Ein ganzer Club muss sich erst mal schütteln, sortieren und dann personell neu ordnen. Das braucht Zeit. Schließlich wird nicht nur ein VfB-Präsident gesucht, sondern muss gleichzeitig auch das neu geschaffene Amt eines Vorstandsvorsitzenden für die AG, die ausgegliederte Profiabteilung, besetzt werden. Interessenten gibt es genug für diese beiden Posten, die bis Ende des Jahres eingetütet sein sollen – etwa den Schorndorfer OB Matthias Klopfer (SPD), der sein Interesse am Präsidentenamt bereits öffentlich gemacht hat. Andere potenzielle Kandidaten halten sich noch bedeckt, beobachten dabei genau das mögliche Betätigungsfeld. Nur nicht zu früh aus der Reserve locken gehen. Schließlich ist im Moment noch nicht abzusehen, wohin die Reise beim VfB geht, weil dessen Ausrichtung noch undeutlich ist.
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Verfolgt der Club den eingeschlagenen Weg von Wolfgang Dietrich konsequent weiter, dem ein Plan mit stark wirtschaftlicher Betonung zugrunde liegt? Damit wird beim VfB Wilfried Porth in Verbindung gebracht, der in einem StZ-Interview Ende April deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, dass er große Vorbehalte gegenüber Ex-Fußballern in leitenden AG-Funktionen habe. Das klang bei ihm damals schon fast nach einem Ausschlusskriterium. Außerdem ist zu hören, dass Wolfgang Dietrichs Wunschkandidat als Vorstandschef, der ehemalige Düsseldorfer Robert Schäfer, weiterhin im Rennen um diesen Posten ist.
Ohlicher ist der letzter Fußballer im VfB-Aufsichtsrat
Auf der anderen Seite formieren sich Ex-Spieler, die den erneuten Abstieg des VfB mit der fehlenden Fußballexpertise in den Gremien in Verbindung bringen, so wie Thomas Berthold. „Die sportliche Kompetenz muss sofort erhöht werden, und der Präsidialausschuss muss mit Vertretern, die aus dem Sport kommen, besetzt werden. Das Sportliche muss auch im Aufsichtsrat dominieren. Mit scheint da zu viel Gewicht auf wirtschaftliche Interessen gelegt zu sein“, sagt der Ex-Nationalspieler und Weltmeister von 1990 gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“. Und dann nennt Berthold Namen: „Karl Allgöwer und Rainer Adrion sind bereit und auch willens mit mir in den Aufsichtsrat zu gehen.“ Clublegende Allgöwer war schon einmal in beratender Tätigkeit für den VfB aktiv, bis er festgestellt hat, dass auf seine Meinung kein gesteigerter Wert gelegt werde, weshalb er wieder ausstieg. Der ehemalige VfB-Nachwuchs-Chef Rainer Adrion wiederum hielt auf der Mitgliederversammlung eine viel beachtete Rede, in der er die VfB-Defizite sachlich analysierte und sich auf dem Podium von Wolfgang Dietrich nicht bremsen ließ.
Im aktuellen VfB-Aufsichtsrat hat im Moment nur Hermann Ohlicher eine Fußballvergangenheit. „Die aktuelle Konstellation führt dazu, dass die Mitbestimmung der VfB-Mitglieder in Sachen Profifußball eingeschränkt ist oder werden kann, insbesondere sobald neben Daimler ein weiterer Investor einen Aufsichtsratsposten anstrebt. Genau diese wirtschaftlich unternehmerische Ausrichtung führt dazu, dass sportliche Kompetenz kaum zur Geltung kommt“, meint Berthold, der davon berichtet, dass bereits entsprechende Sondierungsgespräche mit dem neuen Präsidiumsmitglied Hans H. Pfeifer stattgefunden haben. „Wir haben erklärt, dass wir zeitnah zur Verfügung stehen, in den Aufsichtsrat berufen zu werden “, sagt Berthold. Über allem schwebt dann aber noch der Name Jürgen Klinsmann. Und der wirkt im besonderen Maß elektrisierend und inspirierend auf die Mehrheit der VfB-Mitglieder, weil ihm zugetraut wird, den Club zu motivieren und zu einen.
Die Frage, wie sinnvoll es ist, Ex-Fußballer ins Präsidium oder in den Aufsichtsrat zu berufen, wird ganz unterschiedlich beantwortet. Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und zuvor Franz Beckenbauer haben den FC Bayern über Jahrzehnte geprägt. Und bei Werder Bremen ist der Ex-Nationalspieler Marco Bode der Chef des Aufsichtsrats. In den Kontrollgremien der Bundesligisten ist häufig ein Ex-Profi vertreten, Personen aus Wirtschaft und Politik sind aber meist in der Überzahl.
Die Ultras sind gesprächsbereit
Zu Personalien will man sich im Führungszirkel des VfB jetzt noch nicht äußern. Lieber rückt hat man unmittelbar vor dem Zweitliga-Start die Mannschaft in den Vordergrund. Als Stimmungsmacher vor dem Heimspiel an diesem Freitag gegen Hannover 96 gibt Tim Walter dann auch eine gute Figur ab. Der neue Mann ist der personifizierte Optimismus, „aber kein Gute-Laune-Bär“, wie er auf seiner ersten Stuttgarter Spieltags-Pressekonferenz betont. So viel gelächelt, gegrinst und gescherzt hat noch kein VfB-Trainer beim Blick auf den Saisonauftakt. Walter spricht von Mut, Überzeugung und Freude. „Das alles will ich vorleben“, sagt er. Und davon, dass sich seine Mannschaft allein auf das Spiel gegen Hannover fokussiert, dass die Mitgliederversammlung und ihre Folgen von der Mannschaft registriert wurden, aber ansonsten keine Rolle spielen würden.
Vom Druck, der auf ihm und der Mannschaft lasten könnte, ist bei Tim Walter überhaupt nichts zu spüren. Obwohl ein gelungener Auftakt so wichtig für den VfB wäre, es keinen besseren Sofortkleber für den sich unter dem Präsidenten Wolfgang Dietrich spaltenden Club gäbe.
Das weiß man auch beim Commando Cannstatt. Die Ultra-Gruppierung hat lautstark und auf Plakaten gut sichtbar Kritik an Wolfgang Dietrich und dessen Verbindung zur Firma Quattrex geübt. Deren Geschäftsmodell beinhaltet, Fußballvereinen erfolgsabhängige Darlehen zu geben und daran zu verdienen. Auch an direkte Konkurrenten des VfB. „Wir hoffen, dass wir uns nicht noch einmal so deutlich gegen eine Person und gegen das, wofür sie steht, positionieren müssen“, sagt ein Sprecher des Commando Cannstatt gegenüber der StZ und betont, dass der Club wieder auf offene Ohren bei den Ultras stoße. „Wir brauchen jetzt einen Präsidenten, der den Club eint“, heißt es von Commando-Cannstatt-Seite.
Weiter wolle man sich aber nicht in die Personalpolitik einmischen. „Jeder innerhalb des VfB soll die ihm zugeteilte Rolle einnehmen und die Kompetenzen nicht mehr überschreiten“, sagt der Sprecher mit Blick auf die Präsidentenwahl am 15. Dezember.
Das Wir-Gefühl soll aber gleich gestärkt werden. Die Ultras rufen wieder zur Fankarawane unter dem Motto „Alle in Weiß“ auf. Die setzt sich an diesem Freitag um 18.30 Uhr vom Cannstatter Bahnhof Richtung Stadion in Marsch.