Stolpersteine in Esslingen gestohlen Die Erinnerung ist stärker

Christel Köhle-Hezinger, Isabel und Jana Könekamp sowie Reinhold Riedel (von links) vom Verein Denk-Zeichen können sich nicht erklären, was unbekannte Täter dazu gebracht hat, zwei der drei Stolpersteine vor dem Gebäude Obertorstraße 45 herauszubrechen. Foto: Horst Rudel

Zehntausende Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig bereits verlegt, um an NS-Opfer zu erinnern – einige auch in Esslingen. Nun haben Unbekannte zwei der kleinen Gedenktafeln in der Obertorstraße gestohlen. Der Verein Denk-Zeichen will umgehend ein Zeichen setzen und erhält Unterstützung von OB Matthias Klopfer.

Esslingen - Die Tat macht auch Tage später fassungslos: Unbekannte haben in der Nacht zum vergangenen Samstag zwei Gedenktafeln aus dem Gehweg vor dem Gebäude Obertorstraße 45 herausgebrochen und entwendet. Ein dritter Stolperstein blieb unangetastet. Obwohl der Staatsschutz sofort die Ermittlungen aufgenommen hatte, liegen die Motive weiterhin im Dunklen: War es eine politisch motivierte Tat? War es ein denkbar dummer Streich? Oder hatten es der oder die Diebe auf das Metall abgesehen? Während über all das bislang nur spekuliert werden kann, steht für den Esslinger Verein Denk-Zeichen, der zahlreiche Stolpersteine in Esslingen initiiert hat, fest: Die Gedenktafeln werden so rasch wie möglich ersetzt. Bis dahin verdeckt eine weiß-rote Warnbake die Stelle, wo der NS-Opfer Jette Löwenthal, Ilse Löwenthal und Rosalie Oppenheimer gedacht wird, die im Gebäude Obertorstraße 45 gelebt hatten, ehe sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden.

 

Staatsschutz ermittelt

Der oder die unbekannten Täter hatten zwei der drei im Gehweg einbetonierten Gedenktafeln im Format 96 mal 96 Millimeter herausgehebelt und mitgenommen – von den so genannten Stolpersteinen fehlt seither jede Spur. Ein Ladenbesitzer hatte am vergangenen Samstagmorgen ein Loch im Trottoir bemerkt und die Polizei verständigt. Ein städtischer Mitarbeiter hat das Loch im Gehweg provisorisch abgedeckt, damit daraus keine Stolperfalle wird. Weil ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann, ermittelt der Staatsschutz. Die Beamten hoffen auf Hinweise, weil das Herausbrechen der Steine Lärm verursacht haben muss, der von Anwohnern und Passanten bemerkt worden sein könnte.

OB Klopfer appelliert

Oberbürgermeister Matthias Klopfer hat die Tat scharf verurteilt: „Mit großem Entsetzen habe ich von der Entwendung von zwei Stolpersteinen in der Obertorstraße erfahren. Das Entfernen der Gedenktafeln ist eine Straftat, die insbesondere moralisch und auch ganz symbolisch im Straßenbild eine offene Wunde hinterlässt. Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger, auf die Stolpersteine sowie die Erhaltung aller Mahnmale und Gedenkstätten zu achten. Schauen Sie nicht weg, wenn diese Erinnerungsstücke an ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt verschwinden.“ Für den Oberbürgermeister ist es selbstverständlich, dass die fehlenden Stolpersteine rasch ersetzt werden müssen und dass die Stadt die Kosten dafür übernimmt, weil diese Tat alle Esslinger betreffe.

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Der Verein Denk-Zeichen kann sich bis heute nicht erklären, was Menschen dazu bringt, das Gedenken an Opfer der NS-Zeit derart zu stören. Über die Motive mag Vorstandsmitglied Reinhold Riedel nicht spekulieren: „Entscheidend ist, dass wir diesen Akt des Vandalismus – ob er nun politisch oder anders motiviert sein mag – nicht zulassen. Falls jemand versucht haben sollte, die Erinnerung auszulöschen, hat er mit dieser Tat das Gegenteil erreicht.“ Deshalb hat der Verein beim Künstler Gunter Demnig, der europaweit zusammen mit lokalen Partnern wie Denk-Zeichen schon etwa 90 000 Stolpersteine verlegt hat, bereits angeklopft, um neue Stolpersteine für Jette und Ilse Löwenthal in Auftrag zu geben. „Eigentlich ist Gunter Demnig auf Monate hinaus beschäftigt“, berichtet Denk-Zeichen-Vorstandsmitglied Isabel Könekamp. „Als er jedoch gehört hat, was in der Obertorstraße geschehen ist, hat er sofort zugesagt, noch im Dezember die beiden Stolpersteine zu schicken.“

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Zeugen gesucht

Für die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Christel Köhle-Hezinger, die sich bei Denk-Zeichen engagiert, steht mehr denn je fest, dass der Verein in seinem Engagement nicht nachlassen darf: „Stolpersteine halten das Gedenken lebendig. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Erinnerung nie auslöschen lässt.“ Dabei sieht sie auch die folgenden Generationen in der Pflicht – junge Menschen wie Jana Könekamp, die wie viele andere Esslinger Schülerinnen und Schüler schon vor Jahren mit Stolpersteinen in Kontakt gekommen war und sich seither nicht nur selbst für dieses Anliegen engagiert, sondern auch ihre Mutter Isabel zum Mitmachen motiviert hat. „Dieses Engagement zeigt, dass junge Menschen nachfolgen, die das Gedenken an die NS-Opfer in die Zukunft tragen“, freut sich Professorin Christel Köhle-Hezinger.

Das Polizeirevier Esslingen sucht weiterhin unter Telefon 07 11/39 90-0 Zeugen, die sachdienliche Hinweise geben können.

Gedenken auf Schritt und Tritt

Stolpersteine
 „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Deshalb hat der Künstler vor Jahren ein Projekt auf den Weg gebracht, das an die Opfer der NS-Zeit erinnert – Juden, politisch Verfolgte, Euthanasieopfer, Zwangsarbeiter, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma. Demnig erweist ihnen die Ehre, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einlässt. Seine Stolpersteine liegen heute bundesweit in 1265 Kommunen 21 Ländern Europas. Auch in Esslingen erinnern Stolpersteine an die Opfer der NS-Zeit.

Obertorstraße 45
 Vor diesem Gebäude erinnern Stolpersteine an drei der Esslinger NS-Opfer: Jette Löwen-thal (geboren 1873 und 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt gestorben), ihre jüngste Tochter Ilse Löwenthal (geboren 1909 und nach ihrer Deportierung 1942 in Riga ermordet) und Rosalie Oppenheimer (1870 geboren und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet).

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