Stolpersteine in Backnang Gegen das Vergessen

Von Annette Clauß 

Am Donnerstag werden in Backnang Stolpersteine für zwei Euthanasie-Opfer der Nazis gelegt. Es sind die letzten vor Häusern, die als letzter selbstgewählter Wohnort von Betroffenen bekannt sind. Unterlagen über Patienten aus den damaligen Heilanstalten sind nur noch selten vorhanden.

Der Künstler Gunter Demnig Foto: Archiv/Gottfried Stoppel
Der Künstler Gunter Demnig Foto: Archiv/Gottfried Stoppel

Backnang - Versetzt“ lautet der lapidare Hinweis auf den Krankenakten von Maria Martha Paul und Karl Strauß. Tatsächlich sind die beiden Backnanger, die zuvor mehrmals in der Heilanstalt Winnenthal behandelt worden waren, im Jahr 1940 in die Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb verfrachtet und dort umgebracht worden. Am Donnerstagvormittag, rund 75 Jahre nach ihrer Ermordung, verlegt der Kölner Künstler und Bildhauer Gunter Demnig zur Erinnerung an diese beiden Euthanasieopfer zwei Stolpersteine (siehe „Gunter Demnig in Aktion“).

Unterlagen in Heilanstalten sind rar

„Das sind die beiden letzten Stolpersteine, bei denen wir definitiv die letzten selbstgewählten Wohnorte der Opfer kennen“, sagt Bernd Hecktor von der Backnanger Initiative Stolpersteine über die Aktion am Donnerstag. Die Suche nach Spuren der Ermordeten führt die Mitglieder der Initiative häufig in Archive, in denen sie mal mehr, mal weniger Informationen finden. Gerade in Heilanstalten gebe es oft keine Unterlagen mehr, sagt Bernd Hecktor. In der Anstalt in Winnenden, wo Maria Martha Paul, genannt Martha, und Karl Strauß in Behandlung waren, sei genau das der Fall: „Da ist nichts mehr da.“ Eine Ausnahme bilde die Diakonie Stetten: „Dort haben sie jeden Zettel aufgehoben.“

Auch die Hilfe von Angehörigen ist wichtig. Bei Martha Paul und Karl Strauß aber habe sich selbst nach mehreren Aufrufen kein Verwandter gemeldet, erzählt Bernd Hecktor: „Oft lebt die Familie ja auch gar nicht mehr am Ort.“ Fotos von Martha Paul und Karl Strauß hat die Stolperstein-Initiative daher keine auftreiben können. Doch über Martha Paul ist dank der im Staatsarchiv Ludwigsburg erhaltenen Krankenakte bekannt, dass sie braune Augen und dunkle Haare hatte. Geboren im Jahr 1892, war sie eine waschechte Backnangerin, ihr Vater war als Schuhmacher tätig. Sie selbst arbeitete schon als junge Frau in der Spinnerei Adolff.

Von den Nazis als „nutzlose Esserin“ bezeichnet

Mit Anfang 30 kam Martha Paul erstmals in die Heilanstalt Winnenthal, die Diagnose, allerdings mit Fragezeichen: Katatonie, eine psychomotorische Störung. Fünf Heimaufenthalte in sechs Jahren führten dazu, dass Martha Paul von den Nazis als „nutzlose Esserin“ eingestuft wurde, obwohl sie noch Hausarbeiten verrichten konnte. Am 23. Juni 1940 wurde sie in einer Gaskammer in Grafeneck ermordet.

Nur wenige Wochen später wurde der 51-jährige Karl Strauß in Grafeneck getötet. Der Sohn eines Gerbers war im Alter von 20 Jahren erstmals in Winnenden behandelt worden. Möglicherweise litt er an Hebephrenie, einer Form von Schizophrenie. Arbeitsunfähig und krank – das gnadenlose Urteil eines Mediziners bedeutete für Karl Strauß den Tod.

Nach Martha Paul und Karl Strauß stehen noch Stolpersteine für vier weitere Euthanasieopfer in Backnang aus. Die Gedenktafeln würden wohl im Oktober verlegt, sagt Bernd Hecktor.

Doch für die Initiative Stolpersteine ist die Erinnerungsarbeit damit nicht vorbei: „Momentan wissen wir von 16 in Konzentrationslagern ermordeten Backnangern. Das ist sehr viel für eine kleine Stadt mit damals 10 000 Einwohnern.“