Stillprobleme beim Säugling Kurzes Zungenband:Ist der Schnitt nötig?

Schon für die Kleinsten ist eine bewegliche Zunge wichtig: Hat die Zunge zu wenig Spielraum, kann es Stillprobleme geben. Foto: stock.adobe.com/Svitlana

Tauchen Probleme beim Stillen auf, kann die Ursache ein zu kurzes Zungenband beim Baby sein. Doch ob dieses behandelt werden muss – und wenn ja, mit welcher Methode – darüber herrscht Uneinigkeit.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Hat die Zunge des Kindes zu wenig Spielraum, bekommen Mütter das früh zu spüren: Es hapert beim Stillen. Der Säugling kann die Brustwarze mit dem Mund nicht richtig umfassen, er trinkt nicht richtig, ist unruhig und schreit. Die Mutter ist verzweifelt, die Brust schmerzt und irgendwann fließt auch die Milch nicht so, wie sie sollte. „Ein zu kurzes Zungenband“, so sagt es die zertifizierte Still- und Laktationsberaterin Márta Guóth-Gumberger, „führt in vielen Fällen zu richtig Stress.“ Erfolgt dann keine frühzeitige Beratung und Behandlung, können sich daraus auch gesundheitliche Probleme entwickeln – sowohl für die Mutter als auch für das Kind.

 

Ärzte, Hebammen und Eltern achten mehr auf das Zungenband

Seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt sich Guóth-Gumberger zusammen mit der Innsbrucker Kinderärztin Daniela Karall mit der kleinen Schleimhautfalte zwischen Zungenunterseite und Mundboden – und versucht aufzuklären: Mütter, Hebammen und vor allem Kollegen. „Früher hat man Stillprobleme, die aufgrund eines zu kurzen Zungenbands aufgetreten sind, eher abgetan“, sagt Karall, die der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde vorsteht. „Dann gab es eben die Flasche.“

Da jedoch auch seitens der Weltgesundheitsorganisation die gesundheitliche Bedeutung des Stillens für Mutter und Kind propagiert wird, stehen Anatomie und Funktion des Zungenbands nun stärker im Fokus.

Bei manchen Kindern ist diese Membran zu weit an der Zungenspitze angesetzt und führt dort bei Zungenbewegungen zu einer Einkerbung. Das wird vorderes Zungenband genannt. „Teils kann das Häutchen auch weiter hinten ansetzen und zu kurz sein“, sagt Karall. Auch dann habe die Zunge kaum Spielraum. Dann sprechen Experten vom hinteren zu kurzen Zungenband.

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Drei Prozent aller Neugeborenen haben ein zu kurzes Zungenband

Wie viele Babys mit einem zu kurzen Zungenband auf die Welt kommen, kann nur geschätzt werden „In wissenschaftlichen Untersuchungen wird von 1,2 bis 12,7 Prozent gesprochen“, sagt Karall. Sie selbst geht von etwa drei Prozent aller Neugeborenen aus. Das wären hierzulande bei 693 000 Geburten im Jahr 2023 rund 20 800 Kinder mit dieser anatomischen Besonderheit.

Wobei ein zu kurzes Zungenband nicht per se behandlungsbedürftig ist: „Die Diagnostik ist komplex, die Symptome sind nicht einheitlich“, sagt Guóth-Gumberger. So kann es bei betroffenen Kindern zu wechselnden Funktionsstörungen kommen: teils tauchen die Probleme nicht beim Stllen, sondern erst bei der Beikost auf – wenn das Kind Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken zeigt. Auch kann es zu Problemen bei der Aussprache oder Zahn- und Kieferfehlstellungen kommen.

Behandlungsleitlinien für Diagnose oder Therapie gibt es nicht

Um die Beweglichkeit der Zunge zu beurteilen, greifen Stillberaterinnen häufig auf den Untersuchungsbogen der US-amerikanische Still-Expertin Alison Hazelbaker zurück. Zusätzliche Informationen erhebt ein von Guóth-Gumberger und Karall entworfene Beurteilungskonzept. Dabei gilt es etwa zu klären: Nimmt das Kind zu, hat die Mutter Schmerzen beim Stillen, braucht es Zufütterung? „Es muss das Gesamtbild betrachtet werden“, sagt Guóth-Gumberger. Erst dann kann Eltern geraten werden, einen Behandler aufzusuchen – und gegebenenfalls das kurze Zungenband zu durchtrennen.

Tatsächlich herrscht aber in der Medizin darüber, ob und wie dieser Eingriff vonstatten gehen soll, Uneinigkeit. Im Olgahospital des Klinikums Stuttgart etwa, Deutschlands größtem Kinderkrankenhaus, sieht man von einer zu frühen Trennung des Zungenbands ab: Es gebe zu wenige wissenschaftliche Belege für einen Nutzen, sagt Thomas Strahleck, Kinderarzt und Oberarzt in der Klinik für Neonatologie und neonatologische Intensivmedizin. „In den meisten Fällen ist mit einer Dehnung des zu kurzen Zungenbands in den ersten Lebenstagen viel zu erreichen.“

Eingriff wird von der Krankenkasse übernommen

Dass nicht jedes zu kurze Zungenband durchschnitten werden muss, davon ist auch der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Stephan Kühnemann überzeugt: „Hat sich die Situation für Mutter und Kind trotz Unterstützung einer Stillberatung nicht verbessert, halte ich eine Durchtrennung des zu kurzen Zungenbands für angebracht.“ Seit Jahren behandelt der Mediziner mit Weiterbildung zum Kinder-HNO-Arzt in seiner Praxis in Stuttgart auch Babys mit zu kurzem Zungenband: Ein kleiner Schnitt mit dem Skalpell oder Schere – in Sekundenschnell absolviert.

Kühnemann arbeitet mit der Stillambulanz der Hebammenpraxis Sonnenberg – ebenfalls in Stuttgart ansässig – zusammen. Der Leiterin, Claudia Wellmann, ist es ein Anliegen in ihrer Stillberatung eine Anlaufstelle zu bieten, wo betroffenen Familien zeitnah geholfen werden kann – alles im Rahmen einer Kassenleistung. „Bei Eltern herrscht bei diesem Thema viel Unsicherheit und es gibt hierzulande kaum eine objektive Beratung dazu“, sagt die Hebamme.

So werben immer mehr Zahnarztpraxen damit, das Zungenband mittels Laser zu durchtrennen. Und nicht nur das: Bei der Prozedur können auch weitere sogenannte orale Restriktionen wie Wangen- oder Lippenbänder durchtrennt werden. Ein Trend, der in den USA dazu geführt hat, dass sich im Frühjahr führende Hals-Nasen-Ohren-Ärzte in der New York Times zu Wort gemeldet und vor diesen Eingriffen gewarnt haben.

Auch die Expertinnen Guòth-Gumberger und Karall sehen diese Entwicklung kritisch: „Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz,dass Laser-Verfahren schonender oder erfolgreicher sind, als der kurze Schnitt mittels Schere oder Skalpell“, sagt die Innsbrucker Kinderärztin. Auch sei unklar, welchen gesundheitlichen Nutzen die Durchtrennung der Wangenbänder und des Lippenbands für das Stillen bringe. Zudem koste die Laserbehandlung einige hundert Euro und sei eine Selbstzahlerleistung.

Durchtrennung von Zungenband ist kein Allheilmittel

Hinzu kommt, dass nach der Laserbehandlung der Mundboden der Kinder wochenlang alle paar Stunden gedehnt werden muss, um weitere Verwachsungen zu verhindern. „Dieses Training verursacht Schmerzen und kann die Stillbeziehung wieder nachhaltig verschlechtern“, warnt die Stillberaterin Guóth-Gumberger. Letztlich, so ergänzt es Karall, ist die Durchtrennung des zu kurzen Zungenbands kein Allheilmittel von Stillproblemen. „Meist liegen mehrere Gründe vor, weshalb das Kind an der Brust nicht oder nicht angemessen trinkt.“ Daher sei eine gute Vor- und Nachsorge bei einer zertifizierten Stillberaterin essenziell.

Umstrittene Eingriffe beim Zungenband

Überdiagnose
 Für die Behandlung von zu kurzen Zungenbändern (Ankyloglossie) gibt es international keine einheitliche Regelung. Allerdings haben Diagnose der Ankyloglossie und Häufigkeit der Durchtrennung (Frenotomie) weltweit stark zugenommen. Überdiagnosen sind daher möglich.

Stillen
Der Titel Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant) ist international geschützt. Nur examinierte Still- und Laktationsberaterinnen dürfen ihn tragen. Kontakt zu ihnen gibt es über den Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen (IBCLC): www.bdl-stillen.de .  

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