Stolpersteine in Stuttgart-Süden Putzen gegen das Vergessen

Mörike-Schüler putzen den Stolperstein für Hermine Mayer. Foto: Ev. Mörike Schule
Mörike-Schüler putzen den Stolperstein für Hermine Mayer. Foto: Ev. Mörike Schule

Diese Woche haben Schüler der Stuttgarter Mörike-Schule den Stolperstein für die 1942 in Treblinka ermordete Jüdin Hermine Mayer gereinigt. Mit der Aktion halten die jungen Leute die Erinnerung wach an die Gräueltaten der NS-Diktatur vor Ort.

Innenstadt: Kathrin Wesely (kay)

S-Süd - Ende vergangenen Jahres hat der Stuttgarter Süden beschlossen, dass seine Stolpersteine mal gereinigt gehören. Dies ist natürlich nur die vordergründige Argumentation. Tatsächlich geht es natürlich, die Erinnerung an das Unrecht und vor allem an die Menschen, die es erleiden mussten, wach zu halten. Der Bezirksbeirat hatte die Putzmittel bewilligt, und diese Woche haben sich Schüler der Mörike-Schule gemeinsam mit ihrem stellvertretenden Schulleiter Volker Störzinger mit Eimer und Schwämmchen auf den Weg gemacht. Für sie war der Akt des Putzen bewegend: „Auch 79 Jahre später spüren wir welches Unrecht den Menschen im Dritten Reich widerfahren ist. Auch wenn wir keine Schuld und Verantwortung für die Vergangenheit tragen, sollten wir all diese Grausamkeit nicht vergessen“, schreiben rückblickend die drei Schülersprecher, Amélie Schwarz, Nikscha Volkmar und Bruno Wagenblast.

Deportation der Alten

In der Aktion wurde der Stolperstein für Hermine Mayer gereinigt, die im September 1942 in Treblinka ermordet worden war. Ihren Stein hatte die Schulgemeinschaft des Evangelischen Mörike 2005 gestiftet. „Durch die Arbeit der Stolperstein-Initiative wissen wir mittlerweile, dass Hermine Mayer noch am 29. Juli 1942 in Buchau am Federsee den Wittwer Siegfried Fleursheimer heiratete“, berichten die Schüler. Der Gatte war Teilhaber der Ledergroßhandlung Heinrich Richheimer & Cie im Stuttgarter Westen. Am 22. August 1942 wurde die beiden alten Leute zusammen mit weiteren 937 Menschen vom Stuttgarter Nordbahnhof aus in das „Altersghetto“ nach Theresienstadt deportiert. Siegfried Fleursheimer war bald nach der Ankunft tot. Seine Frau wurde zur Vernichtung nach Treblinka weitertransportiert. Hier verliert sich Ihre Spur.

Angesichts dieser Schicksale steigt in den jungen Leuten Dankbarkeit auf – Dankbarkeit dafür, in einer friedlichen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft zu leben. Für sie bedeuten diese Privilegien auch Verpflichtung. Die drei Schüler wollen ihre Lehren ziehen aus der NS-Geschichte: „Wir alle tragen Verantwortung hinsichtlich gleichwertiger Integration aller gesellschaftlicher Gruppen in die Gesellschaft, unabhängig deren Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion sowie Gesinnung, Weltanschauung, nationaler oder sozialer Herkunft oder Minderheitenzugehörigkeit.“ Gesellschaftliches Miteinander funktioniere nur auf der Basis von Toleranz und Respekt.

Schwämme gegen die Patina

Im Stuttgarter Süden sind mehr als 130 Stolpersteine verlegt worden. Der Künstler Gunter Demnig, der mit der Aktion 1990 begonnen hatte, reist noch heute herum, um die Gedenksteine eigenhändig in die Trottoirs einzulassen – in Deutschland und in 20 weiteren Ländern. Allerorts sind sie der Witterung ausgesetzt, weshalb das Messing mit den Jahren von dunkler Patina überzogen wird, sodass Namen und Daten schlechter lesbar sind. Demnig empfiehlt daher Reinigung und Pflege. Oft übernehmen das örtliche Vereine und Initiativen.




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