Stimmen zur US-Wahl aus dem Kreis Böblingen „Amerika, was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?“
Donald Trump ist zurück. Das stößt im Kreis Böblingen auf Besorgnis und Unverständnis. Es gibt aber auch Menschen, die sich offen darüber freuen.
Donald Trump ist zurück. Das stößt im Kreis Böblingen auf Besorgnis und Unverständnis. Es gibt aber auch Menschen, die sich offen darüber freuen.
Am Tag nach der US-Wahl steigt Stefan Göllner in New York in den Flieger nach Deutschland. Dass die Ausreise in sein Heimatland nach 45 Jahren, die er in den USA gelebt hat, ausgerechnet auf dieses Datum fallen würde, war reiner Zufall. Dennoch war es wohl genau der richtige Zeitpunkt, meint der 60-Jährige, der aus familiären Gründen in den Kreis Böblingen zurückzieht. „Erschreckend, aber nicht überraschend“, findet er Donald Trumps erneute Wahl ins Präsidentenamt.
„Amerika kann sich einfach nicht dazu zusammenraffen, eine schwarze Frau ins Weiße Haus zu wählen“, sagt der IT-Spezialist, der zuletzt in einem Haus in Connecticut gelebt hat. Auf der US-Wahlen-Landkarte ist der Ostküstenstaat traditionell Demokraten-Blau eingefärbt. Allerdings mehren sich nach Stefan Göllners Beobachtung auch hier die roten „Trump“- und „MAGA“-Flaggen in den Vorgärten seiner Nachbarschaft. „Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Obama nie ins Amt gewählt worden wäre“, sagt er rückblickend. Den Aufstieg von Donald Trump und seiner teils offen rassistischen Bewegung sieht er als unmittelbare Gegenreaktion darauf.
Das Land sei zutiefst gespalten und er sehe nicht, wie sich dies in absehbarer Zeit ändern könnte. Im Gegenteil: „Er wird versuchen, die Demokratie abzuschaffen“, sagt Stefan Göllner, der bürgerkriegsartige Zustände befürchtet. „Schließlich haben nicht nur die Republikaner AR-15s“, sagt er mit Blick auf die in den USA so weit verbreiteten Sturmgewehre.
Ähnlich düster blickt der Böblinger Alvin Mills in die Zukunft. Der in Kentucky geborene Profi-Musiker postet auf seiner Facebook-Seite eine Art Nachruf auf die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Tage als freiheitliche Demokratie aus seiner Sicht wohl gezählt sind. „Amerika, was zur Hölle hast du dir dabei gedacht, einen verurteilten Straftäter zurück ins Oval Office zu wählen?“, fragt der in Alabama aufgewachsene Mills in seinem mit zahlreichen Schimpfwörtern und Passagen in Großbuchstaben durchsetzten Beitrag. Mills macht „weiße Privilegien“ dafür verantwortlich, dass Trump nicht schon längst im Gefängnis sitzt
In seinem Post rechnet er mit all den Wählergruppen ab, deren Entscheidung er nicht nachvollziehen kann: die Latinos, die Trump verunglimpft und aus dem Land werfen will; die Schwarzen, die ihn trotz seiner rassistischen Äußeren unterstützen; und die Frauen, die sich nach dem geänderten Abtreibungsgesetz jetzt von einem selbsterklärten „Pussy-Grabber“ vorschreiben lassen würden, was mit ihren Körpern geschehen dürfe.
Auf eine Art habe die Wahl Trumps aber auch etwas Gutes, lautet Mills bitteres Fazit: „Jetzt sehen wir nämlich die Gesichter der Unterdrücker“, sagt er über die Trump-Anhänger, deren Vorurteile und Rassismus sie jetzt nicht mehr verstecken, sondern offen zeigen würden.
Der Deutsch-Amerikaner Kurt Kindermann aus Leonberg hat neben der deutschen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Der Chef des FDP-Stadtverbands hat für Kamala Harris gestimmt, sieht aber mehrere Faktoren, die zu Trumps Wahlsieg beigetragen haben – allen voran Inflation, Einwanderung und innere Sicherheit. Die Republikaner hätten geschlossen hinter ihm gestanden. Die Wählerbasis nennt der ehemalige hochrangige Kripobeamte, der als Profiler unter anderem beim FBI aktiv war, „fast schon fanatisch“.
Dass es für Kamala Harris trotz eines „ausgezeichneten Wahlkampfs“ nicht gereicht hat, liege laut Kindermann auch an der allgemeinen Unzufriedenheit mit Joe Biden. Angesichts Trumps Machtfülle – die Republikaner haben künftig die Mehrheit in Senat und Kongress – sowie mit Blick auf die angedrohten Strafzölle müssen Deutschland und Europa aus seiner Sicht autarker werden.
„Wir müssen uns warm anziehen“, sagt der Leonberger Kardiologe und Amerika-Kenner Werner Metz „Auf den Märkten dort hissen sie Trump-Flaggen und gehen für ihn auf die Straße. Er wird fast wie ein Erlöser gefeiert“, schildert der langjährige Kreisrat der Freien Wähler die Eindrücke seiner jüngsten Reise im Sommer. „In ländlichen Regionen ticken die Menschen völlig anders als in den großen Städten an den Küsten. Auf dem Land gelten die Demokraten quasi als Kommunisten.“
Auch in Deutschland dürfte es zahlreiche U.S. Citizens geben, die den Wahlsieg von Donald Trump feiern – insbesondere wohl unter Militärangehörigen. Von diesen eine Stellungnahme zu bekommen, erweist sich als schwierig. „Es ist uns verboten, uns öffentlich zu politischen Themen zu äußern“, erklärt ein hochrangiger Army-Soldat aus dem Kreis Böblingen.
Aber es gibt auch Deutsche, die den Wahlausgang begrüßen – wie Gerlinde Hargraeves. Die Grafenauerin ist mit einem Briten verheiratet und beobachtet nach eigener Aussage die politischen Entwicklungen in den USA sehr genau. „In meinen Augen ist es ein Kampf zwischen gesundem Menschenverstand und absurden Ideologien, die sich leider nicht nur in den USA, sondern auch hier verbreitet haben“, sagt sie.
Mit Aussagen wie „Abtreibung ist Mord“ und „Wen würde wohl ein Baby wählen?“ zeigt sie, dass sie mit vielen Trump-Anhängern auf einer Linie ist. Den „teils massiven Druck“ auf Kinder und Jugendliche, für sich eine Geschlechtsidentität zu wählen, hält sie für „absoluten Irrsinn“, der mit Kamala Harris zum Standard werden würde, und bei einer offenen Grenze zu Mexiko würden sich doch nur Kinderschmuggler und illegale Einwanderer auf die Schulter klopfen.
„Unter Donald J. Trump gab es keinen Ukraine-Krieg und auch keinen Großangriff der Hamas, der Hisbollah und des Irans auf Israel“, analysiert Gerlinde Hargraeves. Trumps Stärke sei von politischen Figuren weltweit geachtet worden. „Ich nutze meinen gesunden Menschenverstand und halte mich an eine Wertebasis und Moralvorstellungen, die vor 50 Jahren noch Allgemeingut in Deutschland waren“, sagt sie. Trump teile diese Werte und Moralvorstellungen, „weshalb ich seine Präsidentschaft sehr begrüße“, so die Grafenauerin.
Panzerkaserne
Die amerikanischen Streitkräfte in der Böblinger Panzerkaserne sind Teil der Garnison Stuttgart. 1945 übernimmt das US-Militär die ehemalige Wehrmachtskaserne. Seit 1990 sind dort Spezialeinheiten und Marines stationiert. Im Jahr 2007 verlagert die US-Army die Standortverwaltung Stuttgart in die Panzerkaserne. Damit wird der Standort zur zivilen Verwaltungszentrale für rund 23 000 in der Region stationierte US-Soldaten und ihre Angehörige.
Stadt in der Stadt
Neben der Elementary High School mit rund 1200 Schülern aus dem gesamten Raum Stuttgart gibt es in der Panzerkaserne unter anderem eine große Shopping Mall. Der Panzer Exchange (kurz: PX) gilt als Deutschlands zweitgrößter US-amerikanischer Supermarkt.