In Zuffenhausen steht eines der 16 Wahllokale in Deutschland, in denen türkische Staatsangehörige über den künftigen türkischen Präsidenten abstimmen können. Seit Donnerstagmorgen wird gewählt. Eine Momentaufnahme.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Mehr als ein kleines Meinungsbild kann es nicht sein, das am Donnerstagmorgen in Form einer Umfrage vor dem gut besuchten türkischen Wahllokal in der Lorenzstraße in Zuffenhausen entsteht; dort können bis zum 9. Mai die rund 150 000 wahlberechtigten türkischen Staatsbürger aus Württemberg ihre Stimme abgeben. Dabei fällt auf, wie oft der Name des amtierenden türkischen Präsident Recep Erdogan fällt.

 

Da ist die 29-jährige Stuttgarterin, die eine Baseballmütze trägt – und nicht etwa ein Kopftuch – und von den Erfolgen des Präsidenten schwärmt. Erdogan habe das Land vorangebracht, Flughäfen gebaut und vieles mehr. Klare Sache also: „Die anderen haben nichts in der Birne“, sagt sie lächelnd. Ein Mitfünfziger aus Ulm, der nach der Nachtschicht nach Zuffenhausen gefahren ist, um gleich am ersten Tag wählen zu können, sagt im Vorbeigehen auf die Frage „Wer gewinnt?“: „Der Alte! Ich geh schlafen.“

Das Argument „Stabilität“ ist häufig zu hören

Erdogan, immer wieder Erdogan: „Er schützt die eigenen Leute“, sagt ein junges Ehepaar aus Stuttgart, das wie die meisten anderen nicht namentlich genannt werden will. Ein 28-Jähriger, der in Balingen aufgewachsen ist, wirft der Opposition in der Türkei vor, mit „Terroristen“ zu sympathisieren – sein Vorwurf richtet sich gegen die linksgerichtete, kurdisch geprägte HDP. Schon deshalb stimmt der junge Mann für Erdogan und sagt auf Schwäbisch: „Heimat isch wichtig!“

Auch der 32-Jährige, der mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern von Heilbronn gekommen ist, gibt dem Amtsinhaber seine Stimme. Er hat sich die Entscheidung allerdings nicht leicht gemacht. „Ich hab viel mit meinen Verwandten in der Türkei gesprochen und mir ihre Meinung angehört“, sagt er. Ausschlaggebend war für ihn die „Stabilität“, die heute in der Türkei herrsche. Überzeugt hätte ihn auch, wie staatliche Organisationen nach dem verheerenden Erdbeben im Februar reagiert hätten. Er selbst war dort, um zu helfen. „Da habe ich erlebt, wie die einen reden und die anderen handeln.“

Drei Generationen, eine Meinung

Frei von Zweifeln ist ein älteres Ehepaar aus Stuttgart. Ohne Erdogan drohe dem Land ein Szenario wie in Syrien, warnen sie. Ohne Erdogan würden sich Hunderttausende zusätzliche Flüchtlinge auf den Weg hierher machen – „wie in einem Bienenschwarm“. Eine Familie aus Erdmannhausen – Mutter, Sohn und Schwiegermutter – preist Erdogans Verdienste um die Infrastruktur. Früher seien die Krankenhäuser schmutzig gewesen, heute blitzblank. „Er macht viel“, sagt die 47-Jährige mit wallendem schwarzen Haar, die sich selbst als „Gastarbeiterkind“ bezeichnet. Ihr 19-jähriger Sohn, der das Schiller-Gymnasium in Marbach besucht, pflichtet ihr bei. Und auch die 74-Jährige nickt. Drei Generationen, eine Meinung: Erdogan!

Feuer und Flamme für den seit 20 Jahren regierenden Amtsinhaber ist Celalettin Güler, Taxifahrer aus Heilbronn: „Es geht um unser Land, unsere Zukunft, unsere Kinder“, sagt er und formt die Hand zu einem Gruß, wie ihn Erdogan verwendet: vier ausgestreckte Finger und den Daumen auf den Handballen gedrückt. Der 58-Jährige, der seit 1977 in Deutschland lebt, erinnert an die Zeiten vor Erdogan, als die Türkei von anderen Ländern abhängig gewesen sei. Und das Demokratieproblem? Güler winkt ab. Auch in Deutschland gebe es Defizite.

Ist denn niemand anderer Meinung? Stimmt denn niemand für Kemal Kilicdaroglu, den Herausforderer Erdogans? Eine Frau aus Stuttgart gibt sich als Anhängerin der Opposition zu erkennen: „Der Diktator muss weg!“ sagt sie und schaut zum Himmel: „Ich hoffe, denn er hilft nur seinen Leuten.“ Es bleibt zunächst die einzige kritische Stimme - nicht völlig überraschend, denn schon bei der Wahl 2018 haben die in Deutschland lebenden Türken mit klarer Mehrheit für Erdogan gestimmt.

Der Wahlauftakt in Stuttgart verläuft spannungsfrei

Das könnte sich jetzt wiederholen, muss es aber nicht. Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der 60 000 Mitglieder zählenden Türkischen Gemeinde, erwartet auch unter den Türken in Deutschland ein knappes Rennen. Wichtig sei, dass die Wahl spannungsfrei begonnen hätte, sagt er. Einen Eindruck, den auch die Stuttgarter Polizei bestätigt, die vor dem Wahllokal Präsenz zeigt. Sofuoglo führt den ruhigen Auftakt darauf zurück, dass in Deutschland diesmal kaum große Wahlveranstaltungen stattgefunden haben. Trotzdem versuchten die beiden Bewerber ihre Anhänger zu mobilisieren. Das Stimmungsbild in Zuffenhausen interpretiert er als Zeichen dafür, „wie intensiv das Erdogan-Lager das zu Beginn der Wahl tut“. Der Wahltag in der Türkei ist der 14. Mai.