Stolperstein Lucie Hain-Illfelder Diese Böblingerin hat den Grauen der Nazis überlebt

Lucie Illfelder, fotografiert bei ihrer Konfirmation im Jahr 1913. Foto: Stadtarchiv Böblingen

Die Böblingerin Lucie Hain-Illfelder überlebte knapp den Holocaust. Nun soll ihr mit einem Stolperstein gedacht werden. Der OB wehrt sich gegen eine Vereinnahmung ausgerechnet der AfD.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Verfolgt, entrechtet, deportiert, misshandelt: Die Böblingerin Lucie Hain-Illfelder war eines von Millionen Opfer der Nationalsozialisten. Nur mit Glück überlebte die 1899 geborene Hain-Illfelder die deutsche Vernichtungspolitik. Am Dienstagabend beschloss der Verwaltungsausschuss einstimmig, der Holocaustüberlebenden mit einem Stolperstein zu gedenken.

 

Mit dieser Entscheidung reagiert die Stadtverwaltung auf einen SPD-Antrag aus dem Jahr 2023. Dem aktuellen Vorhaben vorausgegangen war zudem eine tiefgehende Recherche einer Mitarbeiterin des Stadtarchivs zu jüdischem Leben in der Stadt. Dabei rückte Lucie Hain-Illfelder, wie sie in der Vorlage der Stadtverwaltung immer genannt wird, in den erinnerungspolitischen Fokus.

Durchgeführt würde die Stolpersteinverlegung durch den Künstler Gunter Demnig am letzten Wohnort in der Unteren Käppelestraße, Hausnummer 6.

Beruflich vor allem in Böblingen Fuß gefasst

Lucie Illfelder kam kurz vor der Jahrhundertwende in Stuttgart als uneheliches Kind zur Welt. Kurz darauf kam das jüdisch-stämmige Mädchen in eine Pflegefamilie nach Böblingen namens Hammelsbacher. Fortan wurde Illfelder „Hammelsbacher Lucie“ genannt. Nach der Volksschule absolvierte Illfelder eine Ausbildung zur Kontoristin und arbeitete bei Daimler in Sindelfingen und den Klemm-Werken in Böblingen. Im Jahr 1920 heiratete sie den „Nicht-Juden“ Karl Hain. 1924 kam Tochter Lucie Anne zur Welt.

In der Unteren Käppelestraße, einem Seitenarm der Straße „Am Käppele“ wohnte Hain-Illfelder bis 1944. Foto: Dudenhöffer

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Hain-Illfelders drastisch. Entrechtungen nahmen zu: Die Kontoristin durfte aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Im Vergleich zum Großteil der Juden im Reich bewahrte nur die „Mischehe“ Hain-Illfelder vor einer Deportation. Als ihr Mann aber im Jahr 1943 starb, war Lucie Hain-Illfelder der Gewaltpolitik der Nazis schutzlos ausgeliefert.

Knapp der Ermordung in Auschwitz entgangen

Im Januar 1944 verhaftete die SS Lucie Hain-Illfelder und deportierte sie in das KZ Theresienstadt. Bis 1945 erlebte sie dort qualvolle anderthalb Jahre, in denen sie aufgrund der Mangelversorgung, der hygienischen Verhältnisse, Unterernährung und Hunger an Grippe, Scharlach, Angina, Diphterie und Typhus litt. Der Ermordung in Auschwitz entkam Hain-Illfelder, weil sie im KZ als Krankenpflegerin tätig war und den Nazis vermutlich unabkömmlich schien.

Im Sommer 1945 kehrte Hain-Illfelder nach Böblingen zurück. Nur ihre Tochter und sie überlebten. Sie hatte zeitlebens mit den physischen und psychischen Folgen des Erlebten zu kämpfen. 1968 starb Lucie Hain-Illfelder. Ihre Tochter wohnte bis zu ihrem Tod in den 1990er-Jahren in Böblingen.

Fraktionen begrüßen das erinnerungspolitische Signal

Den Stolperstein für Lucie Hain-Illfelder unterstützen alle Fraktionen. Die ursprüngliche Initiatorin des Antrags, die SPD-Stadträtin Gerlinde Feine, begrüßte den Vorschlag. Sie würde sich eine Ausweitung der Erinnerungspolitik wünschen. Thorsten Breitfeld (CDU) unterstrich: „Erinnerungspolitik ist heute wichtiger denn je, weil dadurch deutlich wird, wie schnell Menschen in Unrechtsregimes das Leben zur Hölle gemacht werden kann.“ Hanna Behm (Grüne) regte an, weitere „Stolperstein-Kandidaten“ zu recherchieren. Böblingens OB Belz sieht in Zeiten „aufsteigenden Rechtspopulismus“ die Notwendigkeit eines solchen erinnerungspolitischen Signals.

Die Tiefbauarbeiten für die Verlegung des Steins werden üblicherweise über Spenden finanziert. Belz machte deutlich, dass er für diese Summe keine Parteispende akzeptiere – und schon gar nicht von der AfD, die dies in den Raum gestellt hatte. Das hätte einen „Zungenschlag“, und das lehnt der Böblinger OB entschieden ab. Mit Verwunderung aufgenommen wurde auch allgemein der Beitrag von AfD-Stadtrat David Alber. Dieser betonte in seiner Wortmeldung: „Das ist ein wichtiges Thema. Ich denke, dass die AfD-Fraktion dieses Vorhaben unterstützen wird. Das wird manche überraschen. Viele glauben nämlich, die AfD hätte etwas gegen Juden. Das ist aber falsch. Innerhalb der AfD gibt es eine eigene Gruppe namens ‚Juden in der AfD’. Wir haben uns auch immer zu Israel bekannt.“

Sowohl der Zentralrat der Juden als auch in der politischen Bildung aktive Organisationen wie die Heinrich-Böll- oder die Amadeo-Antonio-Stiftung sehen bei der AfD eine Partei mit klaren antisemitischen Tendenzen. Als Belege dienen unzählige Äußerungen von führenden AfD-Politikern wie Alexander Gauland („Vogelschiss“) und Björn Höcke („Denkmal der Schande“/„erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“). Auch die Verwendung von Codes wie „Globalisten“ und „Great Reset“, in der Pandemie angestellte Vergleiche der Anti-Corona-Maßnahmen mit dem NS-Terrorregime oder Verbindungen in die Neonaziszene sprechen Experten zufolge eine deutliche Sprache.

Nach Willen aller Gremiumsmitglieder soll weiter nach Böblinger Opfern des Nationalsozialismus recherchiert werden. Weitere Menschen mit jüdischen Wurzeln, denen mit Stolpersteinen gedacht werden könnten, gibt es nach Einschätzung des Stadtarchivs wohl nicht. Dafür soll der Schwerpunkt auf politisch verfolge Böblinger gelegt werden, die ein änhliches Schicksal wie Lucie Hain-Illfelder erlitten und zwischen 1933 und 1945 deportiert wurden. Derzeit stehen für Rudolf Oehlers in der Brühlstraße und für Berta Kettenmann in der Pestalozzistraße bereits zwei Stolpersteine, die an Böblinger NS-Opfer erinnern.

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