeln. Dass ich diesen Satz einmal schreiben würde, hätte ich vor drei Monaten nicht geglaubt, aber: Stillen ist tatsächlich etwas unfassbar Schönes.

Die Autorin

Julia Bosch
(33) ist Redakteurin unserer Zeitung und wurde Anfang 2025 Mutter. Während ihrer Elternzeit wird sie in mehreren Artikeln erzählen, wie ihre Vorstellungen übers Muttersein mit der Realität zusammenprallen. Sie lebt mit Freund und Sohn in Stuttgart.

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